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Schluss mit den Studiengebühren!

Von Jan-Martin Wiarda

Eine bundesweite Umfrage zeigt: 70 Prozent der Studenten sind gegen Studiengebühren. So viele wie noch nie.

Schluss mit den Studiengebühren!Markus Voeth, wissenschaftlicher Leiter der zweiten "Gebührenkompass"-Studie
Gerade dachten die Wissenschaftsminister der verbliebenen sechs Gebührenländer, nach dem Aus für die Campus- Maut in Hessen könnte es nicht mehr schlimmer kommen. Doch jetzt liegt eine bundesweite Umfrage vor, die belegt: Die Akzeptanz der Gebühren ist auf ein historisches Tief gesunken. Wie Wissenschaftler der Universität Hohenheim ermittelten, plädieren 70 Prozent der betroffenen Studenten für eine sofortige Abschaffung nach dem Vorbild Hessens.

"Das sind wirklich dramatisch schlechte Zahlen für die Befürworter von Studiengebühren", sagt Markus Voeth, wissenschaftlicher Leiter der zweiten "Gebührenkompass "-Studie, bei der mehr als 6100 Studenten an 54 Universitäten in allen bisherigen Gebührenländern interviewt wurden. Alarmierend ist auch die extreme Unzufriedenheit mit der Verwendung der Gelder. Auf einer Noten-Skala von 1 bis 6 gaben die Befragten der Ausgabenpolitik ihrer Hochschule eine 4,55. "In der Schule wäre das ein gerade noch 'ausreichend' bis 'mangelhaft' ", sagt Marketingprofessor Voeth.

Die Gebührenkompass-Zahlen lassen nur einen Schluss zu: Wissenschaftsminister und Universitäten haben es seit der Einführung des Bezahlstudiums nicht geschafft, die Studenten von dessen Nutzen zu überzeugen, im Gegenteil - die ohnehin schon kritische Haltung der Betroffenen ist in offene Ablehnung umgeschlagen. Ohne jeglichen Rückhalt in der Studierendenschaft aber hat das kostenpflichtige Studium auf Dauer auch in den sechs verbliebenen Gebührenländern keine Überlebenschance.

Allerdings weist der Gebührenkompass den Universitäten auch einen Ausweg aus der Misere. "Dort, wo die Studenten sich über die Verwendung ausreichend informiert fühlen, sind sie deutlich zufriedener", sagt Voeth. So erreicht die Gruppe der Informierten einen Zufriedenheitswert von 2,98, die Gruppe der Nichtinformierten hingegen liegt bei 4,82 - ein gewaltiger Unterschied. Natürlich, ergänzt Voeth, reiche eine größere Transparenz allein nicht aus, sie müsse verbunden sein mit einem wirklich sinnvollen Einsatz der Gelder, und der könne aus Sicht der Studenten nur ein einziger sein: "Die erlebbare Verbesserung der Lehrbedingungen im Alltag der Studenten. Alles andere, von mehr internationalen Studienplätzen bis zur Anschaffung von Beamern, bringt so gut wie nichts."

Ulrich Müller vom Centrum für Hochschulentwicklung (CHE), das von Hochschulrektorenkonferenz und Bertelsmann Stiftung getragen wird, bestätigt: "Für Studenten ist schwer einsichtig, warum sie für die Infrastruktur aufkommen sollen. Die muss der Staat bezahlen, finden sie. Aber sobald die Hochschulen anfangen, mit dem Geld zusätzliches Lehrpersonal einzustellen, wird der Nutzen für die Studenten greifbarer, dann nimmt auch ihre Zustimmung zu."

Dass viele Hochschulen keine offensive Informationspolitik betreiben, was die Verwendung der Gebühren angeht, erklärt sich angesichts immer noch verbreiteter Praktiken von selbst: So ist die Verschiebung der Studentengelder etwa von den Geistes- oder Wirtschaftswissenschaften hin zu den technisch aufwendigeren Naturwissenschaften offenbar vielerorts gang und gäbe - übrigens auch in Hohenheim. Anders formuliert: Viele Studenten bekommen nicht das heraus, was sie einzahlen, und das ärgert sie. Auch wenn es für solche Quersubventionen im Einzelfall gewichtige Gründe geben mag: Eine größere Quelle für Unzufriedenheit ist kaum vorstellbar.
Hier kollidieren zwei Ansprüche miteinander, wie der Dortmunder Wirtschaftswissenschaftler Andreas Hoffjan erklärt: "Will man das Geld strategisch ausgeben und eine größtmögliche Effizienz erreichen, geht das am besten durch die Hochschulleitung. Doch dann leiden Transparenz und Partizipationsrechte der Studenten in den Fachbereichen." Ein kaum aufzulösender Widerspruch. Hoffjan hat kürzlich im Auftrag der arbeitgebernahen Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft ein Gutachten zum Gebühreneinsatz vorgestellt. Das Fazit: Je kleiner die Hochschule ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass mit dem Geld der Studenten vernünftig umgegangen wird.

