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Ratings fördern das strategische Verhalten

 

Der Verband der Historiker und Historikerinnen Deutschlands hat sich gegen eine Teilnahme am Forschungsrating des Wissenschaftsrates ausgesprochen. Was sind die Gründe?

Ratings fördern das strategische Verhalten© Forschung und LehreProfessor Werner Plumpe, Vorsitzender des Deutschen Historikerverbandes
Forschung & Lehre: Der deutsche Historikerverband will sich nicht am Forschungsrating des Wissenschaftsrates beteiligen. Warum nicht?

Werner Plumpe: Es sind im wesentlichen drei Gründe: Zunächst sehen wir das Problem nicht, das der Wissenschaftsrat mit diesem Rating lösen will. Zumindest implizit scheint durch, als sei die derzeitige Situation durch einen Mangel an Informationen geprägt, dem ein solches Rating abhelfen soll. Aber weder ist es evident, dass die gegenwärtigen Probleme Folge des Fehlens parametrisierter Informationen über die Forschungsleistungen sind, noch wurde hinreichend geklärt, ob ein Mehr an Informationen wirklich Einfluss auf Entscheidungsprozesse, und wenn ja, auf welche hätte. Der Verweis auf den Wunsch aus Politik und Hochschulleitungen nach Ratings und Rankings und die begründete Kritik des Wissenschaftsrates an bestehenden Rankings sind nachvollziehbar, reichen als Begründung aber nicht. Wir haben zweitens begründete Zweifel, ob ein gutes Rating technisch möglich ist. Das geplante Rating verlangt vor allem sehr viel Lektüre. Es kann daher, wenn es gut sein will, nicht in hoher Frequenz erfolgen.

Soll mit einem Rating aber Einfluss auf Entscheidungen ausgeübt werden, dann muss es aktuell sein. Insofern besteht hier schon eine Art performativer Widerspruch: Ist das Rating gut, ist es nicht aktuell; ist es aktuell, ist es nicht gut. Schließlich und drittens gibt es den begründeten Verdacht, dass hier ein der Universität ganz fremdes System der In- und Output-Steuerung eben auch durch Ratings im Hintergrund steht. Ganz abgesehen davon, dass so etwas im Grunde gar nicht möglich ist, fördert es "strategisches Verhalten": alle Welt schaut dann nur noch auf die Parameter und deren möglichst gute Erfüllung. Das können wir nicht wirklich wollen.

F&L: Wie hat der Wissenschaftsrat auf Ihre Absage reagiert?

Werner Plumpe: Der Wissenschaftsrat hat unsere Kritik und das Bedürfnis nach offener Diskussion aufgegriffen. Wir waren für längere Zeit in einem durchaus produktiven Meinungsstreit, den der Historikerverband, der Forschungsbewertung ja nicht grundsätzlich ablehnt, auch fortzuführen gedenkt. Die Ablehnung des Ratings hat noch keine Reaktion des Wissenschaftsrates ausgelöst; dazu war die Zeit zu kurz.

F&L: In einer Stellungnahme haben Sie gesagt, der Wissenschaftsrat bediene mit einem solchen Forschungsrating eine "politische Illusion", ja er fördere damit "strategische Verhaltensweisen, die in den Geisteswissenschaften die akademische Kultur zerstörten". Was meinen Sie damit konkret?

Werner Plumpe: Die Geisteswissenschaften, und damit auch die Geschichtswissenschaften sind keine über quantitative Parameter steuerbare Organisationen, wie das Unternehmen sind, in denen Inund Output-Analysen, Kostenstellen und Markterfolg monetär messbar und zumindest in begrenzter Hinsicht auch steuerbar sind. Wir halten die Vorstellung für eine nicht ganz ungefährliche Illusion, Wissenschaft lasse sich steuern oder zielgerichtet beeinflussen. Politik setzt die Rahmenbedingungen, das ist ihr gutes Recht. Aber die Vorstellung, in dem gegebenen Rahmen ließe sich geisteswissenschaftliche Exzellenz durch Anreizsetzung erzeugen oder verstärken, führt nur dazu, dass sich die Akteure an den Hochschulen, die ja von öffentlichen Geldern und Drittmittelgebern abhängen, dann strategisch verhalten: Man tut das, wofür man boniert wird. Das hat mit akademischer Kultur dann nicht mehr viel zu tun.
F&L: Ist es nicht ein Ausdruck universitärer Autonomie, wenn sich die Wissenschaftler selbst an solchen Evaluationen beteiligen?

