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Professoren auf Punktejagd

Von Stefan Kesselhut

Nach den Studenten könnten bald auch die Professoren Credits sammeln: Sogenannte Teaching Points für gute Lehre.

Professoren auf Punktejagd: teaching points© Josh Webb - iStockphoto.com
In dem Märchen Momo von Michael Ende versuchen graue Herren die Menschen dazu zu bringen, möglichst viel Zeit zu sparen und diese Zeit auf die Zeitsparkasse zu bringen. Aber die Zeit wird dort nicht für später aufgehoben. Sie ist verschwunden. Die Menschen wurden um ihre Zeit betrogen. Zeit kann man nicht ansparen, um sie später wieder abzuholen. Denkt man. In einem kleinen Büro in Berlin-Lichtenberg sitzt ein Mann mit grauem Vollbart, der behauptet, dass genau dies möglich sei. Der Mann heißt Olaf Winkel, ist Professor für Public Management an der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, und er hat ein System entwickelt, mit dem er die Lehre an deutschen Hochschulen verbessern und das Prinzip der Zeitsparkasse ins Positive wenden will. Es heißt Teaching Points, und mit ihm soll es endlich möglich sein, die wirkliche Leistung von Lehrkräften an einer Hochschule zu messen und die Arbeit unter ihnen besser zu verteilen. »Mit diesem System können wir Quantität in Qualität verwandeln, wir bekommen mehr Wettbewerb an den Hochschulen und mehr Gerechtigkeit unter den Dozenten«, sagt Winkel.

Winkels Idee funktioniert nach einem einfachen Prinzip: Wer besonders engagiert lehrt, muss künftig weniger lehren. Wer in einem Semester gute Leistungen in der Lehre erbringt, wer zusätzliche Zeit für Seminare und Betreuung von Studenten investiert, kann sich Zeit ansparen und sie im folgenden Semester wieder von seinem Zeitkonto abheben und zum Beispiel in die Forschung investieren. Jeder Dozent hat eine bestimmte, gesetzlich vorgegebene Zahl von Stunden, die er in einer Woche im Semester lehren muss. An einer Fachhochschule, wie der Berliner Hochschule für Wirtschaft und Recht, sind dies zum Beispiel 18 Stunden pro Woche. Nach Winkels Konzept bekommt der Dozent für jede dieser Stunden drei Teaching Points gutgeschrieben, in diesem Beispiel also 54 Punkte. Diese bekommt der Dozent nur dafür, dass er das Seminar überhaupt anbietet, besondere Leistungen muss er dafür noch nicht erbracht haben. Vorteile aus dem System hat er aber nur, wenn er sich mehr einbringt, als es die Vorschrift von ihm verlangt. Dann gibt es Bonuspunkte.

Das Seminar ist völlig neu konzipiert und wird nicht schon seit zehn Jahren mit denselben Inhalten gegeben? Dafür gibt es einen Teaching Point zusätzlich. Die Vorbereitung eines Seminars war besonders aufwendig und anspruchsvoll? Einen weiteren Teaching Point verdient. Der Dozent organisiert eine fachliche Exkursion für seine Studenten? Noch einen Teaching Point verdient. Wenn der Dozent solche zusätzlichen Leistungen erbringt, die zuvor genau in einem Kriterienkatalog festgeschrieben werden, beantragt er bei einer Kommission, dass ihm diese Zusatzpunkte gutgeschrieben werden. Stimmt die Kommission den Anträgen zu, füllt sich das Punktekon to des Dozenten. Bis zu zwölf Teaching Points kann er so in einem Semester verdienen. Und muss im folgenden Semester weniger lehren.

Der Praxistest kostet 75 000 Euro, doch der Berliner Senat muss sparen

Für jeweils drei Teaching Points auf seinem Konto darf der Dozent im folgenden Semester pro Woche eine Stunde weniger Lehre anbieten. Wer die Höchstpunktzahl 12 erreicht, hat dann vier Stunden Lehre eingespart. Was aber passiert, wenn jemand nicht an dem System teilnehmen will, weil er keine Lust hat, Anträge auszufüllen, oder er weil dem Konzept nicht traut? Winkel: »Die Teilnahme am Teaching-Points-System ist freiwillig, das ist ganz wichtig. Wenn ein Dozent nicht mitmachen will, hat er dadurch keinen Nachteil. Es soll zwar einen positiven Anreiz geben, sich mehr zu engagieren, aber keinen Bestrafungsmechanismus.« Seit Winkel das Konzept vor knapp drei Jahren entwickelte, hat er es immer wieder optimiert, Vorschläge von Kollegen einbezogen. »Wir können in der Theorie kaum noch etwas an dem System verbessern. Das geht jetzt nur noch in einem langfristig angelegten Praxistest.«

