Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Risiko und Sicherheit

Von Helmut Schwarz

Wer sich auf eine Wissenschaftlerkarriere einlässt, braucht eine ordentliche Portion Risikobereitschaft. Doch diese kann nur dann produktiv eingesetzt werden, wenn die Voraussetzungen stimmen - ob es um eine faire Bezahlung, eine ausreichende Zahl unbefristeter Stellen oder um die Transparenz von Berufungsverfahren geht. Welchen Anspruch haben also die Universitäten und ihre Wissenschaftler an sich selbst? Was betrachten sie als ihren Auftrag?

Risiko und Sicherheit: Karrierechancen Wissenschaft© simeon - stock.xchng
Heinrich Heines von Schwermut und Ironie geprägte Beziehung zu seinem Vaterland erkennt man schon an dem Zweizeiler "Denk' ich an Deutschland in der Nacht, dann bin ich um den Schlaf gebracht", und unter diesem berühmt gewordenen Seufzer lassen sich auch diverse Äußerungen jüngeren Datums von deutschen Nachwuchswissenschaftlern leitmotivisch subsumieren, wenn sich diese über ihre Zukunftsaussichten in Deutschland äußern. Sicherlich fragt man zu Recht, ob es sich bei diesen Bemerkungen um spontane, subjektiv gefärbte Meinungen von Außenseitern handelt, Reden, denen nicht zuviel Gewicht beigemessen werden sollte, wenn es denn nicht doch so wäre, dass wir aus eigener Erfahrung nur allzu gut wüssten, dass tatsächlich Anlass zur Sorge existierte, vor allem dann, wenn diese Gedanken einmal in den breiteren Kontext der deutschen Universitätslandschaft gestellt werden. Man hört oder liest Bemerkungen wie:

"An deutschen Hochschulen gibt es für uns immer noch keine verlässliche Perspektive" oder "Viele Leiter von Nachwuchsgruppen oder Bewerber auf Professorenstellen fühlen sich an den Universitäten wie Bittsteller, auf Anfragen erhält man oft keine Reaktionen; in einer deutschen Universität scheint der Mensch erst mit dem Professor zu beginnen", und schließlich der möglicherweise gut oder gar ehrlich gemeinte Rat eines Ordinarius an einen ehemaligen 35-jährigen Emmy-Noether-Stipendiaten im Fach Geschichte: "Sie wollen einen Lehrstuhl, junger Mann? Dafür sind Sie doch um Jahre zu jung!". Sicherlich etwas zugespitzt, aber deshalb die Stimmung, wie junge Menschen ihre Situation wahrnehmen, nicht weniger genau kennzeichnend war auch die Bemerkung eines Nachwuchsphysikers, der nach vielen vergeblichen Versuchen, in Deutschland Fuß zu fassen, entnervt-resigniert dem Werben eines renommierten USA-Laboratoriums nicht länger widerstehen wollte und konnte und vor seinem Weggang verbittert konstatierte: "Eine wissenschaftliche Laufbahn hat in Deutschland zwei Endstationen: Professor oder - Hartz IV-Empfänger".

Die beruhigenden Hinweise und Feststellungen aus der Politik oder von Vertretern der Wissenschaftsorganisationen wie auch der von Hochschulrepräsentanten, dass in den nächsten Jahren allein in Deutschland mindestens 10 000 neue Stellen für Wissenschaftler eingerichtet werden, der Hochschulpakt 2020 für rosige Aussichten auf dem akademischen Arbeitsmarkt sorge, im europäischen Raum schon jetzt ein enormer Mangel an Forschernachwuchs herrsche, der durch den Generationenwechsel und die demoskopische Entwicklung in naher Zukunft nur noch dramatischer werden dürfte - diese und andere Zahlen und Beteuerungen scheinen ins Leere zu laufen.

