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Symptom der Eilkrankheit: Rankings verändern die Wissenschaft

 

Rankings verlangen klare Entscheidungen und erzeugen Gewinner und Verlierer. Kaum verwunderlich, welche Wirkung sie auf alle Beteiligten haben. Einige (selbst-)kritische Anmerkungen zum weitverbreiteten Zählzwang.

Symptom der Eilkrankheit: Rankings verändern die Wissenschaft
Das Erstaunliche ist: Niemand glaubt an sie. Und doch wirken sie Wunder: die Wissenschafts- und Hochschulrankings, die Forschungsratings und Lehrevaluationen, die derzeit landauf, landab allenthalben und unentwegt ermittelt, publiziert und diskutiert werden. Rankings vollbringen das Unmögliche: Sie drücken das, was bis vor kurzem als äußerst schwer zu beurteilen und ganz sicher unmessbar galt - die Qualität nicht nur einer einzelnen Forschungs- oder Lehrleistung, sondern einer Forscher bzw. Lehrerpersönlichkeit, ja die Forschungs- und Lehrqualität eines ganzen Instituts - in einer einzigen Zahl aus: Platz vier, zum Beispiel. Das ist phantastisch, das ist unglaublich. Hätte noch vor 20 Jahren jemand erklärt, er habe nun die Forschungsqualität aller, sagen wir, aktiven Soziologen in der Bundesrepublik gemessen und berechnet, der Jenaer Durchschnittswert betrage 3,79 auf einer 5er-Skala: Man hätte ihn nicht nur belächelt, sondern für verrückt erklärt. Was für ein Fortschritt!

Zahlenspiele mit Wirkung

Das Wunder, das die Rankings und Ratings, die Erhebungen und Evaluationen vollbringen, besteht natürlich nicht darin, dass sie tatsächlich die entsprechenden Qualitäten auf einen Zahlenwert zu reduzieren vermögen. Es liegt auch nicht einmal darin, dass sie die daran interessierten Bevölkerungsgruppen - Studenten bzw. eine interessierte Öffentlichkeit zum ersten, Universitätsleitungen und Geldgeber bzw. -verteiler zum zweiten und die Gerankten und Gerateten, Evaluierten und Bewerteten zum dritten - glauben machten, sie könnten dies. Das wahre Wunder liegt darin, dass diese Zahlenspiele eine ungeheure, ja schicksalhafte Wirkung auf alle drei Gruppen entfalten, dass sie ihr Denken und Handeln zu steuern vermögen, obwohl niemand daran glaubt, dass sie eine objektive Realität abbilden.

Mehr noch: Sie haben diese eminente Wirkung gerade weil keiner glaubt, dass ihnen ein objektiver Sachverhalt entspricht. Keiner vertritt ernsthaft die Meinung, dass man wissenschaftliche Qualität, Forschungsleistungen oder gute Lehre messen, in Zahlenform bringen und 'ranken' kann. Davon abgesehen: Würden die Rankings wirklich messen, wie gut ein Wissenschaftler als Forscher oder Lehrer ist, oder würden wir auch nur glauben, dass sie dies vermögen: Wir könnten nichts tun. Wir könnten das Ergebnis nur achselzuckend zur Kenntnis nehmen. Weil aber jeder Wissenschaftler weiß, dass er seine Werte verbessern kann, wenn er den einen oder anderen alten Aufsatz aus der Schublade holt und noch einmal irgendwo publiziert; weil ihm klar ist, dass er nur ein paar mehr Drittmittel eintreiben muss - die er stets auf der Basis von Forschungsversprechungen, nicht von Forschungsergebnissen erhält - um als besserer Forscher zu gelten, haben diese Evaluationen und Ranglisten einen ungeheuer aktivierenden Einfluss auf die Wissenschaftler.

Drei Plätze nach oben, das müsste doch zu schaffen sein! Und ebenso auf die Hochschulleitungen und Politiker: Was für ein tolles Instrument sind sie doch, um lahmenden Instituten Beine zu machen, um endlich eine in Zahlen objektivierte Begründung für die ansonsten reichlich willkürlich erscheinende Verteilung von Lehr- und Forschungsmitteln zu haben! Genaugenommen muss nicht einmal mehr eine entsprechende Drohung ausgesprochen werden: Die Furcht, beim nächsten Ranking im Mittelfeld oder gar in der Schlussgruppe zu landen, versetzt Berge. Und sie erzeugt permanent schuldige Subjekte. Die Zahl der Publikationen, der Drittmittel, der erfolgreichen Doktoranden, der abgeschlossenen Magisterarbeiten, der Auslandskontakte, der wissenschaftlichen Ehrenämter, der Konferenzteilnahmen, der interdisziplinären Vernetzungen: nichts, was nicht gerankt werden könnte, und nichts, bei dem man jemals ein Niveau erreichen kann, auf dem man sich ausruhen darf!

