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Sprunghaft gewachsen: Privathochschulen in Deutschland

Von Dietmar Goll

Die Zahl der Privathochschulen in Deutschland hat in den vergangenen Jahren deutlich zugenommen. Inzwischen gehören sie zum festen Bestandteil der deutschen Hochschullandschaft. Was sind private Hochschulen und welche Fächer werden vorrangig abgedeckt? Unter welchen Voraussetzungen erhält eine private Hochschule das Promotionsrecht? Ein Überblick.

Sprunghaft gewachsen: Privathochschulen in Deutschland© TommL - iStockphoto.com
Private Hochschulen haben in Deutschland keine lange Tradition. Die modernen Universitäten, die hierzulande im 19. Jahrhundert entstanden, waren - im Unterschied etwa zu den USA - ausschließlich in staatlicher Hand. Dies gilt im Wesentlichen ebenso für die Kunst- und Musikhochschulen wie für die Ingenieur- und Höheren Fachschulen, welche sich seit Ende der sechziger Jahre des 20. Jahrhunderts zu Fachhochschulen entwickelten. Diesen Befund gleichsam verabsolutierend, stellte der Tübinger Rechtswissenschaftler Thomas Oppermann im Jahr 1969 im Hinblick auf die "Ausgestaltung des deutschen Hochschulwesens" fest, "dass von einer unwiderruflichen Entscheidung für seine Staatlichkeit ausgegangen werden kann" - nicht zuletzt deshalb, weil "jedenfalls die Gründung wissenschaftlicher Hochschulen im engeren Sinne, die sich nicht gänzlich der engen Spezialisierung auf einzelne Disziplinen verschreiben, unter modernen Verhältnissen einen materiellen Aufwand erfordert, für dessen finanzielle Bewältigung außer dem Staat schlechthin kein anderer Träger mehr sichtbar ist." Dass diese Diagnose weiterhin eine gewisse Berechtigung hat, wird noch zu illustrieren sein. Gleichwohl haben sich die Verhältnisse - wenn man ausschließlich die Zahl der Hochschulen betrachtet - stark geändert: Immerhin gut ein Drittel der Hochschulen in Deutschland, nämlich rund 130 von insgesamt etwa 390, ist "privat" im weiteren Sinne, genauer gesagt, befindet sich nicht in staatlicher Trägerschaft.

Unter den Begriff "nichtstaatliche Hochschulen" fallen auch die rund 40 Hochschulen in Trägerschaft der Evangelischen und der Katholischen Kirche, die traditionell - als Fachhochschulen in den Bereichen Soziales, Gesundheit und Religionspädagogik oder als Theologische Hochschulen - für den kirchlichen und sozialen Dienst ausbilden und im übrigen ähnliche Strukturen wie die staatlichen Hochschulen - bis hin zur (Kirchen-) Verbeamtung von Professoren - aufweisen und teilweise sogar vom Staat finanziert werden.

Voraussetzungen

Die "Staatlichkeit" des Hochschulwesens zeigt sich nach wie vor darin, dass es in Deutschland keine "freien Hochschulen" ohne jegliche staatliche Kontrolle gibt. Als Voraussetzung dafür, dass private Einrichtungen als Hochschulen auftreten sowie akademische Grade vergeben dürfen, müssen sie staatlich anerkannt sein - wobei diese staatliche Anerkennung, auch wenn sie unbefristet ausgesprochen worden ist, bei Vorliegen entsprechender Gründe wieder entzogen werden kann. Wie staatliche Hochschulen auch, müssen sich private Hochschulen zudem einer Programmakkreditierung ihrer Studienangebote unterziehen und sich - im Unterschied zu jenen - einer institutionellen Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat stellen, in der die Frage kritisch zu prüfen und zu entscheiden ist, ob eine nichtstaatliche Hochschuleinrichtung in der Lage ist, Leistungen in Lehre und Forschung zu erbringen, die anerkannten wissenschaftlichen Maßstäben entsprechen.