Zwei bis drei Jahre will Winkel die Teaching Points deshalb an seiner Hochschule im täglichen Betrieb erproben. Die Professorenkollegen und die entscheidenden Gremien hat er bereits überzeugt. Das reicht aber nicht. Denn die Teaching Points sind nicht gratis zu haben. Für den Praxistest veranschlagt Winkel Kosten von etwa 75 000 Euro. Um diese Mittel vom Land Berlin zu bekommen, ist er darauf angewiesen, auch den Senat von seinem Vorhaben zu überzeugen. Einfach ist das nicht, denn in den vergangenen Jahren haben die Berliner Hochschulen immer weniger Geld vom Land bekommen. Für Sonderwünsche bleibt da wenig Raum. Dabei ist Winkel nicht der Einzige, der ein System von Lehrpunkten entwickelt hat und damit die Qualität der Lehre an den deutschen Hochschulen verbessern will. Das Centrum für Hochschulentwicklung (CHE) hat vor einigen Jahren ebenfalls ein Konzept mit dem Namen Teaching Points vorgestellt. Das CHE-Konzept funktioniert allerdings völlig anders als Winkels Vorschlag: Die Leistungen der Lehrenden sollen hier nicht im Nachhinein bestimmt und belohnt, sondern bereits während der Lehrplanung oder der Besetzung von Professuren festgelegt werden. Damit sollen die Hochschulen unabhängiger werden, individueller planen können und flexibler auf die Bedürfnisse von Forschern eingehen. Das CHE geht davon aus, dass der Arbeitsaufwand für Seminare, Vorlesungen und Prüfungen weit über die reine Veranstaltungszeit hinausgeht. Statt mit diesen Veranstaltungszeiten zu rechnen, sollen die Hochschulen nun die tatsächliche Arbeitszeit der Dozenten in die Planung der Lehre einbeziehen. Funktioniert das auch in der Praxis?

»Genau können wir das noch nicht sagen, bisher wird unser System von keiner Hochschule im regulären Betrieb eingesetzt«, sagt Yorck Hener, der das CHE-Konzept mit zwei Kollegen entwickelt hat. »An der Uni Heidelberg haben wir aber in den Fächern Anglistik und Physik untersucht, wie man mit Teaching Points die Lehre planen könnte. Damit wollten wir auch herausfinden, welche Standardanzahl von Lehrpunkten wir für verschiedene Fächer jeweils festlegen müssen.« Dabei hätten sich die Erwartungen bestätigt, dass die Arbeitsbelastung der meisten Professoren und Mitarbeiter weit über die reine Seminar- oder Vorlesungszeit hinausgeht. Um das Konzept jedoch fit zu machen für den Einsatz an den Fakultäten, wären noch weitere Pilotprojekte, Erhebungen und Untersuchungen nötig. Die wird es aber in absehbarer Zeit nicht geben. »Die Bundesländer sind zurzeit nicht bereit, sich von den alten Lösungen zu verabschieden und den Universitäten mehr Freiheit zu geben«, sagt Hener. Olaf Winkel indes hält den Vorschlag des CHE für viel zu bürokratisch, zu kompliziert und zu intransparent. Und er kritisiert vor allem die seiner Meinung nach zu detaillierten Lehrempfehlungen des Konzepts. »Wären die Empfehlungen umgesetzt worden, die das CHE gegeben hat, müsste ein FHProfessor, der ausschließlich Vorlesungen hält, pro Woche 28 Stunden lehren. Das spricht für sich«, sagt er. Eine Reform nach diesem Konzept würde ein Fremdkörper in den Hochschulen bleiben und, vermutet Winkel, von den meisten Professoren und Mitarbeitern auch nicht akzeptiert werden.

Teaching Points können den Mangel nur verwalten

Yorck Hener kann die Kritik nicht nachvollziehen. Natürlich müssten die Fachhochschulen und Universitäten das System ihren jeweiligen Bedürfnissen anpassen, anstatt einfach die Beispiele aus dem CHE-Konzept zu übernehmen. Kein Professor würde dann 28 Stunden lehren müssen, meint Hener. Klar ist allerdings auch: Selbst das beste Teaching- Points-Konzept kann höchstens helfen, den Mangel an vielen Hochschulen zu verwalten - solange überall im Land zu wenig Geld zur Verfügung steht, um geeignete Professoren einzustellen, wenn viel zu viele Studenten in den Seminarräumen sitzen. Erst vor wenigen Wochen protestierten etwa Romanistikstudenten der Universität Heidelberg gegen die aus ihrer Sicht un erträglichen Zustände an ihrem Institut - und das, obwohl die Heidelberger Uni als eine der re nommiertesten Hochschulen in Deutschland gilt. Sie war erfolgreich bei der Exzellenzinitiative und bekommt in den kommenden Jahren Dutzende Millionen Euro für Forschungsverbünde und Dok torandenprogramme. Dennoch klagen vor allem Studenten geistes- und sozialwissenschaftlicher Fächer über schlechte Lehre.

Und das nicht nur in Heidelberg: Die Ursache ist, dass die meisten Professoren und Politiker immer noch eine ganz andere Werteskala im Kopf haben - derzufolge zählt die Forschung viel, die Lehre aber immer noch viel zu wenig. Während die Exzellenzinitiative bislang knapp zwei Milliarden Euro in die Forschung pumpte, begnügt man sich in der Lehre mit einer etwas kleineren Summe: Der Wettbewerb »Exzellente Lehre« des Stifterverbands der Deutschen Wissenschaft, mit dem die zehn Hochschulen mit den besten Zukunftsstrategien für die Lehre gefördert werden sollen, ist mit gerade einmal zehn Millionen Euro dotiert.

Aus DIE ZEIT :: 14.05.2009

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