Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Sturm auf die Hochschulen

Von Jan-Martin Wiarda

Seit Jahren fordern Politik und Wissenschaft mehr Studenten. Jetzt sind sie da.

Sturm auf die Hochschulen: Erstsemester© Kurhan - Fotolia.com
Nie zuvor haben so viele junge Menschen in Deutschland ein Studium angefangen wie im laufenden Wintersemester. Die Zahl der Erstsemester liegt bei rund 334.000, das sind knapp 21.000 oder gut sechs Prozent mehr als im Vorjahr. Zum ersten Mal seit fünf Jahren sind damit an deutschen Hochschulen voraussichtlich auch wieder mehr als zwei Millionen Menschen eingeschrieben, denn die Gesamtstudentenzahl dürfte gegenüber dem Vorjahr sogar um mehr als 60.000 Studierende gestiegen sein. Dies hat die ZEIT auf der Basis der Angaben der statistischen Landesämter ermittelt. Es handelt sich um vorläufige Ergebnisse - das Statistische Bundesamt wird die genauen Zahlen offiziell am kommenden Montag bekannt geben.

Der Trend ist eindeutig: In vielen Bundesländern ist das Wachstum bei den Studienanfängerzahlen zweistellig, besonders zugelegt haben etwa das Saarland (+18 Prozent), Hessen (+17 Prozent) und Hamburg (+10 Prozent). Auffällig ist, dass Länder mit Studiengebühren ebenso starke Zuwächse verzeichnen wie der Rest der Republik. Sogar einige Ost- Länder, die besonders unter dem demografischen Wandel leiden, melden steigende Erstsemester-Zahlen, Brandenburg zum Beispiel, aber auch Sachsen- Anhalt und Thüringen. Im kommenden Jahr soll eine große Imagekampagne anlaufen, die mehr West- Studenten in die neuen Länder locken soll - offenbar sind die aber schon jetzt dabei, den Osten für sich zu entdecken. Die Ausnahme ist Sachsen, wo die Zahl der Neustudenten um mindestens drei Prozent gefallen ist.

Mit den aktuellen Einschreiberzahlen dürfte die noch unveröffentlichte Prognose der Kultusministerkonferenz (KMK) fast auf den Studenten genau zutreffen. Sie sagt für 2008 ein Plus von 21 000 Studenten vorher - und liegt damit deutlich höher als vorangegangene Schätzungen. Der von Bildungsforschern seit Jahren angekündigte Run auf die Hochschulen scheint damit Realität zu werden. Der Anstieg ist eindrucksvoll, denn er gleicht die Verluste seit 2003 auf einen Schlag fast vollständig aus. Positiv entwickelt sich jetzt auch die lange stagnierende Studienanfängerquote: Sie dürfte einen deutlichen Sprung in Richtung der angestrebten 40 Prozent Studienanfänger innerhalb eines Geburtsjahrgangs machen.

Offenbar wirken auch die im Hochschulpakt 2020 vereinbarten Maßnahmen. Bis 2010 wollen Bund und Länder gemeinsam 91.000 zusätzliche Studienplätze einrichten, um die Nachfrage zu befriedigen. Zwischen 2011 und 2015 könnte es so gar noch dicker kommen, dann sollen der KMK-Prognose zufolge insgesamt 275.000 zusätzliche junge Menschen ein Studium aufnehmen. Vor wenigen Tagen erst hatte die Hochschulrektorenkonferenz (HRK) den aus der Studienanfängerflut folgenden finanziellen Mehrbedarf der Hochschulen bis 2020 auf drei Milliarden Euro zusätzlich taxiert - pro Jahr.

Zum Vergleich: Bislang haben Bund und Länder für den Aufbau der 91.000 neuen Studienplätze gerade einmal 1,13 Milliarden Euro eingeplant - insgesamt. Die Verhandlungen über die weitere Finanzierung laufen derzeit.

Aus DIE ZEIT :: 27.11.2008

Ausgewählte Artikel
Ausgewählte Stellenangebote