Wenn wir eine halbwegs verlässliche Antwort auf die Frage zu den Karrierechancen des wissenschaftlichen Nachwuchses in Deutschland erhalten wollen, dann dürfte der klassische Satz von Yeats zur Situation der Lyriker, nämlich "Was unsere Aussichten betrifft, (da) steht nur eines fest: dass wir zu viele sind", für eine Analyse nicht ausreichend sein. Stattdessen sollten wir uns zunächst Rechenschaft über die relevanten Fakten geben, müssen uns aber auch fragen, ob die Äußerungen der Betroffenen zu den Perspektiven junger Wissenschaftler eher eine bloß "gefühlte Unsicherheit" ausdrücken, die genährt sein mag von unserer generellen Einstellung, dass das Gras der Nachbarn per se grüner ist als das im eigenen Garten, während die Haltung junger angelsächsischer Wissenschaftler, selbst dann, wenn ihre Karrierechancen objektiv gar nicht besser sind als hierzulande, mehr von einer "gefühlten Hoffnung" getragen und beflügelt wird, die ihrerseits jene ansteckende, euphorische Stimmung erzeugt, die dann wiederum manchen ausländischen Wissenschaftspolitik- Touristen allzu schnell dazu verleitet, Kopien eines USA-bewährten Karriere-Instrumentariums fürs eigene Land anzufertigen, anschließend die Blaupausen zu Hause in leicht modifizierter Form zu implementieren und damit zwangsläufig Schiffbruch zu erleiden. Man denke nur einmal an die in den USA über Jahrzehnte hinweg mit großem Erfolg praktizierte Karriereschiene assistant - associate - full professor und den kläglich-ängstlich-halbherzigen Versuch, hiervon bei uns gerade einmal die unterste Stufe in Form der Juniorprofessur einzurichten.

Einen gravierenden Mangel an herausragenden, teilweise beispiellosen, außeruniversitären Fördermöglichkeiten für den Hochschullehrernachwuchs in Deutschland sehe ich genauso wenig wie einen Mangel an talentierten Bewerbern - zumindest trifft diese Einschätzung für die Spitzengruppe uneingeschränkt zu: Ob Helmholtz-Gemeinschaft, Max Planck-Gesellschaft oder die Wissenschaftsgemeinschaft Leibniz, diese und andere Einrichtungen haben längst erkannt - und entsprechend schnell gehandelt -, dass der Förderung des wissenschaftlichen Nachwuchses höchste, wenn nicht gar erste Priorität zukommt.
Wir müssen uns also in Deutschland sowohl mit unseren Anstrengungen insgesamt als auch mit den in den letzten Jahren entwickelten Instrumentarien wahrlich nicht vor dem Ausland verstecken. Im direkten Vergleich Deutschlands mit dem vermeintlichen Forscherparadies USA sollten wir deshalb auch einmal ganz gelassen Zahlen zur Kenntnis nehmen, wie die, dass es beispielsweise hier wie dort ca. dreimal so viele Kandidaten für eine freie Professorenstelle gibt, dass in beiden Ländern das durchschnittliche Alter beim Antritt der ersten Dauerstelle (hier W2/W3, dort associate oder full professor) fast gleich ist, nämlich 41 Jahre in Deutschland und 40 bis 41 in den USA. Zwar ist auch in Deutschland die Zahl der Promovenden bei gleichzeitigem Wegfall von Professorenstellen stetig gewachsen, aber auch in den USA ist die Zahl der PhD-Studenten und Postdoktoranden in den letzten zehn Jahren um 25 Prozent gestiegen, während die Zahl der tenure track-Professuren im gleichen Zeitraum um fast 20 Prozent abnahm. Es darf deshalb schon ein wenig verwundern, warum trotzdem immer noch viele unserer Jungforscher so wenig davon überzeugt sind, auch in Deutschland gute Aussichten auf eine wissenschaftliche Laufbahn zu haben und stattdessen die USA als das Land ansehen, in dem für den Akademikernachwuchs "Milch und Honig fließen".