Was sind private Hochschulen?

Zu den privaten Hochschulen im engeren Sinne zählen vor allem jene von Privatpersonen, Unternehmern, Stiftungen, Firmen, Verbänden, Vereinen, freien kirchlichen Vereinigungen und vereinzelt sogar von Handelskammern oder Kommunen teils gemeinnützig, teils privatwirtschaftlich betriebenen Einrichtungen. Deren Zahl ist in den letzten Jahren sprunghaft gewachsen, wobei die Zahl ihrer Studierenden nur moderat gestiegen ist. An den nichtstaatlichen Hochschulen sind nicht mehr als fünf Prozent aller Studierenden in Deutschland eingeschrieben. Die mit den Gründungen verbundenen Intentionen variieren deutlich, sei es, dass sie einen nachhaltigen Beitrag zur Weiterentwicklung des Hochschulsystems in Deutschland oder zur Reform einer spezifischen Disziplin leisten oder aber den Interessen bestimmter Wirtschaftszweige ("Förderung des Mittelstandes") dienen wollen.

Die Mehrzahl der privaten Hochschulen wählte bisher den Status einer Fachhochschule. Denn dieser Hochschultyp hat traditionell einen deutlichen Schwerpunkt in der Lehre, das Studium ist anwendungsnah, praxisorientiert und erfordert oft eine enge Kooperation mit Wirtschaftsunternehmen. Ein eindeutiger Schwerpunkt liegt in Betriebswirtschaftslehre und Management, häufig in Verbindung mit Informations- und Kommunikationswissenschaften. Ähnlich wie im staatlichen Bereich ist eine vielfältige Aufspaltung der traditionellen Betriebswirtschaftslehre in Sparten wie Hotel-, Sport-, Tourismus-, Event- oder Kongress- bis hin zu "Aviation"-Management zu beobachten.

Gemessen an der international üblichen, fachlichen Breite von Hochschulsystemen fehlen damit nennenswerte Bereiche der Wissenschaften im privaten Hochschulsektor - abgesehen von jeweils einzelnen, durchaus gewichtigen Ausnahmen: So bilden die privaten Hochschulen derzeit weder die Naturwissenschaften - insbesondere Physik, Chemie, aber auch Materialwissenschaften sowie die Lebenswissenschaften unter Einschluss der Medizin - wettbewerbsfähig ab noch den größten Teil der Geisteswissenschaften. Weite Bereiche der grundlagenorientierten Sozial-, Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sind ebenso wenig zu finden wie die Lehrerbildung. Dies ist darauf zurückzuführen, dass nahezu alle nichtstaatlichen Hochschulen auf Studiengebühren als wesentliche Einnahmequelle angewiesen sind. Unter dieser Voraussetzung können sie allein mit den damit erzielbaren Einnahmen weder laborintensive Forschung betreiben noch befriedigende Ergebnisse im internationalen Forschungs-Wettbewerb erzielen. Dies bestätigt die eingangs zitierte These Oppermanns, dass dem Staat bei der "finanziellen Bewältigung" der Kosten im Hochschulsektor eine zentrale Rolle zukommt.

