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The Grass is Greener on the Other Side?

Von Harald Walach

Angesichts der permanenten Reformen an deutschen Universitäten kommt so manchem Hochschullehrer der Gedanke, sein Glück im Ausland zu suchen. Ob Großbritannien vielleicht das gelobte Land sein könnte? Ein Erfahrungsbericht.

The Grass is Greener on the Other Side?
Ich bin ein Bulmahn-Flüchtling. Was das ist, fragen mich die Leute immer. Einer von den Heerscharen der Drittmittelforscher, sage ich dann, die sich seinerzeit von Vertrag zu Vertrag hangelten, in meinem Falle mit selbst eingeworbenem Geld, dabei noch eine Habilitation ergatterten, aber keine feste Stelle im System, und denen Frau Bulmahn den Garaus machen wollte. Oder, die freundlichere Lesart, für die Frau Bulmahn eine Stelle im Universitätssystem erstreiten wollte, indem sie die Weiterführung der Verträge schlicht untersagte, in der Hoffnung, die Universitäten würden dann im Keller noch rasch ein paar Stellen finden. Weil die Universität natürlich keine Stelle für mich hatte, musste ich mich also entscheiden: aufhören oder weg. Ich bin weg, nach England. Und damit es keine Missverständnisse gibt: Ich bin den Engländern sehr dankbar, dass sie mich aufgenommen haben, und nirgendwo vorher hatte ich so nette Kollegen. Hier konnte ich eine der relativ seltenen Research Professorships ergattern. Das ist eine Stelle, die speziell dafür eingerichtet wurde, das Forschungsportfolio einer Abteilung voranzubringen. Anders als in Deutschland sind Professorenstellen in England in der Regel nicht "ausgestattet". Das heißt, man füllt seine Formulare selber aus und macht auch sonst alles selber.

"Full economic costing"

Ich bin hier wieder ein bisschen untypisch, weil ich mir meine Drittmittel, die Frau Bulmahn nicht mehr außerhalb eines ordentlichen Professorenverhältnisses in Deutschland verwaltet sehen wollte, mitgenommen habe. Davon kann ich mir neben einigen Doktoranden so eine Art Personal Assistant finanzieren, also ein Sekretariat, halbtags mindestens. Das ist kitzlig. Denn im puritanischen englischen System, wo man eben seine Handbücher im elektronischen Dschungel selber zu finden hat und seine Formulare selber ausfüllt, haben nur wirklich wichtige Leute Sekretariate, also Dekane, Vice-Chancellors (wie die Rektoren hierzulande heißen) und ähnlich bedeutende Funktionsträger des Systems. Sekretariate einrichten ist nicht ganz so geradlinig wie in Deutschland. Denn hierzulande herrscht "full economic costing".

Das heißt: Stellen werden nicht nur mit den Kosten veranschlagt, die man für Gehalt und die Gehaltsnebenkosten aufzuwenden hat, sondern schlagen auch mit unsichtbaren Nebenkosten zu Buche: mit dem Büroraum; mit den Heizkosten, die exorbitant sind, weil bekanntlich Thermostatventile, wirklich effiziente Verglasungen oder gar isolierte Wände nach England nur in vereinzelten Horden vorgedrungen und rasch in Enklaven versteckt worden sind. Dann braucht ja jede gute Universität eine Verwaltung, versteht sich. Harvard, so habe ich unlängst in Times Higher Education gelesen, hat angeblich die höchste Verwaltungsrate aller Universitäten mit ca. 78 Prozent Verwaltern, Sekretariate der Professoren mit eingerechnet.