Natürlich gibt es leicht benennbare, handfeste Unterschiede in beiden Ländern, wie beispielsweise die in der klinischen Forschung in Deutschland seit Jahren bestehenden und allen Beteiligten nur zu gut bekannten Desiderata, z.B. eine finanziell deutlich schlechtere Besoldung von vorwiegend wissenschaftlich- forschend tätigen Medizinern gegenüber den in der Patientenversorgung beschäftigten Kollegen. Wer hier wirklichen Verbesserungsbedarf sieht, wer anerkennt, dass Forschung in der klinischen Medizin deutlich mehr als eine Freizeitbeschäftigung sein muss, wer in einer medizinischen Dissertation eine wissenschaftliche Arbeit sehen möchte, die diesen Namen tatsächlich verdient, der muss, wenn der Exodus von forschenden Nachwuchsmedizinern gestoppt werden soll, rasch spürbare Verbesserungen durchsetzen. Ein wenig Reparatur hier, ein bisschen Reform dort - dieses Taktieren wird nicht mehr ausreichen, das Problem zu lösen. Nur sehe ich, soweit ich den Diskussionsverlauf kenne, bisher keinen ernsthaften Versuch, im Alltagsleben der forschenden Mediziner durch eine mutige Reform einen wirklichen Durchbruch herbeizuführen. Darüber hinaus gibt es selbstverständlich auch strukturelle - und leider gravierende - Defizite, die nicht mehr an ein bestimmtes Fach gebunden sind, sondern die mit dem "Gesamtsystem Universität" zusammenhängen und die somit direkt die Zukunft des Nachwuchses tangieren. Die teilweise erschreckenden Mängel sind vermutlich allzu gut bekannt: Denken Sie nur einmal an die zermürbend hohe Verwaltungslast eines Hochschullehrers - sind wir wirklich dafür da? - oder an die teilweise amateurhaft praktizierte Administration von Dekanaten, wo in der Regel Laiendarsteller die Rolle eines Dekans auszuüben haben. "Gut gemeint" ist als Handlungsmotiv leider nicht ausreichend. Statt diese Aspekte weiter zu vertiefen, will ich zwei andere Problemfelder, die mir selber am wichtigsten erscheinen, kurz beleuchten:

1) Die Betreuungsrelationen an Hochschulen stimmen bei uns nicht, und die Lehrdeputate an wissenschaftlichen Hochschulen sind in Deutschland einfach deutlich zu hoch. In den USA betreut ein Hochschullehrer ca. zehn bis 15 Studenten, in Deutschlands Massenuniversitäten hingegen 50 bis 70, und in manchen Fächern noch mehr. Ein forschender Professor an guten britischen oder amerikanischen Universitäten unterrichtet in einem akademischen Jahr insgesamt ca. 50 bis 60 Stunden; in Deutschland dürfte der Lehranteil mindestens drei- bis viermal so hoch sein. Es erscheint überfällig, noch einmal ernsthaft über eine Re-etablierung des klassischen "akademischen Mittelbaus" in Universitäten - verbunden mit einer Neudefinition der Aufgaben - nachzudenken. Hingegen hielte ich die gelegentlich favorisierte Einführung einer reinen "Lehrprofessur" für einen Irrweg, denn an unseren Leitbild-Universitäten im Ausland ist es gerade die gelungene Kombination von erstklassiger Forschung und exzellenter Lehre, die den Rang dieser Institutionen ausmacht. Zutreffend und problemlösend erscheint hingegen der Vorschlag einer Flexibilisierung des Lehrdeputates: Es müssen zwar alle lehren, aber nicht jeder hat dies im gleichen Umfang zu tun. Klar sollte sein, dass solange die Betreuungsrelationen nicht wesentlich verbessert werden, jeder Versuch, die "Lehre" zu verbessern, müßig und zum Scheitern verurteilt sein wird.