Private "Universitäten" und Promotionsrecht

Die Frage, wie viele "private Universitäten" in Deutschland existieren, ist differenziert zu beantworten. Bei näherer Betrachtung erweist sich der Begriff der Universität im strengen Sinne für die in Frage kommenden Einrichtungen in den meisten Fällen sowohl von ihrem Selbstverständnis her als auch bezogen auf die diesem Begriff innewohnenden Annahmen als nicht passgenau. In der hochschulpolitischen Praxis hat sich seit längerem die Bezeichnung "Universität oder gleichgestellte Hochschule" eingebürgert. Damit wird dem Umstand Rechnung getragen, dass verschiedene Hochschulen über das Promotionsrecht verfügen, ohne deswegen eine Universität zu sein. Die meisten privaten Einrichtungen mit Promotionsrecht fallen in diese Kategorie, die gleichwohl keineswegs auf den privaten Sektor beschränkt ist, man denke an die staatlichen Medizinischen oder Tierärztlichen Hochschulen.
Insgesamt existieren in Deutschland derzeit 25 im weitesten Sinn nichtstaatliche Hochschulen, die über das Promotionsrecht verfügen. Bei dreien handelt es sich um Hochschulen mit Bundesbeteiligung, nämlich um die beiden Bundeswehruniversitäten in Hamburg und München sowie um die Deutsche Hochschule der Polizei in Münster. Es mutet zwar eigenartig an, ausgerechnet diese Einrichtungen mit dem Begriff "nichtstaatlich" zu belegen. Doch spricht durchaus einiges dafür, sämtliche nicht in den Landeshochschulgesetzen aufgeführten Hochschulen zunächst unter dieser Kategorie zu subsumieren. Weitere zwölf Hochschulen mit Promotionsrecht befinden sich in kirchlicher Trägerschaft.

Zumeist handelt es sich um sehr kleine Einrichtungen, die lediglich den "Dr. theol." vergeben. Beispielhaft sei die Theologische Fakultät Fulda erwähnt, an der aktuell 44 Studierende eingeschrieben sind. Promotionen außerhalb der Theologie können an vier Einrichtungen abgelegt werden: die Hochschule für Philosophie in München verleiht den Dr. phil.; die Philosophisch- Theologische Hochschule Vallendar der Gesellschaft des Katholischen Apostolates (Pallottiner) bietet seit 2008 einen Doktor der Pflegewissenschaften (Dr. rer. cur.) an; die Kirchliche Hochschule Wuppertal/Bethel hat vor kurzem einen Promotionsstudiengang Diakoniewissenschaft aufgelegt, der mit einem "Dr. diac." abgeschlossen wird. In Forschung und Lehre deutlich breiter aufgestellt ist die Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt. Damit verbleiben zehn im landläufigen Sinn "private" Hochschulen mit Promotionsrecht.

Einen wenig bekannten Sonderfall stellt die "Ukrainische Freie Universität" in München dar, die als Exileinrichtung 1921 gegründet und 1950 als Universität anerkannt wurde. Betrachtet man die verbleibenden neun Einrichtungen näher, die zwischen 1982 und 2004 entstanden sind bzw. das Promotionsrecht erhalten haben, so fällt auf, dass der Idee einer "Volluniversität", in der die Wissenschaften in ihrer ganzen Breite vertreten sind, näherungsweise nur die Jacobs University Bremen entspricht. Schon eine der überregional bekanntesten Einrichtungen, die Universität Witten-Herdecke, beschränkt ihr Studienangebot auf (Zahn)Medizin, Wirtschaftswissenschaften und Philosophie. Allerdings gibt es eine Reihe von anerkannten Hochschulen in Deutschland, die - häufig in der Größe einer Fakultät einer staatlichen Hochschule - sich hinsichtlich der wissenschaftlichen Qualifikation des Lehrkörpers, ihrer Studienangebote und ihres Forschungsanspruchs mit Universitäten gleichauf, in Einzelfällen sogar überlegen sehen. Sie beanspruchen nicht die deutsche Bezeichnung Universität für sich, sondern versuchen, ihre Spezifika häufig durch englischsprachige Begriffe wie Law School, Business oder Professional School herauszuarbeiten.

