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Promovieren in den Graduiertenkollegs der DFG


Von Dagmar Scholz und Heike Solga

Eine gemischte Bilanz der Arbeit der Graduiertenkollegs der Deutschen Forschungsgemeinschaft zogen unlängst an dieser Stelle Andrea Kottmann und Jürgen Enders. Dabei bezogen sie sich auf eine Befragung von Personen, die zwischen 1995 und 2000 in und außerhalb von Graduiertenkollegs promovierten. Ein Bericht über die Weiterentwicklung des Förderprogramms aus Sicht der DFG.

Promovieren in den Graduiertenkollegs der DFG© Lise Gagne - iStockphoto.comGraduiertenkollegs - strukturierte Promotion auf hohem fachlichen Niveau
Die Graduiertenkollegs (GRKs) der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gelten als wirksames Instrument zur Stärkung des wissenschaftlichen Nachwuchses und als Möglichkeit für Doktoranden, in einem strukturierten Forschungsumfeld und auf hohem fachlichen Niveau zu promovieren. Doch was wissen wir tatsächlich über die Bedingungen und Verläufe der Promotionen innerhalb dieses seit 1990 bestehenden Förderprogramms?

Ein durchaus gemischtes Bild von der Wirksamkeit dieses Förderinstruments haben unlängst an dieser Stelle Andrea Kottmann und Jürgen Enders auf der Grundlage einer von ihnen erstellten Studie gezeichnet. Demnach habe es, so Kottmann und Enders, zwischen den Promotionsbedingungen in und außerhalb von GRKs in den 1990er Jahren in vielen Aspekten keine oder nur geringe Unterschiede gegeben. So hätte sich durch die GRKs zwar beispielsweise in einzelnen Fächern "eine deutliche Veränderung der Qualifikationsbedingungen" ergeben. In anderen hingegen seien "keine wesentlich anderen Promotionsbedingungen geschaffen" worden.

Diese Aussagen haben natürlich auch die DFG und den zuständigen Senats-und Bewilligungsausschuss für die GRKs beschäftigt. Er weist zunächst darauf hin, dass die Studie vermutlich auf einer sehr positiven Stichprobe beruht und ihre Befunde daher nicht überinterpretiert werden dürfen: Für den Vergleich wurden nur erfolgreich Promovierte berücksichtigt, die quantitativ nicht unbedeutende Gruppe derer, die ihre Promotion abgebrochen haben, wurden nicht einbezogen. Ferner haben die Befragten sowohl das Studium überproportional gut abgeschlossen (der Median der Abschlussnoten liegt bei 1,0) als auch die Promotion.

Vor allem aber ist das Förderprogramm "Graduiertenkollegs" seit dem Jahr 2003 in mehreren Etappen und in wesentlichen Punkten reformiert und weiterentwickelt worden. Die eingeleiteten Reformen setzen genau an den Punkten an, die auch Kottmann und Enders hervorheben. Dies gilt etwa für die Einbindung der Kollegiaten in einen übergreifenden Forschungszusammenhang. Bis 2003 waren GRKs teilweise tatsächlich thematisch sehr breit angelegt. Ihr Alleinstellungsmerkmal wurde primär über das Studienprogramm definiert. Seit 2003 müssen sie als Kern ein enger gefasstes innovatives Forschungsthema besitzen. Gleichzeitig wuchsen die Anforderungen an die Qualität des vorgeschlagenen Forschungsthemas sowie an die bisherigen Forschungs- und Betreuungsleistungen der beteiligten Wissenschaftler. Insofern ist zu erwarten, dass die Einbindung der Doktoranden in GRKs in einen größeren Forschungskontext seit 2004 erheblich zugenommen hat, und zwar über die Geistes- und Sozialwissenschaften - die bereits bei Kottmann und Enders als positives Beispiel genannt sind - hinaus in allen Disziplinen.


Einen weiteren deutlichen Akzent setzte die Reform der GRKs von 2003 bei der Betreuung der Doktoranden. So ist nun eine Doppel- oder Mehrfachbetreuung im Rahmen eines detaillierten Betreuungskonzepts bindend vorgesehen. Nach der weiteren Programmentwicklung von 2007 müssen die GRKs nun ein Personal- und Organisationskonzept vorlegen, das die Rollen und Funktionen aller Beteiligten klar definiert. Die Anforderungen an ein Graduiertenkolleg sind bei diesem Punkten heute also deutlich größer als in den 1990er Jahren. Ein Anliegen der GRK-Reformen ist schließlich auch, die Gleichstellung von Doktorandinnen und Doktoranden zu verbessern. Hierfür können die GRKs seit 2008 zum einen einen Pauschalbetrag für Gleichstellungsmaßnahmen beantragen, mit denen vielfältige Maßnahmen zur Förderung der Chancengleichheit von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern sowie der Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Karriere finanziert werden können. Zum anderen können auf Beschluss des Hauptausschusses der DFG vom Juni 2009 künftig in GRKs aller Fächer für die Promovierenden - statt Stipendien - sozialversicherungspflichtige Stellen beantragt werden, sofern die Wettbewerbssituation im jeweiligen Fach dies erfordert; dies war bisher bestimmten Fächergruppen vorbehalten. Vor allem letzteres trägt dazu bei, die Benachteiligung von Kollegiatinnen zu verringern, wie sich an drei Punkten zeigen lässt.

Erstens: Besonders in den Geistes- und Sozialwissenschaften sowie in den Lebenswissenschaften ist der Anteil von Doktorandinnen sehr hoch; in diesen Kollegs konnten bisher nur Stipendien vergeben werden.

Zweitens: Nach Beendigung der Promotion sind Kollegiatinnen - das ergab die Studie von Kottmann/ Enders - häufiger als Kollegiaten im Öffentlichen Dienst beschäftigt. Wurde die Promotionsphase über ein Stipendium finanziert, wird diese Zeit nach den neuen Tarifwerken häufig nicht als Arbeitsphase angerechnet - was sich längerfristig in Einkommensunterschieden zwischen Frauen und Männern niederschlägt.

Und drittens: Promotionen mit Stipendium erschweren nicht zuletzt die Familienplanung und die Vereinbarkeit von Familie und wissenschaftlicher Qualifikation. Diese und weitere bereits eingeleitete Schritte werden die Promotionsbedingungen in Graduiertenkollegs weiter verbessern. Zweifellos haben wir aber noch immer zu wenig empirisch fundiertes Wissens zu Erfolgsbedingungen für Promotions- und Berufsverläufe von Promovierten. Diese Lücke soll mit einer Langzeitstudie geschlossen werden, die das iFQ (Institut für Forschungsinformation und Qualitätssicherung) unter dem Titel "ProFile - Promovierendenpanel zur Messung wissenschaftlicher Erfolge und Qualifikationsverläufe" erstellt.


Über die Autorinnen
Dagmar Scholz ist Programmdirektorin in der Gruppe "Graduiertenkollegs, Graduiertenschulen, Nachwuchsförderung" der DFG.

Heike Solga ist Professorin für Soziologie an der FU Berlin, Direktorin der Abteilung "Ausbildung und Arbeitsmarkt" am WZB und Mitglied im Senats- und Bewilligungsausschuss für die Graduiertenkollegs der DFG.


Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2009

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