2) Mit Betreuungsrelationen und Lehrdeputat unmittelbar zusammenhängend ist die finanzielle Basis, auf der deutsche Universitäten zu operieren haben. Während die ETH Zürich pro Jahr und Student einen Etat von ungefähr 45.000 Euro zur Verfügung hat, gibt eine Vorzeigeuniversität wie die TU München für einen Studenten gerade einmal 14.000 Euro im Jahr aus, von anderen, weniger betuchten Universitäten wie meiner eigenen Alma Mater ganz zu schweigen. Wir kommen nicht daran vorbei, immer wieder an die seit mindestens 20 Jahren existierende gewaltige Unterfinanzierung deutscher Universitäten zu erinnern und dabei die Bedarfsabschätzungen des Wissenschaftsrates und der Hochschulrektorenkonferenz ernst zu nehmen, dass für die nächsten zwei Dekaden die jährlich erforderlichen finanziellen Extraaufwendungen im tertiären Bildungsbereich bei ca. acht bis zehn Milliarden Euro liegen dürften. Und in dieser Zahl sind nicht einmal jene Mittel enthalten, die zu dem überfälligen, quantitativen Ausbau der Fachhochschulen erforderlich wären, denn ein Großteil der Universitätsstudenten wäre nach meiner Kenntnis und Erfahrung besser an Fachhochschulen als an Universitäten aufgehoben. Vor diesem Hintergrund erscheint der an sich so begrüßenswerte Geldregen in der Exzellenzinitative nur noch wie ein Rinnsal, von dem vorwiegend eine zwar wichtige, aber numerisch recht kleine Gruppe von Personen profitiert. Ferner müsste es doch einleuchten, dass - genauso wenig wie große Opernhäuser nur vom Rang und Ruhm ihrer Primadonnen alleine leben - auch im universitären Bereich eine solide und ausfinanzierte Basis auf gutem Niveau für die Breitenförderung dauerhaft bereitgestellt werden muss, denn selbst die spitzeste Pyramide bedarf eines tragfähigen Fundamentes. Auf einige dieser Defizite - speziell im Hinblick auf die Nachwuchsförderung - deutlich aufmerksam gemacht zu haben ist ein Verdienst der Jungen Akademie zu Berlin.
In einer vergleichenden, statistisch belastbaren Evaluationsstudie zur Juniorprofessur versus Emmy-Noether- Programm kommen die Autoren zu dem Schluss, dass die Juniorprofessur als Mittel der Nachwuchsförderung schlechter abschneidet.

Man kommt nicht daran vorbei, festzuhalten, dass sich die schon bei der Einrichtung dieses Instruments vorgebrachten kritischen Bedenken leider als weitgehend zutreffend herausgestellt haben. Wären Politik und manche der damals überschnell agierenden Universitäten bei der Implementierung des Förder-Programms für Juniorprofessoren stattdessen den in der DFG-Denkschrift zum wissenschaftlichen Nachwuchs niedergelegten Empfehlungen gefolgt, dann gäbe es heute vermutlich weniger Gründe zum Klagen. So aber ist das politisch gehätschelte Kind "Juniorprofessur" in den Brunnen gefallen; noch ist es zwar nicht tot, aber es bedarf größerer Anstrengungen, es am Leben zu halten. Da es keinen Königsweg für eine Hochschullaufbahn gibt, sollte überlegt werden, was schleunigst zu tun geboten ist, wenn man nicht nur träumen will, sondern eine lebensfähige, nachhaltige, attraktive Variante dieses an sich wichtigen Programms für den Hochschullehrernachwuchs schaffen möchte.

Auch hier mangelt es weder an klugen Ratschlägen noch an relativ einfach umzusetzenden, teilweise sogar weitgehend kostenneutralen Empfehlungen, die zu implementieren leicht und möglich erscheinen, wenn denn die Universitäten nur wollten und ihr teilweise kleinmütiges Agieren beerdigten. Um es vorweg und klar zu sagen: Ohne das entschiedene Engagement der Universitäten wird es keine grundlegende Veränderung und schon gar keine Verbesserung geben, und alle noch so guten außeruniversitären Förderinstrumente werden vielen der jungen Wissenschaftlerpersönlichkeiten nur wenig helfen.

