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Recht auf Ruhe

Von Martin Spiewak

Jeder Lehrer sollte einen eigenen Arbeitsplatz in der Schule haben.

Recht auf Ruhe: Arbeitsplatz Lehrer© Dan Wilton - iStockphoto.com
Rettet die weltweite Wirtschaftskrise die deutsche Schulkultur? Vielleicht - wenn eine Idee des baden-württembergischen Kultusministers Helmut Rau Wirklichkeit wird. Er schlägt vor, die in Aussicht gestellte Konjunkturspritze für die Bildung vornehmlich einem Zweck zu widmen: jedem Lehrer in der Schule einen Arbeitsplatz einzurichten.

Denn daran mangelt es. Unsere Pädagogen dürfen im Schnitt gerade einmal einen Quadratmeter Tischplatte im Lehrerzimmer ihr Eigen nennen. Auf dem Viereck stapeln sich Bücher und Hefte, Elternbriefe und Kopien für die nächste Klausur. An ein ruhiges Arbeiten ist überhaupt nicht zu denken. Im selben Raum sitzen meist zwei Dutzend andere Kollegen, die reden und rascheln, auf Tastaturen hacken oder sich vernehmlich über den neusten Reformvorschlag der Schulbehörden aufregen.

Wer will es Lehrern da verdenken, dass viele von ihnen nach der letzten Stunde das Weite suchen, um den Rest des Arbeitstages zu Hause zu verbringen? Klassenarbeiten korrigieren, den Unterricht vorbereiten, Zeugnisse schreiben: All dies erledigt die Lehrerschaft am liebsten am heimischen Schreibtisch. Doch die Massenflucht nach Unterrichtsschluss hat negative Folgen. Sie erschwert den Kontakt zu Eltern und Schülern, befördert aufseiten der Lehrer Isolation und Einzelkämpfertum und hemmt die Schulentwicklung. Dass der Unterricht selbst in vielen Ganztagsschulen bereits mittags endet, liegt auch daran, dass nur ein Teil der Lehrer freiwillig bis zum späten Nachmittag bleiben will.

Steckte man die für Bildung vorgesehene Summe - Bundesministerin Annette Schavan fordert 100.000 Euro pro Schule - in den Ausbau moderner Lehrerarbeitsplätze, hätte dies viele Vorteile. Zum einen könnte das Geld relativ rasch ausgegeben und so konjunkturwirksam eingesetzt werden. Regale, Schreibtische und Stühle sind schnell gekauft; Computer und eine WLAN-Verbindung ins Internet lassen sich leicht installieren. Auch die Anschaffung einer guten Espressomaschine bedarf keiner europaweiten Ausschreibung.

Von den notwendigen Umbauarbeiten profitierten zum anderen die heimischen Handwerker. In der einen Schule würden sie Trennwände ziehen, in der anderen aus mehreren Klassenzimmern Großraumbüros machen. Die zurückgehenden Schülerzahlen eröffnen neue innenarchitektonische Freiheiten.

Den größten Anschub jedoch würden die Investitionen für die pädagogische Qualität liefern. Mehr Lehrer, so steht zu hoffen, würden ihren Unterricht gemeinsam vorbereiten, die Pädagogen fühlten sich stärker verantwortlich für die Schule als Ganzes. Auch Neuerungen lassen sich besser im Schulalltag verankern, wenn sich die Kollegen nicht nur in zu kurzen Pausen oder zu langen Konferenzen sehen.

Allerdings dürfte sich nicht jeder Lehrer über den neuen Arbeitsplatz und den damit verbundenen Präsenzdruck freuen. Viele von ihnen möchten das Privileg nicht missen, den Nachmittag freier als andere Arbeitnehmer gestalten zu dürfen. Doch auf dieses Vorrecht wird man langfristig keine Rücksicht nehmen können. Die Zeit der Halbtagsschule ist endgültig vorbei - für Schüler wie für Lehrer.

Aus DIE ZEIT :: 17.12.2008

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