Der Controlling-Professor hat elf Kriterien für den erfolgreichen Gebühreneinsatz definiert, von der "unbürokratischen Umsetzung" über die landesrechtlichen Bedingungen bis hin zur Qualität der Kommunikation. Hier hat die Universität Mannheim, mit 11.000 Studenten ebenfalls eine der Kleinen, besonders gut abgeschnitten. "Wie die Mannheimer im Internet über jede Einzelmaßnahme berichten, heruntergebrochen bis auf den einzelnen Mitarbeiter und die einzelne Vorlesung, das ist bemerkenswert und vorbildlich", sagt Hoffjan.

Tun sich kleine Hochschulen tatsächlich leichter als Massenuniversitäten mit 40 000 Studenten, ihren Studenten das Gefühl der Machtlosigkeit zu nehmen, wenn es um die nächste Gebührenrechnung geht? Voeths Gebührenkompass bringt hier keinen Aufschluss: Zwar heißen die relativen Sieger Bayreuth, Clausthal-Zellerfeld und Bamberg, doch die große RWTH Aachen erreicht bereits die gleiche Zufriedenheit wie Bamberg. Und ganz hinten in der Rangliste liegen wiederum ganz große wie auch kleinere Hochschulen: die Universitäten Wuppertal und Duisburg-Essen sowie die LMU München.

Ein anderer Zusammenhang hingegen ist unstrittig, wie Markus Voeth betont: "Informiertere Studenten sind zufriedenere Studenten. Und aus einer höheren Zufriedenheit mit der Verwendung ergibt sich wiederum eine deutlich größere Akzeptanz der Gebühren insgesamt." Genau hier, und nur hier, wird sich erweisen, ob die Campus-Maut in Deutschland noch Überlebenschancen hat oder den Tod der Halbherzigkeit stirbt.

Ein Ergebnis der Gebührenkompass-Studie überrascht indes: Vier Fünftel der befragten Studenten wollen die Rechnung lieber gleich bezahlen, als sie sich zinsfrei bis nach Studienende stunden zu lassen. Genau diese Regelung sieht das neue Hamburger Gebührenmodell vor, das der schwarz-grüne Senat vergangene Woche beschlossen hat und das Experten für die in Deutschland mit Abstand sozialverträglichste Regelung halten (siehe Grafik rechts).

Doch Markus Voeth wäre kein guter Wirtschaftswissenschaftler, wenn er nicht auch hier eine einleuchtende ökonomische Erklärung parat hätte: "Während des Studiums können die meisten Studenten ihre Eltern zur Kasse bitten. Nach dem Abschluss ist das anders. Dann sagen die Eltern, du verdienst doch jetzt dein eigenes Geld, dann kannst du bitte auch selbst zahlen."



Modell Hamburg
Zuletzt gab es Befürchtungen, Deutschlands erste schwarz-grüne Landesregierung könnte hinter ihren großzügigen Versprechungen nach der Wahl zurückbleiben. Umso erstaunlicher, dass der Hamburger Senat bei der Neuregelung der Studiengebühren jetzt sogar noch einen Schritt weitergegangen ist.

Vom Wintersemester an müssen die Studenten der Hansestadt nur noch 375 Euro pro Studienhalbjahr zahlen. Dabei können sie wählen zwischen einer studienbegleitenden Sofortzahlung und einer zinsfreien Stundung der Gebührenforderung. Hier haben die Koalitionäre gegenüber den ersten Entwürfen draufgelegt: Der Senat übernimmt die anfallenden Zinsen auch nach Studienende - solange, bis die Absolventen ein Jahreseinkommen von mindestens 30 000 Euro erzielen. Erst dann wird die Gebührenrechnung fällig. Und muss gegebenenfalls verzinst werden.

Wer nach zehn Jahren die Einkommensschwelle immer noch nicht erreicht hat, dem werden die Gebühren erlassen. In allen anderen Gebührenländern laufen vom ersten Semester an Zinsen an: Derzeit liegen die Sätze zwischen 5,5 und 6,5 Prozent. Die Mitwirkung der Studenten bei der Verwendung der Campus-Maut bleibt erhalten, auch wenn sie faktisch mit der Gebührenzahlung erst nach dem Studium zu tun bekommen.

Aus DIE ZEIT :: 26.06.2008

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