Auf einem von der DFG und dem BMBF organisierten Workshop in Berlin zum Thema "Karrierewege in Wissenschaft und Forschung" wurden fünf Aspekte herausgearbeitet, die, wenn gebündelt eingesetzt, ihre Wirkung nicht verfehlen sollten. Mir selber scheinen folgende Gesichtspunkte bedenkensund erwähnenswert:

1. Positionen an Universitäten und vergleichbaren Institutionen müssen in verschiedenster Hinsicht wirklich international attraktiv sein. Hierzu gehören beispielsweise Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Natürlich existieren auch in Deutschland einige vorbildliche Ansätze und Projekte wie an der Universität Konstanz. Aber es ist doch immer noch die Ausnahme, auf dem Anmeldeformular zu einer Tagung angeben zu können: "Ich bringe X Kinder im Alter von Y Jahren mit und benötige für diese während der Tagung eine Betreuung". An wie vielen Universitäten in Deutschland wäre dies auch im Alltag möglich? Die drei Kindergärten auf dem KIT-Campus in Karlsruhe - immerhin keine Provinzeinrichtung - haben Wartelisten mit je 400 Kindern. Ferner, wie ernsthaft gehen wir mit dem Wunsch oder der Forderung um, wissenschaftliche Berufswege für Mann und Frau, tätig in derselben Universität, anzubieten? Hier könnten wir von anderen Ländern lernen, und ein Besuch in Zürich allein würde manchem deutschen Universitätsverwalter die Augen öffnen, was kreative Phantasie in wenigen Jahren auf den Weg zu bringen vermochte. An Erkenntnissen, an Analysen und an Empfehlungen zur Lösung dieses Problems mangelt es zwar nicht - nur, wir tun uns seltsam schwer, das einmal als richtig Erkannte auch praktisch zu verwirklichen.

2. Karrierewege müssen verlässlich sein. Es geht den jungen Menschen nicht um Garantien für einen Arbeitsplatz, sondern um planbare Optionen, bei denen die Regeln transparent sind. Dass auch eine materielle Grundsicherung existieren muss und dass die nicht amtsangemessene W-Besoldung auf sehr gute Bewerber nicht nur nicht einladend, sondern abschreckend wirkt, dies bedarf keiner weiteren Erläuterung. Dieser strukturelle Hemmschuh W-Besoldung muss schnellstens reformiert oder, besser gar, beseitigt werden, auch wenn eine Reform der Reform schmerzhaft teuer zu stehen kommen wird. Hingegen sollte es ohne finanzielle Extrakosten - und trotzdem mit großer Wirkung - relativ einfach sein, den handverlesenen Stipendiaten - ob nun Emmy-Noether oder Heisenberg - wie auch den hochqualifizierten Nachwuchsgruppenleitern in Universitäten eine längst überfällige korporationsrechtliche Verbesserung ihres Status anzubieten; konkret geht es um eine Erweiterung der Befugnisse im Rahmen von Promotionsverfahren oder das Recht zu selbständiger Lehre, schlicht: die partiell immer noch existierende Unselbständigkeit der angehenden Professoren zu beenden. Die TU München hat diesen Schritt vor wenigen Monaten universitätsweit vollzogen. Wäre es nicht für die Juristen und Administratoren anderer Universitäten ebenfalls eine lohnende Herausforderung, nach kreativen - und wenn denn erforderlich - unorthodoxen Lösungen zu suchen? Wer Leistungsfähigkeit fordert, muss frühes eigenverantwortliches Handeln ermöglichen. Junge Wissenschaftler sollten nicht Diener ihrer arrivierten Kollegen sein, sondern zum frühestmöglichen Zeitpunkt ihrer Karriere als Forscher und Lehrer eigenen Rechtes wirken können - und genau dieses Recht wird den Nachwuchswissenschaftlern in anderen Ländern großzügiger und in einer früheren Phase der Karriere zugestanden als bei uns. Vergessen wir schließlich nicht, dass in der Wissenschaft die Unbekümmertheit der Jungen genauso benötigt wird wie die Lebensweisheit der Alten.

