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Spürbare Aufbruchstimmung

Von Patrick Simon

Die Harvard Business School ist eine der besten Ausbildungsstätten für den Management-Nachwuchs weltweit. Was macht das Besondere dieser Universität aus? Welche Folgen hat die Finanzkrise für die Finanzierung von Forschung und Lehre, welche für das Curriculum? Antworten eines Studierenden aus Deutschland.

Spürbare Aufbruchstimmung© Forschung & LehrePatrick Simon
Forschung & Lehre: Ist das Studium an der Harvard Business School das Ziel aller Träume?

Patrick Simon: Eher der Beginn vieler Träume. Natürlich ist man froh, den relativ intensiven Bewerbungsprozess erfolgreich durchlaufen zu haben. Gleichzeitig merkt man aber erst nach ein paar Wochen des Studiums, welche Möglichkeiten Harvard bietet. Besonders faszinierend sind die zahlreichen Besuche von Personen, die in den Fallstudien vorkommen.

F&L: Können Sie die Arbeit mit Fallstudien kurz erläutern?

Patrick Simon: Fallstudien sind das zentrale Element der Lehre an der Harvard Business School. In allen Fächern, auch in Finanzierung oder Rechungswesen, werden Studieninhalte hauptsächlich über Fallstudien gelehrt. Meistens handeln diese von realen Personen, die ein komplexes Problem zu lösen haben und uns am Ende der Fallstudiendiskussion nicht selten im Unterricht selbst davon berichten, wie sie das Problem gelöst haben. Ich hätte dies vorher nicht gedacht, aber Lernen anhand von Fallstudien ist sehr lehrreich, einprägsam und spannend.

F&L: Wen haben Sie so z.B. erlebt?

Patrick Simon: Beispielsweise war der CEO von Walt Disney, Bob Iger, vor einigen Wochen in unserer Klasse zu Besuch und hat uns aus erster Hand und teilweise recht persönlich von seiner Arbeit berichtet. Das ist ausserordentlich bereichernd und lässt einen auch schon mal träumen.

F&L: Harvard hat in diesem Geschäftsjahr rund 30 Prozent seines Vermögens (ca. elf Milliarden Dollar) verloren. Spüren Sie eine Verunsicherung an der Harvard Business School?

Patrick Simon: Dies kann ich natürlich nur aus meiner Perspektive als Student beurteilen. Auch unter den Studenten wird diese Entwicklung diskutiert, in der Regel aber mit Gelassenheit gesehen. Die Harvard Business School ist relativ unabhängig vom Vermögen der Harvard University und ist daher weniger betroffen als andere Graduate Schools. Darüber hinaus habe ich aber den Eindruck, dass Budgets wie in den Jahren zuvor sorgfältig kontrolliert werden. Von Einschnitten habe ich bisher noch nichts gemerkt.

F&L: Wie reagieren Ihre Hochschullehrer und Ihre Kommilitonen auf die Finanzkrise? Hat dies Folgen für den Lehrplan oder macht man "Business as usual"?
Patrick Simon: Die Finanzkrise wird in der Tat intensiv diskutiert. In fast allen Kursen wurden bereits Fallstudien zum Thema eingestreut. In Panels diskutieren Experten regelmäßig mit Studenten über Gründe und Lösungen der Krise. Außerdem ist immer wieder zu hören, dass es in diversen MBA Programmen, darunter auch der Harvard Business School, dauerhafte Anpassungen des Curriculums geben soll, um stärker auf Themen wie Risikomanagement und ethische Fragestellungen einzugehen. Für die Absolventen ist die Situation auf dem Arbeitsmarkt aber nach wie vor gut. Soweit ich das beurteilen kann, haben meine Kommilitonen nach etwas intensiverer Suche alle ein Praktikum oder eine Festanstellung finden können.

F&L: Die Präsidentin von Harvard, Drew Faust, hat kürzlich in einem Spiegel- Interview von einer Aufbruchstimmung unter Studierenden gesprochen, die Welt zu verbessern. Können Sie das nachvollziehen?

Patrick Simon: Eine Aufbruchstimmung ist auf jeden Fall spürbar. Manchmal hat es fast den Anschein, dass "Social Enterprises" andere Unternehmen wie etwa Investment-Banken und Beratungsgesellschaften als beliebteste Arbeitgeber verdrängt haben. Viele Studenten haben selbst Non-Profit Organisationen gegründet oder machen in diesem Bereich ihr Sommerpraktikum.

