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Platz für große Träume

Von Jan-Martin Wiarda

Mit dem neuen Institute of Science and Technology (IST) will Österreich die besten Naturwissenschaftler aus aller Welt anlocken. Werden die Forscher dem Ruf in die Provinz folgen?

Platz für große Träume© IST AustriaHauptgebäude des Institute of Science and Technology (IST) in Klosterneuburg/Österreich
Der Präsident bittet zum Interview. Er werde auf Englisch antworten, erklärt sein Sprecher schon am Telefon, dafür könnten die Fragen auf Deutsch gestellt werden. »Der Präsident versteht jedes Wort. Er fühlt sich nur wohler, wenn er Englisch sprechen kann.« Es ist eine Episode, die eigentlich nicht weiter bemerkenswert ist in der Welt der Spitzenforschung von MIT, Harvard oder der ETH Zürich, in der das Führungspersonal international rekrutiert wird. Eigentlich. Denn der erste Präsident des Institute of Science and Technology Austria (IST), der Interviews mit deutschsprachigen Journalisten grundsätzlich nur auf Englisch gibt, heißt Thomas Henzinger und ist geborener Österreicher. Muttersprache: Deutsch.

Im vergangenen Herbst wurde es eröffnet, das Institut, das Österreichs Anschluss an die wissenschaftliche Weltklasse sichern soll - doch vorerst sind es vor allem eigenwillige Gesten, die den Anspruch des IST demonstrieren. Das IST Austria sei Österreichs Version der deutschen Exzellenzinitiative, verkündet sein erster Präsident stolz, im Grunde jedoch ist es mehr eine Art Antithese, ein radikaler Gegenentwurf: Anders als die Deutschen hat die ehemalige Regierungskoalition aus Konservativen und der rechtsgerichteten FPÖ sich vor fünf Jahren entschieden, nicht das bestehende Uni-System in all seinen vermeintlichen Verkrustungen aufzuwerten, sondern etwas ganz Neues zu schaffen. Eine Spitzen-Uni am Reißbrett sozusagen, die die besten Naturwissenschaftler aus aller Welt anziehen soll.

Es ist ein ehrgeiziger Plan, den die österreichische Bundesregierung verfolgt, hier draußen am Donauufer, wo sich die letzten Ausläufer von Alpen und Karpaten treffen, der Wienerwald seinen Anfang nimmt und eine gewaltige Klosterfestung aufragt, die dem beschaulichen Ort seinen Namen gegeben hat: Klosterneuburg. Bis 2016 will die Regierung 400 Millionen Euro für ihre Elite-Vision lockermachen, auf dem Gelände der früheren Nervenheilanstalt Maria Gugging. Um die Standortentscheidung gegen das nahe gelegene Wien und für das als rückständig verschriene Niederösterreich leichter zu machen, legte die Landesregierung 130 Millionen drauf. Im Verhältnis zur Einwohnerzahl steht dem IST Austria damit mehr Geld zur Verfügung, als Deutschland bislang an Förderung für seine neun Elite-Unis zusammen ausgegeben hat. Doch während die gleichzeitig gestartete Exzellenzinitiative bereits in die dritte Vergaberunde geht, recken sich hier noch die Kräne.

Sieben Professoren hat das Institut bislang, 50 sollen es werden

Zwei mannshohe Mauerstücke mit dem Institutslogo flankieren nach dem Vorbild amerikanischer Spitzenuniversitäten die Einfahrt, die am Dorfrand zwischen Billa-Supermarkt und Bushäuschen von der Landstraße abgeht, dahinter zwei strahlend weiß sanierte Krankenhausbauten und ein gerade eingeweihtes Auditorium. Ansonsten steht hier am Hang, abgesehen von einer Großbaustelle, noch nicht allzu viel. Sieben Professoren hat das Institut mit der für seinesgleichen fast schon obligatorischen Dreibuchstabenabkürzung bislang, eines Tages sollen es 50 Topforscher sein, samt Labors, Forschungsgruppen und ein paar Hundert handverlesenen Studenten.


Besagte Eigenwilligkeiten führen übrigens auch dazu, dass die IST-Leute die Bezeichnung »Uni« für ihr Institut weit von sich weisen. Vielleicht, weil »Institut« forschungslastiger klingt. Vielleicht aber auch, weil sie sich so deutlicher von den übrigen staatlich finanzierten Hochschulen abheben, die derzeit unter dem Regierungssparkurs und wütenden Studentenprotesten ächzen (siehe auch Kasten). Der Ärger darüber, dass der Staat bei aller Knappheit ausgerechnet für die Elite-Uni in die Vollen geht, ist immer noch groß. »Exzellenz ist nichts, was man von oben verordnen könnte«, warnt Georg Winckler, der als Rektor der benachbarten Universität Wien gern selbst den begehrten Elitestatus erlangt hätte - und jetzt schon seit Wochen Hörsaalbesetzer im Nacken hat. »Exzellenz muss jeden Tag verdient werden, mit kleinen und mit großen Erfolgen.« Das IST ist auf Bewährung, bevor es überhaupt etwas getan hat. Das weiß auch Thomas Henzinger. Das Gebäude, in dem er unter einer Stuckdecke von einer »in einem Wissenschaftlerleben einmaligen Chance« schwärmt, war früher die Anstaltsverwaltung.

