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Promovieren in der Medizin - ein Plädoyer für den studienbegleitenden Dr. med.

Von Dieter Bitter-Suermann

Der studienbegleitende Dr. med. ist seit längerem in der Kritik. Weil der akademische und wissenschaftliche Wert der Dissertation angezweifelt wird, ist gar von "pro-forma-Forschung" die Rede. Der Wissenschaftsrat fordert deshalb, die Promotion auf forschungsorientierte Mediziner zu beschränken und die Promotionsphase wie in anderen Studiengängen erst im Anschluss an das Medizinstudium zu absolvieren. Eine Entgegnung des Präsidenten des Medizinischen Fakultätentages.

Promovieren in der Medizin - ein Plädoyer für den studienbegleitenden Dr. med.© Victoria P. - Fotolia.com
Das Sendungsbewusstsein der Gegner der studienbegleitenden Promotion zum Dr. med. könnte vielleicht gedämpft werden, wenn sie einmal den Erfolg dessen analysieren würden, was sie partout abschaffen möchten. Hierfür bietet sich ein Kennzahlenvergleich mit benachbarten lebenswissenschaftlichen Fakultäten an. Die Promotionsrate in der Medizin liegt nach Angaben des Statistischen Bundesamtes im Schnitt der Jahre 2006/2007 für 9 150 Studienabschlüsse bei 70 Prozent, in der Biologie für 3 822 bei 53 und in der Chemie für 2 268 bei 72 Prozent. Insgesamt liegt die Promotionsrate also zwischen der Biologie und der Chemie. Durch die doppelte bis viermal höhere Absolventenzahl und die andere Ausbildungsstruktur in der Medizin ist aber das Spektrum der Arbeiten weiter. Der Dr. med. wird meist nach dem medizinischen Staatsexamen und einer mündlichen Promotionsprüfung zeitgleich mit der Approbation verliehen. Nach meinen Erfahrungen werden 90 Prozent aller medizinischen Promotionsarbeiten studienbegleitend angefertigt und abgeschlossen oder nach dem Staatsexamen zu Ende gebracht. Fast zehn Prozent werden erst nach dem Staatsexamen berufsbegleitend begonnen und nur ein kleiner Teil der Arbeiten wird in Vollzeit nach dem Studium erbracht.

In keinem anderen Fach dürfte der wissenschaftliche Fortschritt und die Umsetzung neuer Erkenntnisse in die Praxis so schnell sein wie in der Medizin. Daher sollte jeder Arzt lernen, wie neue Erkenntnisse mit welchen Methoden gewonnen werden, aber auch, wie die Qualität einer wissenschaftlichen Veröffentlichung einzuordnen ist. Deshalb gehören zu den zentralen Zielen der Medizinerausbildung die Vermittlung naturwissenschaftlicher Grundlagen in hoher Qualität und die Förderung der klinischen Fähigkeiten am Patienten. Das Medizinstudium muss dabei auf unterschiedliche Karrierewege vorbereiten. Die entscheidende Frage lautet: Wann erfolgt die Weichenstellung, die persönliche Entscheidung jedes einzelnen Medizinstudierenden?

Wann soll die Weichenstellung erfolgen?

