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Postmoderne Wanderjahre - über den (zwangs-)mobilen Nachwuchswissenschaftler


Von Andreas Wimmel

In den letzten Jahren haben sich gerade für Nachwuchswissenschaftler die Anforderungen an Mobilität und Internationalität stetig gesteigert. Ganz freiwillig werden diese postmodernen Wanderjahre jedoch in der Regel nicht angetreten - und auch ihr tieferer Sinn und Zweck gerät mehr und mehr aus dem Fokus.

Postmoderne Wanderjahre - über den (zwangs-)mobilen Nachwuchswissenschaftler© misterQM - Photocase.deMobilität und Internationalität werden bei Nachwuchswissenschaftlern vorausgesetzt
Die Wanderschaft der Handwerksgesellen nach Abschluss ihrer Lehrzeit ab dem späten 18. Jahrhundert sollte vor allem dazu dienen, neue Arbeitspraktiken zu erlernen, mehr Lebenserfahrung zu sammeln und fremde Regionen und Länder zu bereisen, bevor man zur Meisterprüfung antreten konnte. Ganz ähnlich stellt sich die Situation heute für ambitionierte Nachwuchswissenschaftler dar: Ein unbekanntes Wesen namens "Postdoctoral Fellow" hat Einzug gehalten ins deutsche Wissenschaftssystem und verdankt seine Existenz in erster Linie dem plötzlichen Aussterben der alten C1-Assistentenstellen. Der Juniorprofessor, so die ursprüngliche Idee, sollte in diese Lücke stoßen und ohne Habilitation losforschen und losdozieren dürfen, zumindest bis sein in der Regel befristeter Vertrag ausläuft. Nun ja, wie wir alle wissen ist diese Rechnung bislang nicht aufgegangen, da Juniorprofs auch sieben Jahre nach Einführung immer noch eine äußerst seltene und gefährdete Spezies darstellen.

All diejenigen, die keinen Zuschlag auf eine dieser wenigen Karriereleitern ergattern konnten oder sich nicht in Drittmittelprojekten über Wasser halten, müssen als Postdoc ums Überleben kämpfen und in unbekannte Gefilde ausziehen, immer auf der Suche nach einem Schreibtisch unter dem Notebook und einem warmen Lunch mit ständig wechselnden Kollegen. Gestern London, heute New York, morgen Rom - man fühlt sich wie ein VIP und ist doch nur ein Getriebener. Allerdings schwebt das Damoklesschwert der grenzenlosen Mobilität nicht nur über den Köpfen der Postdocs, die ihre Odysseen durch die Institute und Universitäten diesseits und jenseits des Atlantiks nicht selten aus purer Existenznot antreten, sondern über allen Nachwuchswissenschaftlern. Das Gütesiegel "been to America" (btA) wird heutzutage nicht mehr nur von Naturwissenschaftlern erwartet, sondern stellt schon fast eine notwendige Mindestvoraussetzung für jeden ausgewiesenen Wissenschaftler-CV dar, wobei Harvard und die übrige Ivy League nach wie vor als Ritterschlag angesehen werden, mit dem man vor jeder Berufungskommission gehörig Eindruck schinden kann.

Einerseits können die Erfahrungswerte und Eindrücke, die man aus Aufenthalten an fernen Forschungseinrichtungen gewinnen kann, für junge Akademiker tatsächlich kaum hoch genug eingeschätzt werden, insbesondere um andere Forschungsansätze und Wissenschaftskulturen kennenzulernen, neue Netzwerke aufzubauen und die eigene Fremdsprachenkompetenz zu verbessern. Andererseits stehen die Transaktionskosten dieser postmodernen Wanderjahre oftmals in keinem gesunden Verhältnis zu substantiellen Forschungsoutputs, die sich in diesen Zeiten der Unsicherheit produzieren lassen. Nachhaltige und konzentrierte Forschung ist unter diesen Bedingungen kaum möglich, stattdessen dominiert das research paper ohne lange Halbwertzeit den Wissenschaftsbetrieb. Feste soziale Bindungen gehören der Vergangenheit an und Freundschaften reduzieren sich auf Facebook-Kontakte, ganz zu schweigen von der fixen Idee, vor der Sesshaftigkeit (= Professur) eine Familie gründen zu wollen, wenn man nicht Kind und Kegel ebenfalls ein Vagabundendasein zumuten will.

Trotz all dieser Widrigkeiten hat das Prädikat der Mobilität und Internationalität heute einen Stellenwert erreicht, den kein Nachwuchswissenschaftler mehr ignorieren kann, selbst wenn er einen Lehrstuhl an der Fachhochschule Bottrop oder Dessau anstrebt. Fazit: Obwohl der tiefere Sinn oder Zweck, also warum diese Aufenthalte für die eigene Forschung wichtig oder notwendig sind, mehr und mehr aus dem Fokus gerät, lässt sich mit einem akademischen Jahr an einer US-Eliteuniversität oder diversen Fellowships an exzellenten europäischen Einrichtungen so manches Wissenschaftlerprofil entscheidend aufhübschen. Das relativiert mitunter mangelhafte oder fehlende Forschungsleistungen, die paradoxerweise nicht selten auf diesen Reisezirkus zurückzuführen sind...


Über den Autor
Dr. Andreas Wimmel ist Assistenzprofessor für European Studies am Institut für Höhere Studien (IHS) in Wien. Seine Kolumne "Überleben in der Wissenschaft" erscheint im Karriereblog auf academics.de.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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