3. Wie sieht es mit der Transparenz bei Berufungen aus? Es klingt weder bösartig noch weltfremd, wenn behauptet wird, dass wesentliche Verbesserungen auch hier unerlässlich sind. Wer weltweit die Besten gewinnen will, wer in Berufungsverfahren glaubwürdig bleiben möchte, muss die Regeln benennen, nach denen ausgesucht und evaluiert wird, und hat sicherzustellen, dass Berufungsverfahren nicht der Versorgung bereits vorhandenen Personals dienen. Vielleicht wäre es hilfreich, den Vorschlag aufzugreifen und Berufungskommissionen in Suchkommissionen umzuwandeln: Vergleicht man einmal das Berufungsprozedere der ETH Zürich oder einer guten amerikanischen, britischen oder israelischen Universität mit der bei uns gängigen Praxis, dann wird man feststellen, dass die Unterschiede, selbst auf einer logarithmischen Skala, erschreckend groß sind. Wenn an der ETH Zürich mehr als die Hälfte der in den letzten 20 Jahren berufenen Professoren von der Berufungskommission selber als Kandidaten zunächst identifiziert, von ihr aktiv angesprochen und dann für die ETH interessiert worden sind und ein komplettes Berufungsverfahren im Schnitt in ca. sieben Monaten abgeschlossen wird, dann kann man ahnen, wo in Deutschland Handlungsbedarf besteht. Berufungen dürfen eben keine lästige Pflichtübung sein, sondern müssen - neben der Auswahl und Ausbildung der Studenten - unser Kerngeschäft darstellen. Glücklicherweise gibt es erste Hinweise, dass das effiziente Verfahren einer sogenannten "Direktberufung" mittlerweile auch an einigen deutschen Universitäten versuchsweise praktiziert wird, wie z.B. an der Universität München oder den Universitäten Baden- Württembergs. Vielleicht hilft diese Änderung auch, den Anteil ausländischer Hochschullehrer von derzeit acht Prozent zu erhöhen, denn, was der kantonalen Züricher Universität, an der fast 40 Prozent der Professoren keine Schweizer sind, möglich war, müsste doch auch der einen oder anderen deutschen Universität gelingen. Aber neben der Berufungspraxis gibt es weitere Monita, wie die schon erwähnte Frage nach einer wirklich leistungsgerechten Besoldung. Selbst Idealisten dürfte es schwerfallen, Einkommensverluste von bis zu 70 Prozent zu akzeptieren, wie sie Spitzenleuten dann drohen, wenn die Tarifregeln des öffentlichen Dienstes blind angewendet werden müssen. Es kann eben nicht folgenlos bleiben, wenn es Länder gibt, in denen, gemessen an der Kaufkraft, Hochschullehrer mittlerweile das Doppelte und Dreifache verdienen. Deutschlands Platz auf dieser Einkommens-Rankingliste liegt mittlerweile irgendwo im unteren Mittelfeld, und für wissenschaftliche und technische Mitarbeiter sieht die Statistik keineswegs rosiger aus.
4. Wie halten wir es mit der zunehmend wichtiger werdenden Rolle eines effizienten Mentorenprogramms für Nachwuchswissenschaftler? Keine wirklich erstklassige Universität oder Forschungseinrichtung leistet es sich, eine junge Frau oder einen jungen Mann zunächst anzuheuern, dann beträchtliche Geldsummen für eine adäquate Erstausstattung zu investieren und die Person schließlich einfach gewähren zu lassen nach dem Motto, dass Pflanzenkeimlinge im Dschungel doch auch von alleine zu mächtigen Bäumen wachsen - oder eben verkümmern! Nein, in Berkeley, Chicago, am Weizmann-Institut, in Straßburg, London, Oxford, Zürich, Jerusalem, Tokio, Peking usw. überall gilt das Prinzip "learning by doing". Dort lebt man nach der Regel, dass die Jungen dem Dekan oder einer Vertrauensperson in der Fakultät regelmäßig über das berichten, was sie beschäftigt; sie erlernen durch Vorbilder auch spielerisch leicht das Handwerk eines guten, verantwortungsgeprägten Unterrichtens; von ihren peers werden sie informiert über das Prozedere, die Fallstricke und die Fußangeln einer Drittmittelbeschaffungsbürokratie; ganz natürlich und zwanglos wird der Nachwuchs eingebunden in den universitären Alltag, so dass die jungen Leute an ihren eigenen, wie auch den Problemen ihrer etablierten Kollegen, unmittelbar erfahren, dass der Grundsatz "fail, fail again, fail better" auch der Wissenschaft - oder vielleicht gerade ihr - nicht fremd ist. Natürlich, Kritik kann wehtun, aber frühe Offenheit in allen Fragen verhindert unnötige Enttäuschungen und Frustrationen in einer späteren Phase. Und die Älteren dürfen nicht zögern, den Jungen deutlich zu sagen, dass, wer Neues will, Abenteuer und persönliche Enttäuschungen aushalten können muss, dass alle zu akzeptieren haben, dass Risiko und Sicherheit nicht nur im Aktienhandel antagonistische Brüder sind, sondern diese Feuer-Wasser- Paarung auch für eine Hochschullehrerlaufbahn konstitutiv ist.