Werner Plumpe: Es gilt ein Missverständnis auszuräumen, das sich beharrlich hält, obwohl es im Grunde Unsinn ist. Die Universität war und ist immer schon eine sich permanent selbstevaluierende Institution gewesen und wird das mit ihren Berufungsverfahren, ihrem Rezensionssystem, ihren bewerteten Zeitschriften, ihren Kongressen etc. auch bleiben. Hier herrschte bisher produktive Autonomie. Was man jetzt will, ist aber etwas ganz anderes. Man will parametrisierte Informationen in Form von abc-Ratings oder Tabellen, aus denen sich auch für wissenschaftsferne Menschen sozusagen eine Art Information auf den ersten Blick ergibt, die sie verstehen können, ohne größere Texte lesen und sich mit den Fragen länger beschäftigen zu müssen. Aber in den Geisteswissenschaften geht es nicht um Umsätze oder Punktestände. Die Ablehnung des Ratings ist daher ein Bestehen auf der Autonomie der Wissenschaft.

F&L: Chemiker und Soziologen hatten an einem ersten Forschungsrating des Wissenschaftsrates teilgenommen. Ist die Leistung dieser Wissenschaftsdisziplinen eher quantifizierbar?

Werner Plumpe: Das kann ich nicht wirklich beurteilen, glaube aber, dass auch hier die Probleme im einzelnen ähnlich liegen dürften wie in der Geschichtswissenschaft.

F&L: Politik und Universitätsleitungen verteilen bereits Mittel auf Grund von Evaluationen. Ist da ein solches Forschungsrating, bei dem ein Fach selbstbestimmt über sich urteilen kann, nicht ein kleineres Übel?

Werner Plumpe: Die leistungsorientierte Mittelzuweisung und auch die leistungsorientierte Besoldung im W-System sind in der Tat ein Problem. Nur glauben wir eben nicht daran, dass zentralisierte Ratings, die, sollen sie überhaupt gut sein, nicht jedes oder jedes zweite Jahr stattfinden können, eine wirkliche Hilfe bei den anstehenden Entscheidungen sind. Da gilt es, auch im Gespräch mit dem Wissenschaftsrat, für die Geisteswissenschaften Kriterien der Leistungsbewertung zu finden, die der Realität der Hochschule wie der Eigenlogik der Wissenschaften mehr entsprechen. Im übrigen wäre es naiv zu glauben, die Hochschulleitungen handelten allein nach Kriterien der jeweiligen Forschungsreputation; sie unterliegen vielfältigen, insbesondere Finanzierungszwängen, die, da muss man kein Prophet sein, stark zunehmen werden.

F&L: Kritiker des Forschungsratings weisen darauf hin, dass man im Fach schon wisse, wer gut sei. Ist die Geschichtswissenschaft so idyllisch und überschaubar, dass dieses System der Reputationszuweisung noch funktioniert?

Werner Plumpe: Die deutsche Geschichtswissenschaft ist weder klein noch idyllisch, aber sie funktioniert in ihren dezentralen Entscheidungsstrukturen eigentlich recht gut. In den Universitätsseminaren, in den Forschungsinstituten und in den Herausgebergremien der großen Zeitschriften steckt eine Menge Sachverstand, der kritisch mit den jeweiligen Forschungsleistungen umgeht und sie durch Reputationszuweisung, aber auch durch Reputationsentzug sanktioniert. Hier werden wesentliche Entscheidungen über Personalrekrutierung und Forschungsleistungen laufend getroffen - und in aller Regel in angemessener Weise. Vetternwirtschaft, die es hin und wieder geben mag, muss jedenfalls immer mit Kritik und Reputationsentzug rechnen. Insofern weiß man in der Geschichtswissenschaft über sich selbst schon recht gut Bescheid und auch die Öffentlichkeit hat hieran etwa über die Feuilletons und die anderen Medien ihren Anteil. Wir wollen auch gar nichts verstecken, sondern sind nur gegen ein Forschungsrating, das bestenfalls teuer und nutzlos ist, unter Umständen aber einer fatalen Ökonomisierung der Universität den Weg ebnet.

Aus Forschung und Lehre :: August 2009

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