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Respektlose Behandlung - ein Bericht über ein "Vorsingen" an einer deutschen Universität

Anonym

Die Verbesserung der Qualität von Berufungsverfahren wird immer wieder eingefordert. Neben Fortschritten an einigen Universitäten ist leider immer wieder von groben Verstößen gegen den guten Ton zu berichten, wie es eine Bewerberin jüngst erleben musste.

Respektlose Behandlung - ein Bericht über ein "Vorsingen" an einer deutschen Universität© Rudyanto Wijaya
Vorweg zu nehmen ist, dass ich im Vorfeld inoffiziell, aber sicher wusste, dass diese Stelle bereits "fest" für eine Kandidatin ausgeschrieben war und die ganze Veranstaltung somit also nur der Ordnung halber abgehalten wurde. Man traf sich also vor einem kleinen, klinischen Besprechungsraum. Alle "Proforma-Kandidaten" waren anwesend, als der Professor, in dessen Institut die Stelle ausgeschrieben und der gleichzeitig der Vorsitzende der Berufungskommission war, zusammen mit der "Wunschkandidatin" und in bester Laune erschien. In dem Besprechungsraum gab es keinen Beamer, sondern lediglich einen Rechner mit einem etwas größeren Flachbildschirm an der Wand. Vor der Wand standen Tischreihen mit diversen Rechnern. Einen Laserpointer zu benutzen war nicht möglich, da diese ja von dem Bildschirm "geschluckt" werden. Es war aber auch kein Zeigestock o.Ä. vorhanden, sodass man, wenn man etwas zeigen wollte, sich halb auf die Tische knien musste.

Außer dem Vorsitzenden waren zwei weitere Kliniker und ein Studentenvertreter anwesend, ansonsten nur die Kandidaten, die - aufgrund des Mangels an Zuhörern und Kommissionsmitgliedern - aufgefordert wurden, die fachliche Diskussion im Anschluss an die Vorträge miteinander zu führen!!! Es gab eine Liste beim Kommissionsvorsitzenden, in die sich die ständig kommenden, für wenige Minuten bleibenden und sich dann "rauspiepen" lassenden Kliniker eintragen mussten, um die Vollständigkeit einer Kommission vorzuspiegeln. Diesen Zustand halte ich für einen absoluten Affront gegenüber einer Anzahl hervorragend ausgebildeter, habilitierter Wissenschaftler.

Nach einer kurzen Pause begannen die Kommissionsgespräche in demselben Raum, in dem acht bis zehn Kommissionsmitglieder Platz genommen hatten, von denen der Großteil die Vorträge ja gar nicht gehört hatte. Dabei kann ich nicht sagen, ob es sich hierbei überhaupt um Kommissionsmitglieder handelte, denn es wurde einem niemand vorgestellt! Auch man selbst wurde den anderen Kommissionsmitgliedern nicht vorgestellt. Nachdem man dreimal mit derselben Frage konfrontiert wurde - nämlich warum man sich auf diese Stelle beworben hat - döste die Hälfte der Kommissionsmitglieder. Eigene Nachfragen ernteten lediglich ein müdes Schulterzucken....

Nach bereits ca. 17 Minuten war alles vorbei, und man ging genau so anonym nach Hause, wie man gekommen war. Ich bin mir nicht sicher, ob hier überhaupt die rechtlichen Grundlagen für eine Berufung geschaffen waren. Mir persönlich ist es egal, denn wie sich herausstellte, gibt es für diese Professur nicht einmal Laborplätze, was an sich schon unglaublich ist, den Kommissionsvorsitzenden aber eher zu erheitern schien. Vielleicht deshalb, um die "Statisten" dieser Veranstaltung im Vorfeld schon abzuschrecken?

Unterm Strich bedeutet das für mich, dass diese Stelle zu bekommen nicht erstrebenswert sein kann. Trotzdem, die Respektlosigkeit, mit der man behandelt wird, die absolut unnötigen Kosten, die einem entstehen (denn es gab für dieses Berufungsgespräch keinerlei Reisekostenzuschüsse!) sowie die Selektivität und Subjektivität, mit der teilweise offensichtlich Professuren vergeben werden und vergeben werden können, ist erschreckend. Zum Glück gibt es auch andere Beispiele, oder zumindest wird es dann nicht so offensichtlich gehandhabt.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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