5. Schließlich gilt aber auch, dass, wenn die Wissenschaft selber jung bleiben will, sie selbstredend der Jungen bedarf, was aber nicht zwangsläufig heißen muss, bloß jung an Lebensjahren zu sein - sondern eher: hungrig zu sein auf das Unbekannte und die Bereitschaft zu haben, sich vom früher Bewährten notfalls rasch trennen zu können. Um an Universitäten dieser Haltung und Einstellung den erforderlichen Lebensraum zu geben, sollten wir uns gelegentlich des Aufrufes von 100 deutschen Wissenschaftspreisträgern erinnern, die in ihrem Manifest "Wenn man uns denn nur arbeiten ließe" die wichtigsten Hindernisse, die es zu beseitigen gilt, benennen: Weg mit der lähmenden, an einer Planwirtschaft orientierten Überregulierung, Insistieren auf einer tatsächlich existierenden, allumfassenden universitären Autonomie (vulgo Befreiung der Universitäten vom Diktat der Ministerialbürokratie, denn Universitäten sind keine nachgeordneten Behörden), der Hochschule das komplette Recht übertragen, die Auswahl von allen Studenten und die Wahl der Hochschullehrer vollständig alleinverantwortlich zu betreiben.

Wenn ich an dieser Stelle an die immer wieder geäußerte Absicht einiger Akteure in Deutschland denke, das Promotionsrecht auf nicht-universitäre Einrichtungen zu übertragen, dann fühle ich mich mit Heine tatsächlich "um den Schlaf gebracht", denn der zu erwartende und prognostizierbare Kollateralschaden für das "System Universität" - und somit langfristig auch für die außeruniversitären Forschungseinrichtungen selbst - wäre katastrophal. Auch in der Praktizierung der Bologna-Vereinbarungen sehe ich eine substantielle Entwertung der Universität und ihren definitiven Abschied von Humboldts Ideal. Es ist nicht übertrieben, am Horizont die Umrisse einer weiteren "Verfachhochschulung" von Universitäten wahrzunehmen.

In diesem Kontext bin ich versucht - und ich will dieser Versuchung gerne nachgeben - Dieter Simons Empfehlung hinzuzufügen, stattdessen an Universitäten endlich Verhältnisse zu schaffen, dergestalt, dass die Passion der Lehrer und Forscher für die Wissenschaft wieder mit der Leidenschaft eines Liebenden vergleichbar sein wird. Bei Simon heißt es: "Passion ist eine Angelegenheit, die einem zustößt. Ein Leiden, das einen überfällt, ohne dass man es abwenden kann, und das man schmerzlich durchleben muss. Insofern ist Passion ein Symbol für Liebe. Menschen, die Nachts mit wirren Haaren am Fenster stehen und den Mond betrachten, können Liebende oder Wissenschaftler sein. Menschen, die orientierungslos durch die Straßen irren und wild gestikulierend mit sich selbst sprechen, können Liebende oder Wissenschaftler sein."

Besitzen wir selber oder billigen wir anderen überhaupt genügend Leidenschaft zu, brennt in uns Hochschullehrern und Forschern jenes Feuer, von dem Augustinus sprach und das einem akademischen Lehrer zunächst selber eigen sein muss, wenn er es in seinen Schülern entfachen möchte, oder sind wir nach dem Reformmarathon der letzten 40 Jahre und den nicht gemeisterten Herausforderungen einer Massenuniversität einfach mutlos, erschöpft und allzu kleinmütig geworden, haben eine durch Resignation geprägte Mentalität zu unserer zweiten Haut gemacht, die unseren jungen Kollegen den optimistischen Blick in die eigene Zukunft versperrt, und beherzigen von Oscar Wilde's Diktum, "dass das Durchschnittliche der Welt ihren Bestand, aber erst das Außergewöhnliche ihr den Wert gibt", nur noch den ersten Teil?