Es riecht neu hier drin, viel Glas, teure Parkettböden und ein verwaister Empfangstresen warten auf Menschenmengen, die hier einmal ein und aus gehen sollen. Bislang verläuft die Personalsuche eher schleppend, dabei ist man noch nicht einmal wählerisch, was die Fachgebiete der Forscher angeht: Man hat bisher Computerwissenschaftler und Biolo gen geworben, es können aber gern auch Experten anderer Fächer sein. Der größte Coup war die Verpflichtung von Henzinger selbst: ein Computerwissenschaftler von Weltrang, der in Stanford geforscht hat, an der Cornell University, in Berkeley und zuletzt an der ETH Lausanne. Zwischendurch war er noch Direktor eines Max-Planck-Instituts. Eine beeindruckende Karriere für einen 48-Jährigen. »Wir können nicht mehr zahlen als Harvard oder Oxford«, sagt Henzinger in seinem schottisch anmutenden Englisch. »Wir können mithalten, das schon. Aber der wirkliche Mehrwert, den wir bieten, ist, dass bei uns noch nicht alles verregelt ist. Wir haben noch keine Traditionen, die es zu beachten gilt. Man könnte sagen, wir begründen die Traditionen für die nächsten 50 Jahre. Da mitzugestalten ist ein Anreiz.« Es ist eine lange Rede, der man anhört, dass der ISTPräsident sie oft halten muss in diesen Tagen und wohl oft auch vergeblich, wenn er unterwegs ist auf einer seiner internationalen Rekrutierungsreisen. Gibt es überhaupt eine Art Geheimrezept für Harvard, Oxford und Co? Einen Masterplan, wie man sich aus dem Nichts an die internationale Spitze katapultieren könnte? Glaubt man Olaf Kübler, dann ist es so. Kübler war Präsident der ETH Zürich, er sitzt im Universitätsrat des Karlsruhe Institute of Technology (KIT), noch so einer Dreibuchstabeneinrichtung, die im Rahmen der deutschen Exzellenzinitiative aus der Verschmelzung von Universität und Forschungszentrum Karlsruhe entstanden ist. Zusammen mit Hubert Markl, dem ehemaligen Präsidenten der Max-Planck-Gesellschaft, und dem Israeli Haim Harari hat er 2006 den »Bericht des Internationalen Komitees« ausgearbeitet. Es ist die Blaupause für die Struktur des Instituts, »seine Verfassung«, wie Kübler sagt. Hier könne man endlich einmal die ideale Hochschule bauen, »ohne die Schwächen in Kauf nehmen zu müssen, die man anderswo über all die Jahre festgestellt hat«.

Die drei IST-Väter gehören zu den führenden Köpfen der weltweiten Wissenschaftlerszene, und die österreichische Bundesregierung hatte den Mut, ihrer Fantasie tatsächlich freien Lauf zu lassen - mit dem Ergebnis, dass das neue Institut über einen Grad an Unabhängigkeit verfügt, von dem andere europäische Spitzen-Unis nur träumen können. Welche Forscher das IST berufen will, wie viele und in welchem Zeitraum, welche Konditionen es ihnen anbietet, all das entscheidet die Institutsführung allein. Und im Unterschied zu den deutschen Max-Planck-Instituten besitzt das Institut von Anfang an das begehrte Promotionsrecht. »Es ist Forschungsinstitut und Hochschule zugleich«, sagt Kübler. Bis zu 50 neue Master- und Promotionsstudenten sollen jährlich aufgenommen werden - wie viele genau, auch das können die Professoren je nach ihrem Bedarf frei entscheiden. Fest steht, dass jeder einzelne Student von Anfang an ein Gehalt beziehen wird und keine Gebühren zahlen muss.

Das IST will hoch hinaus. Und tatsächlich wird sich sein Erfolg daran ablesen lassen, wie viele Neubauten eines Tages am Hang stehen werden. Hinter den paar vorhandenen Gebäuden streckt sich das Institutsgelände über viele Hundert Meter in die Höhe hinauf, vorbei an abschüssigen Wiesen und Waldstücken. Ein gewaltiger Stauraum für Exzellenz, wenn sie denn kommt nach Klosterneuburg.


