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Pluralität sichert Qualität: Berufungen und Berufungskriterien im Fach Psychologie


Von Werner Greve und Peter A. Frensch

Die Personal- und Berufungspolitik der Universitäten und ihrer Institute entscheidet mehr als jeder andere Faktor über ihre Leistungsfähigkeit und damit über ihre Zukunft. Es liegt daher im Interesse jedes Institutes und jedes Faches, diese Berufungsaufgabe so seriös und gründlich, so gut wie nur irgend möglich zu lösen.

Pluralität sichert Qualität: Berufungen und Berufungskriterien im Fach Psychologie© V. Yakobchuk - Fotolia.com
Beschwerden und Vorwürfe, Berufungsverfahren seien ungerecht oder unfair verlaufen, sind so alt wie die Institution: Es ist wohl nur menschlich, wenn nicht berücksichtigte Personen vermuten, sie seien ungerechtfertigterweise nicht berücksichtigt worden, und wenn die berücksichtigten eher zuversichtlich sind, dass sie zu recht berücksichtigt wurden.
Dennoch wird man Einzelfällen von Unfairness (die gewiss nicht ganz auszuschließen sind) nicht Unrecht tun, wenn man sie als eben dies ansieht: als Einzelfälle, als Ausnahmen. Sie sind, wenn sie auftreten, im konkreten Fall bitter, aber der Schaden bleibt lokal. Kein System, zumal keines von Menschen, arbeitet fehlerfrei, aber das muss es auch nicht, jedenfalls nicht, solange es insgesamt gut funktioniert.

Hin und wieder allerdings (so zuletzt von Fischer und Eichenberg in F&L 10/08) wird die Vermutung geäußert, es gebe in der Berufungspolitik eines Faches (hier Klinische Psychologie) instituts- und disziplinübergreifende einseitige Eingriffe in Wissenschaftspluralität und Hochschulautonomie, gar ein Positionsdiktat durch eine Fachgesellschaft mit dem Ergebnis einer degenerativen Monokultur.
Eine solche Vermutung hat eine gänzlich andere Qualität als individuelle Vorwürfe und Beschwerden über lokale Berufungsverfahren, betrifft sie doch nicht nur die Kultur einer Disziplin, sondern den Kern der Berufungspolitik einer akademische Institution. Es lohnt also, genauer hinzusehen: Ist es tatsächlich so, dass über Berufungen (und andere Ressourcenallokationen) im Fach Psychologie, ganz besonders in der Klinischen Psychologie, einseitig entschieden wird, gegen die Gebote von Qualität und Klugheit? Wird auf Berufungen und andere fachliche Entscheidungen einzelner Institute oder Universitäten machtpolitisch motiviert Einfluss genommen?

Das Prozedere der Berufung

Wie wird heute im Fach Psychologie berufen?
Wie in allen anderen universitären Disziplinen, so wird auch in der Psychologie die Stellenausschreibung in der Regel vom Fach entworfen, dann dem Fachbereich und dem Senat vorgelegt (häufig müssen beide Gremien zustimmen), dann vom Präsidium verabschiedet (das je nach Landeshochschulrecht dabei größeren oder geringeren Spielraum hat), und schließlich vom Hochschulrat oder vom Stiftungsrat gebilligt (und bei Universitäten ohne Berufungsautonomie dann nochmals vom Ministerium geprüft).
Die Berufungskommission wird vom Fachbereich eingesetzt; häufig ist in den Berufungsregularien festgelegt, dass wenigstens ein auswärtiges Mitglied beteiligt sein muss, ebenso einen Vertreter der Studierenden und einen Vertreter der wissenschaftlichen Mitarbeiter, alle mit vollem Stimmrecht.
In der Regel wird sich die Universität bemühen, wenigstens sechs Bewerber zu Vorträgen einzuladen, oft sind es mehr.
Über die Listenplatzierten werden normalerweise vergleichende auswärtige Gutachten eingeholt, die im weiteren Verfahrensgang in den Gremien jeweils vollständig dokumentiert werden.

Die Schilderung des Verfahrens macht deutlich, dass es bei der Vielzahl von Beteiligten schon formal außerordentlich schwierig für eine außen stehende Interessengruppe (eine Fachgesellschaft, ein Berufsverband, eine Therapieschule) sein dürfte, systematisch steuernd direkt und unmittelbar in ein Berufungsverfahren einzugreifen. Prinzipiell denkbar dagegen ist, dass Fachgesellschaften, Berufsverbände und andere Interessengruppierungen einen indirekten Einfluss auf Berufungsverfahren ausüben, so z.B. über Vorschläge und Vorgaben zur Sicherung der Qualität bei Berufungsverfahren.
Kaum jemand wird das Primat der wissenschaftlichen Qualität prinizipiell in Frage stellen wollen; wie genau "Qualität" operationalisiert werden soll ist dagegen sehr wohl eine legitim diskussionswürdige Frage, die von unterschiedlichen Interessengruppen - wenigstens prinzipiell - unterschiedlich beantwortet werden kann.
Im Fach Psychologie wird dabei häufig die Rolle von internationalen Publikationen in peer-review Journalen diskutiert, wohl auch deshalb, weil die Psychologie in einigen universitären Fachbereichen bundesdeutscher Hochschulen den Geisteswissenschaften und an anderen Fachbereichen den Naturwissenschaften zugeschlagen wird.

