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Ran an die Menschen

Von Christian Heinrich

Über die Arbeit in der Praxis lernen Studenten bisher wenig. Ärztinnen in Aachen holen den Nachwuchs ins Sprechzimmer.

Ran an die Menschen© Pali Rao - iStockphoto.com"Studieren" in einer Allgemeinarztpraxis, geht das überhaupt?
Als die Ärztin den Untersuchungsraum betritt, hat Sebastian Wortmann die Diagnose bereits gestellt. Gallensteine, da besteht für ihn kein Zweifel. Der Student deutet mit der linken Hand auf die Verdunkelung am Bildschirm, während er mit der rechten Hand den Ultraschallkopf ruhig auf den Bauch der Patientin hält. Hausärztin Ursula Hunold vergewissert sich noch einmal. Sie nickt. »Richtig. Und gar nicht einfach zu entdecken«, sagt sie. Die beiden sind ein eingespieltes Team geworden. Seit vier Monaten arbeitet Wortmann, Medizinstudent im letzten Jahr, in der Praxis von Ursula Hunold in Aachen mit.

»Studieren« in einer Allgemeinarztpraxis, geht das überhaupt? »Es ist eine echte Eins-zu-eins-Betreuung«, sagt Wortmann, »und viele Möglichkeiten, etwa dass man mit der Ultraschallmethode wirklich vertraut wird, hätte ich in einer Klinik nicht gehabt.« Das Angebot für Studenten, einen Teil ihres Praktischen Jahres im Bereich Allgemeinmedizin zu verbringen, gibt es an den meisten Universitäten erst seit einigen Monaten, so auch in Aachen. Lange wurde das Fach in der Ausbildung stiefmütterlich behandelt: Während des gesamten Studiums war meist nicht viel mehr als eine Woche dafür reserviert; 2009 gab es an 16 der 36 deutschen Universitäten mit dem Studiengang Humanmedizin keine einzige ordentliche Professur für Allgemeinmedizin. Und in den Vorlesungen anderer Fächer trägt noch immer manch hochspezialisierter Arzt Beispiele von Patienten vor, deren Erkrankung vom Hausarzt mal wieder zu spät und auch noch falsch diagnostiziert wurde. Das färbt ab auf die Lernenden. »Das Fach Allgemeinmedizin erschien uns während der Ausbildung erst einmal eher grau«, sagt Sebastian Wortmann. Und bei vielen bleibt der Eindruck auch im Berufsleben bestehen: Die Hausärzte da draußen behandeln die Erkältung, die richtige Medizin aber wird in der Klinik gemacht.

Keine guten Voraussetzungen, um frisch ausgebildete Mediziner angesichts unterversorgter Regionen dafür zu begeistern, sich als Hausarzt niederzulassen. Inzwischen ist die prognostizierte Notlage so groß, dass Gesundheitsminister Philipp Rösler öffentlich darüber nachdenkt, den Numerus clausus für diejenigen zu lockern, die sich verpflichten, nach dem Studium in einer Hausarztpraxis zu arbeiten. Bis diese Idee in die Tat umgesetzt wird, wenn das überhaupt geschieht, dürften allerdings mehr als zehn Jahre vergehen.

Im Seminar "Altern" rücken die Studenten ins Altersheim aus

Vier Frauen haben sich aufgemacht, die Lehre ihres Faches zu erneuern. Sie treffen sich im sechsten Stock des Universitätsklinikums Aachen. Das hier angesiedelte Lehrgebiet für Allgemeinmedizin besteht aus einem großen hellen Raum, ein Vorzimmer gibt es nicht. Das Personal: vier feste Mitarbeiter, drei von ihnen auf Teilzeit, die übrigen Tage der Woche arbeiten sie in Hausarztpraxen. »Die Studenten sollen andere Vorbilder bekommen als den Feld-Wald-und-Wiesenarzt, der in ihren Köpfen herumgeistert«, sagt Leiterin Nicole Kuth mit fester Stimme. Gemeinsam mit ihren Kolleginnen hat sie es möglich gemacht, dass Sebastian Wortmann vier Monate bei Ursula Hunold arbeiten kann. Das Praktische Jahr in einer Hausarztpraxis ist aber nicht das Einzige, was das kleine Team erreicht hat.