Da waren sie nicht gut informiert, die Freunde von Times Higher. Die höchste Rate haben nämlich wir mit 102 Prozent. Jawohl. Jeder Akademiker finanziert 1,02 Stellen in der Verwaltung mit (keine Sekretariate für Professoren, wohlgemerkt). All das will ja nun also bezahlt werden. Daher kann ich nicht einfach eine Sekretariatsstelle mit meinen Drittmitteln bezahlen. Sonst müsste ich nämlich das Geld für zwei Stellen aufbringen, um eine zu bekommen. Aber ich bin ja pfiffig. Daher schaffe ich mir kein Sekretariat an, sondern arbeite mit studentischen Kräften. Die muss man nämlich nicht zusätzlich finanzieren, weil die schon im System mitgerechnet sind. Und dann muss ich folgendermaßen rechnen: Ich muss irgendwie schauen, dass ich das Geld, das ich als Gehalt erhalte, wieder reinwirtschafte, denn jetzt organisiere ich mir ja mein Gehalt nicht über Drittmittel selber, wie früher. Ein Grund damals für mich hierherzukommen war ja, dass die Universität mich bezahlt. Dafür will sie etwas zurückhaben. Jetzt, da meine Institution entschieden hat (nicht ich, wohlgemerkt), sich gar nicht um Forschungsgeld über das Research Assessment Exercise (RAE) in meinem Fach zu bewerben, ist die ursprüngliche Rechnung, mit der man meine Stelle geschaffen hat - Forscher mit Profil bringt gute RAEErgebnisse, bringt neues Geld, finanziert sich damit selber und macht erst noch Lehre, bingo! - nicht aufgegangen. Irgendwie hatte ich das schon geahnt und habe darum einen Masterkurs aufgebaut, in dem ich jetzt unterrichte, und das finde ich auch nicht weiter schlimm. Jetzt muss ich schauen, dass die Kasse stimmt und genügend Studenten meinen Kurs belegen. Ja richtig: Werbung ist auch mein Job, obwohl wir ein eigenes Department haben, das für Öffentlichkeitsarbeit zuständig ist; aber die werden nur aktiv, wenn ich sie explizit anfrage und mein Dekan die Kosten übernimmt, was er nicht kann, weil er kein Geld hat.

Und dass das mit dem Defizit nicht einfach ein fauler Trick war, hat der Dekan schnell klar gemacht. Indem er einen von unseren Geschichtsprofessoren kurzerhand entlassen hat. Geht nicht, meinen Sie? Dauerstelle, meinen Sie? Naja, schauen Sie sich die deutsche Autoindustrie an. Was meinen Sie, passiert dort mit den Ingenieuren, wenn sich die Leute mal keine BMWs mehr leisten können? Deutsch und Französisch können sie zwar nicht, die Engländer, und Latein auch immer seltener, aber rechnen können sie. So hat sich also unser Dekan ausgerechnet (mutmaßlicher, möglicherweise unbewusster Gedankengang): Wenn er einen Jungen rauswirft, spart er nur ca. 25 000 Pfund. Der Junge macht ihm aber genauso viel Lehre wie der Alte. Außerdem kann er den Jungen eher noch ein bisschen herumwaggonieren als den Alten. Also gleich einen Alten rausgeschmissen, das spart im Prinzip gleich zwei Stellen, die man anderswo besser einsetzen kann als in der Geschichte. Das passt sowieso nicht so gut in die neue Landschaft, wo sich eine Universität wie die unsere in der Ära nach dem RAE als "locally embedded" und "business facing" präsentieren muss.

Als mein Kollege die Kündigung erhielt, war ich nicht schlecht erstaunt. Er hatte mit mir vor knapp vier Jahren angefangen. Er wurde angeheuert, weil man sich erwartete, dass unsere Historiker gute Ergebnisse beim RAE einwirtschaften würden. Haben sie auch; der gefeuerte Kollege hatte meines Wissens Einstufung 4 erhalten, das höchste Rating, das so viel Geld einbringt, dass seine Stelle und noch mehr locker wieder eingewirtschaftet wird. Allerdings hatte man das nicht abgewartet. Jetzt hat unser Dekan zwei Fliegen mit einer Klappe geschlagen: Er hat einen teueren Historiker entlassen, für den er sich zwei billigere junge Psychologen leisten kann. Und er hat das RAE-Geld für die nächsten fünf Jahre sicher, das ihm der besagte Historiker eingefahren hat. Gut, dass ich damals im vorauseilenden Gehorsam meinen eigenen Masterkurs aufgebaut habe, der mittlerweile gut besucht wird und damit meine Existenzberechtigung einigermaßen sichert. Unser Dekan ist übrigens persönlich ein netter und umgänglicher Mensch, mit Manieren und Kommunikationstraining.