F&L: Was genau macht den weltweit einzigartigen Erfolg von Harvard aus?

Patrick Simon: Harvard ist es gelungen, über einen sehr langen Zeitraum immer wieder nach Spitzenleistungen zu streben. Dieser Anspruch gilt nicht nur für die Forschung, sondern insbesondere auch für die Lehre. Auf allen Ebenen des universitären Betriebs, auch in der Verwaltung, spürt man einen ständigen Willen zur Verbesserung. Das hat sicherlich zur einzigartigen Entwicklung von Harvard beigetragen.

F&L: Wie häufig können Sie die Hochschullehrer, unter denen auch Nobelpreisträger sind, sprechen?

Patrick Simon: Der Zugang zu Professoren ist im Allgemeinen sehr gut. Auch außerhalb der Sprechstunden erhält man auf Anfrage kurzfristig einen Gesprächstermin. Kürzlich bat ich Michael Porter per E-Mail um eine persönliche Widmung für eines seiner Bücher, das ich als Geburtstagsgeschenk für einen Freund gekauft hatte. Porter antwortete binnen zehn Minuten, zwei Tage später hatte er die Widmung geschrieben. Auch Robert Merton, den bekannten Nobelpreisträger, trifft man regelmäßig beim Hantelstemmen in Shad Hall, dem Fitnessstudio der Harvard Business School.
F&L: Also wie eine "Familie"?

Patrick Simon: Ja, die Atmosphäre auf dem Campus ist sehr familiär, das Verhältnis zwischen Professoren und Studenten ein ganz anderes als in Deutschland. Jan Rivkin, der den Strategiekurs im ersten Jahr leitet, beendete vor einigen Wochen die letzte Fallstudiendiskussion mit dem Versprechen, dass alle seine Studenten durch Teilnahme an seinem Kurs ein "lebenslanges Recht" erworben hätten, ihn anzurufen und bei Wunsch um Rat zu fragen. Wie mir einige Alumni bestätigt haben, hält er dieses Versprechen auch ein.

F&L: Hat Sie ein Hochschullehrer besonders beeindruckt? Warum?

Patrick Simon: Viele der Professoren beeindrucken durch Ihren Unterrichtsstil. Sie sind geschult in der Führung von Fallstudiendiskussionen und schwenken schnell auf die wirklich brennenden Themen ein. Ein Beispiel ist Robert Kaplan, ehemaliger Vice-Chairman der Investmentbank Goldman Sachs, der seit einigen Jahren Kurse zum Thema Leadership unterrichtet. Sein Unterricht war stets spannend und relevant. Er streute immer wieder Beispiele aus seiner eigenen Zeit als Manager mit in die Diskussion ein, so dass wir am Ende zu realistischen und durchführbaren Lösungen kommen konnten.

F&L: Harvard wird immer wieder als Vorbild für deutsche Universitäten genannt. Ist dies realistisch?

Patrick Simon: Ich denke, Harvard ist als Vorbild in jedem Fall wünschenswert. Nicht nur wegen der Forschungseinrichtungen, sondern auch, weil das Studium dort einfach Spaß macht. Die Studenten spüren eine enge Verbindung mit ihrer Alma Mater und bleiben nicht selten ein Leben lang in Kontakt mit Harvard. Auch zwischen Professoren und Studenten ergeben sich oft Freundschaften. Harvard pflegt die Kontakte zu seinen Alumni und hat sich somit ein starkes Netzwerk an Unterstützern aufgebaut. In Deutschland lassen die meisten Universitäten dieses Potenzial völlig ungenutzt, nur selten identifizieren sich Studenten mit ihrer Universität und unterstützen diese nach dem Studium.

F&L: Hat man in Harvard von der Exzellenzinitiative in Deutschland und dem Küren von sog. "Elite-Universitäten" gehört?

Patrick Simon: Harvard ist eine große Universität, insofern kann ich diese Frage nicht mit Sicherheit beantworten. Sollte aus der Exzellenzinitiative aber Spitzenforschung entstehen, so wird diese sicherlich wahrgenommen werden.

Aus Forschung und Lehre :: August 2009

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