1. Das Medizinstudium und die anschließende Weiterbildung sieht in der Zeitachse etwa folgendermaßen aus: Beginn des Studiums mit 19 Jahren, Dauer sechs bis sieben Jahre; Pflichtweiterbildung nach dem Staatsexamen mindestens vier, meist fünf Jahre. In vielen Disziplinen, z.B. der Inneren Medizin, braucht es weitere zwei Jahre, um eine Zusatzbezeichnung zu erhalten. Das heißt, nach dem Studium folgt noch einmal eine fünf- bis siebenjährige klinische Weiterbildung, ehe mit über 30 Jahren die endgültige Weichenstellung für eine Tätigkeit in freier Praxis, im Krankenhaus oder in der Universitätsmedizin mit wissenschaftlicher Karriere getroffen wird. In diesem zeitlichen Ablauf ist eine dreijährige Doktorarbeit analog der naturwissenschaftlichen Promotion im Studium nicht machbar und nach dem Staatsexamen unattraktiv. Wenn erst die zeitliche Anforderung der Krankenversorgung in der Klinik und der Stress der Tag- und Nachtdienste überhand nimmt, ist es für die Primärentscheidung, eine wissenschaftliche Tätigkeit zu beginnen, zu spät.
2. Die Weichenstellung für wissenschaftlichen Nachwuchs muss in der Medizin also schon im Studium erfolgen. Die Begeisterung für eine wissenschaftliche Karriere entsteht im Studium aus der Erkenntnis, wie viele offene Forschungsfelder in der Medizin existieren und wie sich ihre Grenzen permanent aus der Grundlagenforschung über die translationale Forschung in die klinische Anwendung verschieben. In dieser Studiumsphase ist eine Doktorarbeit, vor allem eine experimentelle Arbeit, eine entscheidende Hilfe für die erste Richtungsentscheidung an der Weggabelung zur praktischen Medizin/ Klinik oder zur Klinik/Forschung. Die zweite Richtungsentscheidung fällt dann während der Weiterbildungszeit in der Universitätsklinik, ob man die Doppelbelastung von klinischer und wissenschaftlicher Tätigkeit durchhält.

"Türschildforschung"?

Die Aussage von Frau Professor Beisiegel in Forschung & Lehre 7, 2009: "Eine sich an das Studium anschließende Promotionsphase ermöglichte es dann, sich wissenschaftlich gezielt weiter zu qualifizieren. Die derzeit übliche "Türschildforschung" wäre in diesem Modell nicht mehr notwendig und die deutsche Universitätsmedizin wäre im internationalen Forschungsfördersystem wieder konkurrenzfähig", stellt eine nicht nachvollziehbare Diskreditierung der DFG dar. Der DFG wird damit das Anlegen internationaler Maßstäbe in der Förderung abgesprochen. Denn bei der Gesamtfördersumme der DFG für alle Wissenschaftsbereiche in Höhe von 2 304,5 Mio. EUR in allen Förderverfahren (DFG-Jahresbericht 2008) liegt der Anteil für die Lebenswissenschaften mit 37 Prozent an der Spitze aller Fachgebiete. Innerhalb der Lebenswissenschaften hat die Medizin einen Anteil von 61 Prozent. Die Anerkennung dieser Leistung durch die DFG ließe sich für Stipendien, Graduiertenkollegs und Excellenzcluster fortsetzen. Die erfolgreichen Antragsteller der Medizinischen Fakultäten haben ihren Dr. med. weit überwiegend studienbegleitend als Einstieg in ihre wissenschaftliche Karriere erworben.

Was ist an diesem Erfolg so verdammenswert? In diesem Licht ist die Praxis des European Research Council (ERC), den Dr. med. als Fördervoraussetzung für die ERC-Starting Grants nicht anzuerkennen, sondern die Facharztqualifikation zu fordern - die per se nichts mit wissenschaftlicher Qualifikation zu tun hat - unverständlich. Als Begründung für die während eines laufenden laufenden Verfahrens etablierte Praxis des ERC waren die hohen Antragszahlen aus der Medizin genannt worden.

Unsinniges Lamento

Das international hochgeschätzte deutsche Medizinstudium mit seiner besonderen Mischung aus theoretischen Kenntnissen und klinischer Ausbildung beruht auch darauf, durch die studienbegleitende Promotion bereits frühzeitig die wissenschaftliche Neugier beim Nachwuchs zu wecken. Dies sollte akzeptiert und die medizinische Forschung nicht durch Abschaffung dieser frühen Promotion nachhaltig beschädigt werden. Bei dieser erdrückenden Beweislast zugunsten der Medizin als einer Spitzenfakultät im universitären Portfolio ist das Lamento um den Dr. med. durch fehlende Sachkenntnis geprägt. Für die Medizin bleibt die studienbegleitende Promotion der essentielle Einstieg in wissenschaftliche Erfahrungen. Ein Verzicht darauf würde die Rekrutierung des später wissenschaftlich arbeitenden Medizinernachwuchses drastisch reduzieren. Dies kann von niemandem gewünscht werden.

Aus Forschung und Lehre :: August 2009

Promotionsstellen für Mediziner
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