44 Lehrpraxen haben sie inzwischen. Eine von ihnen besucht jeder Student im Laufe seiner Ausbildung eine Woche lang. Im fünften Semester organisiert das Lehrgebiet einen Anamnesekurs, im siebten Semester geben niedergelassene Ärzte Seminare, im achten Semester gehen die Studenten im Blockseminar »Altern « in Seniorenheime. Die Allgemeinmedizin, sagt die stellvertretende Institutsleiterin Monika Özman, tauche so »immer wieder im Laufe des Studiums auf«. Inzwischen unterstützt die Leitung der medizinischen Fakultät die Mitarbeiter des Instituts tatkräftig bei der Umsetzung ihrer Ideen, der Großteil der Initiative aber kam von ihnen. Finanzielle Anreize gibt es kaum, im Gegenteil: die Organisation und Ausrichtung jeder Lehrveranstaltung ist mit hohem Aufwand verbunden. »Was uns antreibt«, sagt Kuth, »ist letztlich die Leidenschaft für unser Fach.«

Nebenbei zeigen sie, wie Nachwuchs für künftig leer stehende Hausarztpraxen gewonnen werden könnte. In den Evaluationen liegen die allgemeinmedizinischen Kurse im oberen Bereich, nicht selten erlebten sie, dass Allgemeinmedizin bei Studierenden auf vorher nicht erwartete Begeisterung stößt. »Wir haben keine Zahlen, wie viele von ihnen sich für unser Fach entscheiden, aber ich bin sicher, den einen oder anderen haben wir schon für uns gewonnen«, sagt Kuth. Vielleicht geht auch Sebastian Wortmann diesen Weg. Vor gerade einmal acht Monaten hatte er beschlossen, einen Teil seines letzten Studienjahres in einer Hausarztpraxis zu verbringen. Heute sagt er: »Ich hatte vorher nie ernsthaft überlegt, mich einmal für Allgemeinmedizin zu entscheiden und niederzulassen. Jetzt kann ich es mir durchaus vorstellen.«

Längst untersucht der angehende Arzt die Patienten allein

In der Praxis von Frau Hunold begrüßt er den nächsten Patienten. Die beiden kennen sich bereits. Wilhelm Breuer, 78 Jahre alt, kommt vierteljährlich. Er hat Diabetes. Wortmann misst den Blutdruck, hört die Lunge ab, prüft die Sensibilität der Haut, stellt gezielte Fragen. Ursula Hunold sieht ihm mit mütterlichem Blick dabei zu. Es sind seine letzten Tage in ihrer Praxis. »In den ersten Wochen haben wir jeden Fall lange durchgesprochen, inzwischen nimmt er mir spürbar Arbeit ab. Längst untersucht er die Patienten allein, anschließend brauche ich die Diagnosen häufig nur noch zu bestätigen«, sagt sie. Nach ihm werden ab und zu wieder die Studenten für eine Woche kommen, aber das findet Hunold zu kurz, um ihnen wirklich etwas beizubringen.

Diese Meinung teilt man auch an der Universität in Aachen. Seit Langem schon ist geplant, die Dauer auf zwei Wochen zu verdoppeln. Aber der Stundenplan der Studenten ist randvoll, und kein anderes Fach will Lehrzeit abgeben. »Im Grunde müssen wir um jede Stunde kämpfen«, sagt Monika Özman. Und sie planten ja noch viel mehr, wirft ihre Kollegin Stefanie Fröschen-Behrens ein. Als die Ärztinnen auf ihre Ideen zu sprechen kommen, fallen sie sich gegenseitig ins Wort. Ihre Aufbruchstimmung ist ungebrochen. Mit einem Planspiel wollen sie den Studenten auch das Management einer Arztpraxis näher bringen.

Ein Modell zur Weiterbildung zum Allgemeinmediziner hat bereits Anfang des Jahres gestartet, es garantiert den Teilnehmern bei ihrer Spezialisierung einen festen Zeitplan. Als Unterrichtsfach ist das Lehrgebiet der Allgemeinmedizin in Aachen bei den Kollegen in der Klinik anerkannt. Aber trauen sie ihnen fachlich auch etwas zu? »Menschlich fühle ich mich vollkommen akzeptiert und integriert. Auf fachlicher Ebene ist das aber häufig noch schwierig«, sagt Stefanie Fröschen-Behrens. In vielen Köpfen stecke noch das über Jahrzehnte gefestigte Bild vom Allgemeinmediziner, der seine Patienten schnell überweist, wenn ein Fall ein wenig komplizierter liegt. Es wird noch dauern, bis die Klinikärzte den Hausärzten mehr zutrauen. Aachen hat die ersten Schritte in dieser Richtung schon hinter sich. In der Mittagspause beugt sich Sebastian Wortmann über seinen Schreibtisch und sichtet die Befunde, die von den Facharztpraxen eingetroffen sind. Dabei springt er zwischen medizinisch vollkommen unterschiedlichen Gebieten hin und her, Augenheilkunde, Urologie, ein psychiatrisches Gutachten. Diese Vielfalt, sagt Sebastian Wortmann, sei das Reizvollste an der Allgemeinmedizin: »Wenn man einen Patienten sieht, kann er alles haben.«

Aus DIE ZEIT :: 29.04.2010

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