Forschungsleistung

Von den zehn Einrichtungen haben die Jacobs University und die Bucerius Law School bereits eine institutionelle Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat durchlaufen, in deren Ergebnis beiden Hochschulen gute Forschungsleistungen attestiert und die Verleihung des Promotionsrechts bestätigt wurde. Inwieweit sich belastbare Aussagen über die Forschungsleistung privater Hochschulen im Allgemeinen treffen lassen, auch im Vergleich zu ihren staatlichen Pendants, hängt davon ab, welchen Indikatoren man zu folgen bereit ist. Ein Forschungsrating für das Fach Betriebswirtschaft als einem der zentralen Fachgebiete wurde vom Wissenschaftsrat bisher nicht durchgeführt. Auf dem Markt verfügbare Rankings - ohne an dieser Stelle eine Diskussion über deren Qualität zu führen - bieten Indizien dafür, dass private Hochschulen ebenbürtige Leistungen erbringen können: Unter den 16 BWLFachbereichen, die im CHE-Forschungsranking 2008 als die forschungsstärksten gelten, befinden sich immerhin drei "Private".
Zu einem ähnlichen Resultat gelangte das "Handelsblatt", das 2009 eine Liste der 18 besten in Deutschland gelegenen BWL-Fachbereiche veröffentlichte und darin ebenfalls drei private Hochschulen nannte - mit der "European School of Management and Technology" (ESMT) befand sich sogar eine Einrichtung darunter, die bisher über kein Promotionsrecht verfügt. Das aktuelle Förderranking der Deutschen Forschungsgemeinschaft schließlich weist vier nichtstaatliche Hochschulen aus, die in den letzten Jahren DFG-Mittel oberhalb der Bagatellgrenze von 500 000 Euro erhalten haben, davon zwei kirchliche Hochschulen sowie zwei private im engeren Sinn. Eine generelle Aussage über die Leistungsfähigkeit privater Hochschulen lässt sich daraus nicht ableiten: Deren Spannbreite ist groß, und wie die Erfahrungen aus der institutionellen Akkreditierung zeigen, gilt es, jede Einrichtung als Einzelfall zu betrachten.

Voraussetzungen für das Promotionsrecht

Abschließend sei die Frage beantwortet, wie eine private Hochschule das Promotionsrecht erhält. Diese Entscheidung obliegt dem jeweiligen Sitzland der Einrichtung. Nachdem die Länder lange Zeit - mangels länderübergreifender Regelungen - jeweils nach eigenem Ermessen vorgegangen waren, verständigte sich die Kultusministerkonferenz im Jahr 2005 darauf, die Vergabe des Promotionsrechts an eine institutionelle Akkreditierung durch den Wissenschaftsrat zu knüpfen. Nachdem dieser mehrere entsprechende Verfahren durchgeführt hatte, verabschiedete er Anfang 2009 "Empfehlungen zur Vergabe des Promotionsrechts an nichtstaatliche Hochschulen". Darin wird als wichtigstes Kriterium festgehalten, dass die Hochschule einen hinreichenden Beitrag zur Weiterentwicklung des Wissens durch Forschung leisten muss.

Dies setzt strukturelle und organisatorische Rahmenbedingungen voraus, welche adäquate Forschungsleistungen überhaupt erst ermöglichen. In der Regel werden zudem mehrere Fächer sowie auch grundständige Studienangebote erwartet. Der Wissenschaftsrat hat dabei ausdrücklich begrüßt, dass sich in jüngerer Zeit verstärkt private Träger der anspruchsvollen Aufgabe gestellt haben, forschungsorientierte Hochschulen zu gründen und zu finanzieren. Für diese Einrichtungen muss es nach Auffassung des Wissenschaftsrates einen klaren Weg zum eigenständigen Promotionsrecht geben. Hierbei ist es im Interesse des gesamten Wissenschaftssystems unerlässlich, strenge Qualitätsmaßstäbe an die Vergabe des Promotionsrechts anzulegen, welche nur auf dem Wege einer Einzelfallbetrachtung im Rahmen der institutionellen Akkreditierung überprüft werden können.


Über den Autor
Dr. Dietmar Goll ist Leiter des Referats Hochschulinvestitionen und institutionelle Akkreditierung beim Wissenschaftsrat.


Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2009

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