Die Loser werden bestraft

Wer nicht hinaufsteigt, steigt hinab: Nach Max Weber galt diese Maxime für den kapitalistischen Unternehmer, jetzt gilt sie auch für Wissenschaftler. Und für ganze Unis. Und das Allertollste: Obwohl also weder Wissenschaftler noch sonst jemand an den objektiven Wert solcher Rankings glaubt, orientiert man sich - gar nicht mehr heimlich, sondern ganz ungeniert - auch in seinem eigenen Urteil doch daran: Die Kollegen in Buxtehude? Die taugen nichts, die sind Vorletzter. Das Institut in Rankstatt? Exzellent! Und Universitätsleitungen honorieren Spitzenrankings und bestrafen die Loser in aller Regel ohne große Rechtfertigungsnot sogleich nach der Veröffentlichung neuer Ergebnisse.

Politiker sind stolz auf die 'Qualität der Wissenschaft' an ihrem Standort - oder sie werden abgewählt oder abgesetzt. Und die Studenten haben endlich ein eindeutiges Kriterium für die Wahl ihrer Hochschule. Was lehrt uns all dies?

Erstens: Das Verlangen nach Qualitätskriterien und Qualitätskontrolle ist so groß, dass wir - individuell und politisch - nach allem greifen, was auch nur den Anschein einer Unterscheidungshilfe bietet. Natürlich würden Rankings nicht funktionieren, wenn wir nicht doch glaubten, dass ihre Ergebnisse irgendwie ein kleines, ganz kleines bisschen Objektivität enthalten.

Rankings erzeugen Realität

Allerdings bewegen wir uns auf eine haarfeine Grenzlinie zu, hinter der wir sagen werden: Rankings spiegeln keinerlei Realität wider, aber an irgendetwas müssen wir uns ja schließlich orientieren. Außerdem ist es offensichtlich, dass sie diese Realität erzeugen: Selbst wenn noch nie jemand von der Soziologie in Rankstatt gehört hat: Wenn sie als exzellent gerankt wird, wird sie ab sofort die besten Studenten, viel Geld für Forschungsaufträge und damit dann auch die Mittel für die Einstellung echter Spitzenforscher erhalten.

Rankings sind schon deshalb so eminent wichtig, weil sie die Wirklichkeit hervorbringen, die sie nicht abzubilden vermögen.

Damit kommen wir zum zweiten Punkt: Auch vollkommen kontingente, zufällige Ergebnisse können eine steuernde Wirkung entfalten. Wir kennen das aus dem Fernsehen: Keiner glaubt, dass bei Deutschland sucht den Superstar der Beste gewinnt. Gerade weil es jeder schaffen kann, ist es doch so spannend! Wieso sollte das bei Deutschland sucht die Superuni anders sein? Leistung und Erfolg sind nicht mehr unterscheidbar: Der Beste ist, wer gewinnt, es gibt kein unabhängiges Kriterium mehr. Mehr noch: Es bedarf auch keiner unabhängigen Kriterien mehr!

Und schließlich drittens: Das Rankingfieber lehrt uns, dass die Attraktivität der Zahl im Zeitalter der Hyperbeschleunigung ins Unermessliche steigt. Wenn man die Wahl hat, entweder die Veröffentlichungen eines Kollegen wirklich zu lesen, um sich ein Bild seiner Qualitäten zu machen, oder einen Blick - EINEN Blick - auf das letzte Evaluationsergebnis zu werfen, dann ist der Zeitunterschied so gravierend, dass er den Qualitäts- und Objektivitätsunterschied annihiliert. Speed is everything! Übrigens: Der Zählzwang ist ein anerkanntes Symptom der Eilkrankheit.

Dieser Beitrag ist im Uni-Journal Jena, Juli 2008, erschienen.

Aus Forschung und Lehre :: September 2008

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