Publikation als Qualitätsschätzer

Auch im Fach Psychologie gehört die wissenschaftliche Qualität eines Kandidaten zu den wichtigsten Kriterien für eine Berufung an eine Universität. Internationale Fachveröffentlichungen sind hierfür gewiss kein fehlerfreier Qualitätsindikator, aber sie sind nach Meinung der überwiegenden Mehrheit der Professoren des Faches und der wichtigsten Fachgesellschaften und Berufsverbände (DGPs, BDP) die beste Annäherung an einen nützlichen Indikator, den die Wissenschaft bislang entwickelt hat.
Nirgendwo sonst ist die Kritik so hochwertig, so breit, so unabhängig wie in den hochangesehenen internationalen Journalen mit Peer-Review-Verfahren: Die besten Zeitschriften der Psychologie holen bis zu drei unabhängige Gutachten pro eingereichtem Aufsatz ein, zu denen die Einschätzung des zuständigen Editors kommt (der ebenfalls in einem fachinternen, transparenten Nominationsverfahren bestimmt wird).
Dies schließt im Einzelfall eine tendenziöse Entscheidung selbstverständlich nicht aus, aber sie wird auf diese Weise weniger wahrscheinlich als beispielsweise in einem nicht gutachtergestützten Mitteilungsheft eines Vereins oder einem Sammelband, den ein oder zwei Herausgeber verantworten.

Einen Verlag, selbst einen renommierten, für eine Monografie zu finden, ist (vor allem national) sehr häufig mehr eine Frage der Finanzierung als der unabhängigen Beurteilung; Verlage sind ökonomische Unternehmen, eine Begutachtung ist typischerweise nicht vorgeschrieben, oft unüblich, und selten transparent. Sofern sich Berufungen in der Psychologie also auf Publikationen in unterschiedlichen Fachjournalen mit Reviewverfahren und hohem Anspruch (der sich unter anderem im durch Zitation schätzbaren Renommee der weltweiten Community zeigt) stützen, sind sie gerade so objektiv wie nur eben möglich.
Einzelinteressen, auch verbands- oder schulenspezifische Einflussnahme haben so gerade eine möglichst geringe Chance. Das Argument, eine bestimmte Theorie, ein bestimmter Ansatz habe in diesem (riesigen) Veröffentlichungsmarkt (die Webseite "psychwatch" etwa listet hunderte internationale psychologische Fachzeitschriften auf) systematisch keine Chance, vertritt entweder eine höchst bizarre Verschwörungstheorie oder räumt eben ein, dass Experten in aller Welt diesem Ansatz keinen Kredit mehr einräumen.

Selbstverständlich ist die wissenschaftliche Qualität des einzelnen Bewerbers nur ein einziger Aspekt der Berufung - neben der Erfahrung und Qualität in der Lehre ist ihre oder seine Passung in das Profil und die Programmatik des Instituts gewiss ebenso bedeutsam. Vor allem hier wird die wichtigste Aufgabe einer Berufungskommission liegen - und auch hier wird eine Fachgesellschaft oder eine andere Wissenschaftsorganisation faktisch keinen Einfluss haben, allemal keinen systematischen.

Adaptive Qualitätssicherung

Vielleicht ist es nicht überflüssig, ausdrücklich zu betonen, was unser Argument ist. Es geht nicht darum zu zeigen oder auch nur zu behaupten, alle Berufungsverfahren im Fach Psychologie seien strikt objektiv und unabhängig von den partikulären Interessen der Beteiligten. Im Gegenteil: Unser Argument ist, dass es zur Pluralität dieser Interessen keine Alternative gibt, und dass sie zu wahren die vornehmste Aufgabe akademischer Fächer ist (und also auch der sie pflegenden Fachgesellschaften). Universitäten können gerade durch ihre Berufungspolitik Profil erwerben und werden schon deswegen sehr darauf achten, Nivellierungen jeder Art zu widerstehen und Qualitätsstandards zu wahren.

Fachgesellschaften, gerade auch die Deutsche Gesellschaft für Psychologie und ihre Fachgruppen, sehen Qualitätssicherung als ihre Aufgabe, nicht Machtpolitik. Es mag sein, dass einer Fachgesellschaft die individuelle Konturierung eines Institutes oder Profilierung eines Studienganges im Einzelfall missfällt, vielleicht wird sich sogar der Vorstand an die Kollegen wenden, um Argumente gegen eine konkrete Tendenz vorzutragen.
Aber dies wird das Institut in der Regel schon deswegen per se wenig beeindrucken, weil die faktische Macht von Fachverbänden sehr übersichtlich ist. Mehr noch: Wenn Versuche einer lokalen Einflussnahme in der Community ruchbar werden, wird sich die Solidarität der Kollegen (und also: Mitglieder) auch andernorts gewiss eher auf Seiten des Institutes als auf Seiten des Verbandes sammeln, eben weil man selbst vielleicht morgen eine eigene Profilentscheidug treffen wollen wird. Mit anderen Worten: Eine Fachgesellschaft wird nur dann Einfluss nehmen können, wenn sie wirklich gute, überzeugende Argumente hat, und ein anderes Mittel als eben dies - Argumente - hat sie dafür auch nicht zur Verfügung. Dagegen ist gewiss nichts einzuwenden.

Über die Autoren
Professor Werner Greve ist Geschäftsführender Direktor des Instituts für Psychologie der Universität Hildesheim und Sprecher der Fachgruppe Entwicklungspsychologie der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Professor Peter A. Frensch ist Professor für Allgemeine Psychologie an der Humbold Universität zu Berlin, Organisator des im Juli 2008 beendeten "29. International Congress of Psychologie" und 1. Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Psychologie.

Aus Forschung und Lehre :: Februar 2009

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