Nichts lenkt hier von der Arbeit ab, so abgeschieden liegt die neue Uni

Krishnendu Chatterjee ist schon da. Der 31 Jahre alte Inder mit dem weichen Händedruck war in Berkeley und Santa Cruz, Henzinger hat ihn nach Klosterneuburg geholt. Er ist einer jener Wissenschaftler, von denen der Präsident sagt, man wolle hier die möglichen Nobelpreisträger von morgen, nicht die von gestern, die ihren Forscherzenit schon überschritten hätten. Chatterjee zählt zu den Hoffnungsträgern seines Fachs, der Computerwissenschaften. An die Kälte Mitteleuropas muss er sich indes noch gewöhnen, und so lässt er die blaue Regenjacke lieber geschlossen, während er in seinem Büro mit den halb leeren Bücherregalen hockt. Er hat Großes vor in den nächsten Monaten: ein paar exzellente Studenten auswählen, eine Gruppe verheißungsvoller Nachwuchswissenschaftler um sich versammeln und dann das entscheidende Stück weiterkommen mit seinem Projekt. An »qualitativen Aspekten der Spieltheorie« forsche er, setzt er zu einer Erklärung an - und gibt dann auf, mit einem Lächeln. Lieber lobt er noch ein wenig das »außergewöhnliche Klima« am IST. »Das Leben ist einfach hier«, sagt er. »Man kann sich ganz auf seine Arbeit konzentrieren.« Man könnte auch sagen: Das Institut liegt so abgeschieden, es gibt nichts Spannendes, was einen ablenken könnte.

Ein paar Türen weiter haben sich Paul Bendich, 30, und Bei Wang, 28, eingerichtet. Bendich ist Amerikaner, Wang Chinesin. Bis vor Kurzem haben beide an der Duke University im US-Bundesstaat North Carolina gearbeitet, Bendich als Postdoc, Wang an ihrer Doktorarbeit. Dann ist ihr Professor von Thomas Henzinger abgeworben worden, und sie mussten mitgehen. Jetzt geben sie sich Mühe, das Positive an ihrer Situation herauszustellen. »Das ist für mich wie ein Auslandssemester«, sagt Bei Wang, die »auf jeden Fall« nach Amerika zurückgehen will. Bendich hat immerhin einen Zweijahresvertrag. »Als Wissenschaftler muss man flexibel sein«, sagt er, seine Augen blitzen hinter den runden Brillengläsern auf. »Man muss da hingehen, wo die Jobs sind. So einfach ist das.« Was auch heißt: Die guten Wissenschaftler, die nach Klosterneuburg kommen, sind genauso schnell wieder weg, wenn ihnen eine andere Hochschule bessere Bedingungen bietet. Wäre es daher doch nachhaltiger gewesen, die Exzellenzmillionen ausschließlich in bestehenden Universitäten anzulegen? Nein, sagt selbst Wiens Uni-Rektor Winckler, der sich von Anfang an um Fairness gegenüber dem neuen Institut bemüht hat. »Aber man hätte parallel weitere Hochschulen prämieren müssen. « Genau das war ursprünglich geplant, doch hat die Regierung das Projekt aus Finanznot abgesagt. »Was bei vielen Rektoren hängen bleibt, ist darum nicht der positive Qualitätseffekt durch das IST, sondern die Tatsache, dass durch die einseitige Förderung für die anderen Gelder fehlen.« Und doch wäre es zu einfach, die Rolle der Bedenkenträger allein den Rektoren zuzuschieben, deren Hochschulen bei der Förderung leer ausgegangen sind - oder den Studenten, die mehr für sich selbst herausholen wollen. Selbst IST-Vordenker Olaf Kübler fängt an zu drucksen, sobald die Rede auf das deutsche Beispiel Exzellenzinitiative kommt. Nun ja, das sei schon auch eine tolle Sache, murmelt er, gibt sich einen Ruck und wird plötzlich deutlich: »Diese Bindung, diese Nachhaltigkeit - das an einem neuen Institut mit einer anfänglich aus der ganzen Welt zusammengesuchten Söldnertruppe zu erreichen ist eine formidable Aufgabe. Ich hoffe natürlich, dass es bei IST Austria gelingt.«

So ist das erhoffte Weltklasseinstitut im Jahr eins seines Betriebs vor allem eine Projektionsfläche für Forscherträume, deren provisorische Mensa im Keller des Altbaus mit acht Tischen und einer kleinen Salatbar auskommt. Zwischen den Gebäuden und Baugrundstücken verlieren sich die Arbeiter, dazu ein paar verbliebene Bewohner der früheren Anstalt, die noch oben auf dem Berg in einem Heim leben, und ab und an ein paar Besucher, denen der Pressesprecher das Gerippe des künftigen Laborbaus zeigt. »Wir haben keine Angst vor den deutschen Eliteuniversitäten«, sagt Thomas Henzinger am Ende noch. Wie gesagt, der Anspruch ist schon da.

Aus DIE ZEIT :: 17.12.2009

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