Wenn diese Analogien zu wenig sachlich, zu düster oder gar suspekt klingen mögen, versuchen Sie es mit einer alternativen Bestandsaufnahme, zum Beispiel unter den Aspekten, ob viele unserer Universitäten heute vielleicht nicht zu oft eine lose Kollektion von teuren Berufsschulen geworden sind, statt einer brodelnden Ideenküche zu gleichen, ob sie - die Universitäten - durch die erzwungene oder auch freiwillig akzeptierte Adaption eines kafkaesken, überbordenden Bürokratismus nicht selber zu einer Behörde mutiert sind, ferner, ob das ausufernde Kommissionswesen, das immer noch übertriebene Schielen auf wie das Streben nach Egalität oder auch der überhastete Umbau von Universitäten in Produktionsstätten, deren Ware ihre Absolventen und Ziel hohe Durchsatzzahlen sind - ob diese und andere strukturelle Veränderungen der zentralen Aufgabe der Universität, primär Ort der Wissenschaft zu sein, aus dem ganz simplen Grund deshalb im Wege stehen, weil Wissenschaft ihrem Wesen nach nicht konservativ, sondern revolutionär ist - und Forscher sich nicht gängeln lassen möchten.

Wir sollten schließlich auch nicht vergessen, dass Universitäten neben der Aufgabe, jungen Menschen den selbstverantworteten Schritt in eine wissenschaftliche Selbständigkeit zu ermöglichen, ihrem eigentlichen Auftrag nach und von ihrem ursprünglichen Selbstverständnis her, die vielleicht einzige Institution in der Gesellschaft darstellen, wo über Themen und Fragen nachgedacht wird, deren Bedeutung, praktischer Nutzen und alltägliche Verwertbarkeit sich möglicherweise erst Jahrzehnte später voll entfalten. Sich diesen scheinbar nutzlosen und vermeintlich irrelevanten Langzeitaufgaben inmitten einer überwiegend nur noch kurzfristig operierenden und kurzatmig gebärdenden Umgebung zu stellen, dies macht Universitäten immer noch besonders wertvoll, aber gleichzeitig auch verletzlich.

Auf einem der Jahrestreffen der Emmy Noether-Stipendiaten in Potsdam konnte man von der Physikerin Elisa Rusconi die italienische Sicht auf die deutsche Universitätslandschaft kennenlernen; sie lautete schlicht: "Seid nicht immer so traurig über die deutsche Situation". Hoffen wir oder - besser noch! - sorgen wir dafür, dass Frau Rusconi mit ihrer Bemerkung tatsächlich die Universitäten gemeint hat. Denn es gibt keinen Zweifel, dass, wenn Universitäten sehr gut sind, wenn die Hochschule die Institution bleibt, die Bildung und Ausbildung durch Wissenschaft verwirklicht, sich der Nachwuchs nicht mehr um seinen Schlaf gebracht fühlen muss, wenn er von seinen Karriere- und Zukunftsaussichten in Deutschland träumt. Art und Ausgang des Traumes werden jedoch maßgeblich von der Haltung und den Handlungen der Universitäten bestimmt werden. Fast alles liegt in ihrer Hand.

*Festvortrag anlässlich des 58. DHV-Tages am 10. März 2008 in Stuttgart. Die Langfassung der Rede kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.

Helmut Schwarz
Im Januar 2008 hat Helmut Schwarz das Amt des Präsidenten der Alexander von Humboldt-Stiftung in Bonn übernommen. Er ist Professor für Organische Chemie an der Technischen Universität Berlin und gilt als einer der international führenden Forscher auf dem Gebiet der Molekularchemie. Für seine grundlegenden Forschungsarbeiten hat er zahlreiche Auszeichnungen erhalten.
Von 2001 bis 2007 war er Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft.

Forschung und Lehre :: April 2008

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote