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Schnittstelle "Bachelor-Master": Sackgasse statt Übergang?

Von Viola Herrmann

Die Bologna-Reform hat zu einer neuen Schnittstelle an den Hochschulen geführt: den Übergang von den Bachelor- in die Masterstudiengänge. Garantiert sie aber allen Studierenden einen Übergang in die nächste Stufe, oder wird hier selektiert? Kann nur ein Teil der Bachelorabsolventen ein konsekutives Masterstudium aufnehmen? Eine Analyse.

Schnittstelle "Bachelor-Master": Sackgasse statt Übergang?© angi71 - iStockphoto.com
Sowohl die Kultusministerkonferenz (KMK) als auch die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) haben sich explizit gegen eine politisch verordnete Quote für die Relation zwischen Bachelorabsolventen und Masterstudienanfängern ausgesprochen. Dennoch implizieren die KMK-Strukturvorgaben von 2003, dass nur ein Teil der Bachelorabsolventen ein Masterstudium aufnehmen soll: 1. Der Bachelorabschluss soll als erster berufsqualifizierender Abschluss den Regelabschluss darstellen, der für die Mehrzahl der Studierenden zu einer ersten Berufseinmündung führt. 2. Die Länder können für den Zugang zum Masterstudium besondere Zulassungsvoraussetzungen festlegen. Der Bachelorabschluss berechtigt also nur rein formal zum Masterstudium.

Versteckte Übergangsquote

Bei einem Blick auf die einzelnen Bundesländer zeigt sich, dass kein Landesministerium für den Übergang zwischen den Bachelor- und Masterstudiengängen offizielle Quoten vorschreibt (und schreiben darf). Die Länder können ihren Hochschulen aber Vorgaben machen bzw. Empfehlungen aussprechen: Die bisherigen Kapazitäten der Diplom- und Magisterstudiengänge müssen unter den neuen Bachelor- und Masterstudiengänge aufgeteilt werden. Zudem soll der Bachelor als Regelabschluss etabliert werden, die Studienanfängerquoten beibehalten sowie die Betreuungsrelationen im Bachelorstudium verbessert werden.

Bleiben dann für die Masterstudiengänge überhaupt noch genügend Kapazitäten übrig? Im Endeffekt führen diese Empfehlungen und Vorgaben in nahezu allen Bundesländern zu einer Art 'versteckter' Übergangsquote. Diese Quoten auf Landesebene unterscheiden sich in ihrer Verbindlichkeit: Es gibt Länder, die keine konkreten Zahlen nennen, aber durch die o.g. allgemeinen Vorgaben und Empfehlungen zur Kapazitätsverteilung automatisch den Übergang ins Masterstudium quotieren (z.B. Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz). Andere Länder nennen konkrete Zahlen: In Berlin wurde eine rechnerische Quote von (durchschnittlich) 70 Prozent zwischen Hochschulen und Land vereinbart (verbindliche Quote), in Niedersachsen ist die Quote von 50 Prozent lediglich eine Planungsgröße (unverbindliche Quote).

Besonders deutlich wird die Beschränkung des Zugangs zum Masterstudium bei einem Blick auf die Regelungen auf Hochschulebene. Die fünf untersuchten Hochschulen gehen an der Schnittstelle 'Bachelor-Master' unterschiedlich vor: An drei der untersuchten Universitäten gibt es verbindliche Übergangsquoten, die alle über 50 Prozent liegen (FU Berlin, Uni Hamburg, Uni Hohenheim). Diese werden mit dem Land vereinbart (FU Berlin, Uni Hamburg) oder unabhängig vom Land im Struktur- und Entwicklungsplan der Hochschule (Uni Hohenheim) festgeschrieben. Die Universitäten Potsdam und Saarland haben - wie auch auf der jeweiligen Landesebene - keine verbindlichen Vorgaben.

Zum Zeitpunkt der Untersuchung (Frühjahr 2008) gab es an den untersuchten Universitäten kaum Probleme mit eingeschränkten Übergangsquoten an der Schnittstelle 'Bachelor-Master'. Das liegt daran, dass es zum Untersuchungszeitpunkt noch gar nicht genügend Bachelorabsolventen für die bereitgestellten Masterstudienplätze gab. Die Probleme deuten sich aber jetzt schon an: Ein Blick auf die von den Hochschulen festgelegte Anzahl von ca. 25 Masterstudienplätzen bzw. auf die Zulassungsbeschränkungen zeigt, dass bei einer zunehmenden Zahl von Bachelorabsolventen zukünftig nicht alle ein Masterstudium aufnehmen werden können. In diesem Fall würden sich also rechnerische Übergangsquoten ergeben, die deutlich niedriger als die o.g. verbindlichen Quoten sind.
Die Übergangsquoten sind also vor allem von den vorhandenen finanziellen und personellen Kapazitäten abhängig. Was aber bedeutet das, wenn tatsächlich ein Großteil der Kapazitäten für die Bachelorstudiengänge ausgegeben wird? Die Einführung des Bachelors als Regelabschluss und die damit verbundene Verkürzung der Regelstudienzeit auf sechs Semester führt dazu, dass jetzt auch ein steigender Anteil der Personen eines Altersjahrgangs ein Studium aufnehmen kann, die früher keine Chance auf ein Studium hatten, die heute aber eine fundierte akademische Ausbildung brauchen, um einen guten Arbeitsplatz zu finden. Dies setzt natürlich die Akzeptanz von Bachelorabsolventen auf dem Arbeitsmarkt voraus. Eingeschränkte Übergangsquoten haben aber vor allem negative Folgen und Auswirkungen. Ob und inwieweit diese tatsächlich eintreten werden, bleibt derzeit noch abzuwarten.

Folgen für Hochschule und Wissenschaft

Aufgrund der Kapazitätsprobleme werden die Hochschulen nicht für alle Bachelorabsolventen auch Masterstudienplätze anbieten können. Die Aufgabe, weiterhin sowohl genügend Kapazitäten für die Bachelorstudiengänge als auch ein ausreichendes Angebot an Masterstudienplätzen bereitzustellen, könnte in den nächsten Jahren eine große Herausforderung für die Hochschulen darstellen.

Sehr problematisch wären niedrige Übergangsquoten zudem, weil dadurch auch der Anteil potentieller Promovenden deutlich geringer werden würde. Verstärkt würde dieses Problem durch Bachelorabsolventen, die ihren Master im Ausland machen und anschließend für eine Promotion nicht nach Deutschland zurückkehren. Die deutschen Universitäten verlören zunehmend ihren wissenschaftlichen Nachwuchs und müssten ihre Forschungstätigkeit und Drittmitteleinwerbung reduzieren. Zudem müssten sich die Studierenden mit Studienbedingungen mit immer weniger Forschungsanschluss abfinden.

Auswirkungen auf die Studierenden

Die gesellschaftlichen, demografischen und wirtschaftlichen Veränderungen führen zu einem steigenden Bedarf an hochqualifizierten Beschäftigten. Der sinkende Anteil von Masterabsolventen sowohl an den Studienanfängerzahlen als auch an den Stärken der einzelnen Altersjahrgänge könnte nun dazu führen, dass das Qualifikationsnivau insgesamt - gemessen am Abschlussgrad der Absolventen - geringer wird. Zudem bleibt zu diskutieren, ob nicht erst im Masterstudium intensives und verwertbares Wissen für den Arbeitsmarkt vermittelt werden kann. Die Beschränkung des Zugangs zum Masterstudium könnte das Fachkräfteproblem der Unternehmen daher verstärken - insbesondere dann, wenn sie keine Bachelorabsolventen einstellen.

Problematisch ist außerdem, dass in einem Bachelorstudium von nur drei Jahren häufig die Zeit fehlt für ein selbstorganisiertes Studium, ein Auslandssemester oder um andere Fachbereiche kennen zu lernen. Geht man davon aus, dass erst die Masterphase ein interdisziplinäres und selbstorganisiertes Studium bietet, würde dieses bei eingeschränkten Übergangsquoten nicht allen Studierenden ermöglicht werden.

Seit der Studienstrukturreform bietet sich nach dem Bachelorabschluss ein Masterstudium im Ausland an. Eingeschränkte Übergangsquoten in die deutschen Masterstudiengänge könnten ein solches Verhalten fördern. Es bleibt aber offen, wie viele Studierende nach einem zweijährigen Masterstudium im Ausland zurück nach Deutschland kommen werden. Die Entscheidung, ein Masterstudium im Ausland zu absolvieren, wird in Zukunft auch abhängig davon sein, welche Möglichkeiten der deutsche Arbeitsmarkt den Bachelorabsolventen bietet.

Soziale Auswirkungen

Übergangsquoten bzw. eingeschränkte Übergangsmöglichkeiten könnten die soziale Selektion beim Hochschulzugang verstärken. Da der Bachelor der Regelabschluss sein soll, können in vielen studiengebührenfreien Bundesländern Studiengebühren für ein Masterstudium verlangt werden, das als weiterbildend oder als Zweitstudium zählt. Wenn also weiterhin deutlich mehr als die Hälfte der Bachelorabsolventen einen Masterabschluss anstrebt (laut Studierenden- Online Panel HISBUS sind das immerhin 4/5 aller Bachelorstudierenden), muss bei eingeschränkten Übergangsmöglichkeiten - insbesondere in die konsekutiven Masterstudiengänge - ein Teil von ihnen gebührenpflichtige Masterstudiengänge an staatlichen oder privaten Hochschulen wählen. Zudem besteht bei weiterbildenden Masterstudiengängen keine Förderung nach dem BaföG.

Geht man davon aus, dass sich ein geringerer Zeitaufwand für das Studium negativ auf die Noten auswirken kann, könnten Schranken beim Übergang vom Bachelor- zum Masterstudium - wie besondere Zulassungsvoraussetzungen, z.B. die Abschlussnote im Bachelorstudium - einen Teil der Studierenden benachteiligen: Studierende, die weniger Zeit für ihr Studium aufwenden können, weil sie durch Erwerbstätigkeit ihren Lebensunterhalt sichern müssen, sich politisch oder sozial engagieren oder wegen Krankheit oder besonderer familiärer Belastung weniger Zeit in ihr Studium investieren können.

Keine Garantie

Den Forderungen, dass jeder seiner persönlichen Eignung und Neigung entsprechend selbst entscheiden soll, wie lange er studieren möchte, steht die Tatsache entgegen, dass der Bachelorabschluss keine Garantie für die Aufnahme eines Masterstudiums darstellt. Unter den derzeitigen Voraussetzungen schließen verbindliche und unverbindliche Übergangsquoten einen Teil der Studierenden vom Masterstudium aus. Und das wird sich aus Kapazitätsgründen auch in nächster Zeit nicht ändern. Zudem würde eine Übergangsquote von 100 Prozent einige Ziele der Studienstrukturreform - wie beispielsweise kürzere Studiengänge und mehr Absolventen in kürzerer Zeit - nicht erfüllen.

Die Etablierung des Bachelors als Regelabschluss steht jedoch in Kontrast zu den Aussagen von Studierenden, dass ihr wichtigster Grund für die Wahl eines Bachelorstudiums die anschließende Aufnahme eines Masterstudiums sei. Da der Bachelorabschluss also nur von wenigen als das Ende ihres Studiums, sondern als eine Vorstufe zum Master gesehen wird, sehen viele Studierende ihre Zukunftschancen durch Zulassungsbeschränkungen und Übergangsquoten gefährdet. Wie viele Bachelorabsolventen zukünftig weiterstudieren können, wird abhängig davon sein, wie viele Studienplätze den Hochschulen für die Masterphase zur Verfügung stehen, welche Zulassungskriterien sie anlegen und wie groß die Nachfrage nach Bachelorabsolventen auf dem Arbeitsmarkt sein wird.

Es ist anzunehmen, dass sich durch ein ausreichendes und akzeptables Angebot an Stellen für Bachelorabsolventen auch die Nachfrage nach Masterstudiengängen verringern wird. Die reale Übergangsquote würde dann automatisch niedriger als 100 Prozent sein. Wer aber nach einem Bachelorabschluss die Hochschule noch nicht verlassen und ein Masterstudium aufnehmen möchte, sollte dies auch tun können. Der Bachelorabschluss sollte also keine 'akademische Sackgasse' für einen Teil der Absolventen sein, sondern die Möglichkeit für alle Studierenden zum Übergang in ein Masterstudium bieten. Die dem Text zugrundeliegende Untersuchung wurde im Rahmen der Masterarbeit der Verfasserin durchgeführt. Eine ausführliche Version des Aufsatzes mit Literaturhinweisen ist in der Ausgabe 5/2008 der Zeitschrift "Das Hochschulwesen" unter dem Titel "Der Übergang von den Bachelor- in die Masterstudiengänge. Regelungen und mögliche Auswirkungen von Übergangsquoten" erschienen.

Aus Forschung und Lehre :: Januar 2009

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