Das Research Assessment Exercise

In England gibt es einige Institutionen, die sind dauerhaft und verlässlich: der Linksverkehr, die Monarchie, der Adel und die Klassengesellschaft, schlechte Isolationen und dazugehörige Klempner. Und es gibt viele Institutionen, die sind dem permanenten Wandel unterworfen, oder sie sind der manifeste Wandel. Dazu gehört die Hochschulpolitik. Einhundertneunundreißig Hochschulen hat das Land, in dem etwa 55 Millionen Einwohner leben. Um diese Vielfalt überschaubar zu machen und vor allem um die Staatsgelder zu verteilen, hat man also vor Zeiten das Research Assessment Exercise und den Wettbewerb der Hochschulen erfunden. Man muss nicht mitmachen. Aber wer mitmacht, muss für alle Leute einer Einheit, die bewertet wird, z.B. unsere Geschichtsabteilung, ein standardisiertes Portfolio abgeben.

Neben den vier wichtigsten Publikationen der letzten fünf Jahre sind das Angaben über Wertschätzung, die sich ausdrückt in internationalen Einladungen, über internationale Vernetzung und über Drittmitteleinwerbungen. Da kommt also einiges an Material zusammen. Das ganze RAE ist purer Humbug. Wenn die Kommissionsmitglieder wirklich täten, was sie sagen das sie tun, nämlich sich die Forschungsleistung eines Forschers inhaltlich anzusehen und nicht nur bibliometrisch zu bewerten, dann müssten sie ein volles Jahr jede freie Minute RAE-Publikationen lesen, kein Fernsehen, kein Roman, keine Zeitung, nichts anderes. Also können sie nur überfliegen, auszugsweise lesen, sich an äußeren Parametern orientieren und mit ihrer Expertenerfahrung Pimal- Daumen rechnen. Da kommt eine Art Sankt Matthäus-Prinzip heraus: diejenigen, die haben, kriegen noch was dazu. Aber was ist mit denen, die vielleicht sehr kluge Gedanken entwickelten, aber noch nicht ganz das Zentrum des wissenschaftlichen Konsenses erreicht haben? Das RAE leistet nicht, was man erhofft hatte. Daher schaffte man es in der bisherigen Form ab. Was dann kommt, weiß niemand. RAE-light vielleicht? Simple Bibliometrie. Das kann auch ein Computer.

Damit wir uns jetzt nicht falsch verstehen: RAE-Geld ist kein zusätzliches Geld, sondern das Geld, das der Staat den Universitäten nicht direkt auszahlt zur Finanzierung von Forschung, sondern indirekt über das RAE. Die andere Hälfte zahlt er aus, wenn jemand einen Forschungsantrag über die sog. Research Councils einwirbt. Dann bekommt seine Institution (nicht er!) nochmals bis zu 90 Prozent extra. Das ist genauso, als wenn die Länder in Deutschland den Universitäten kein Geld mehr für Forschung geben würden, sondern die Hälfte der DFG zur Verteilung überlassen, die dann jedem bewilligten Antrag noch einen 90-prozentigen Zuschlag für Infrastrukturkosten geben und die andere Hälfte über eine Evaluationsagentur verteilen würde.

Das Dumme ist Folgendes: Die Engländer haben oft kluge Ideen, aber oft nicht die Ausdauer, diese Ideen bis zu Ende zu denken. Das dauert dann ein paar Jahre, bis sie merken: "Oops, die Idee war doch nicht so gut". Dann wird es halt anders gemacht und die Idee landet im Kanal. Irgendwann schwimmt die Idee aber über den Kanal und landet in Friesland. Dort findet sie dann ein deutscher Verwalter beim Strandspaziergang. Und fängt an zu denken. Und hört gleich gar nicht mehr auf zu Denken. Und wenn er fertig ist mit Denken, nach ein paar Jahren oder so, dann wird die Idee zur Verordnung. Dann kommt man darauf: Aha, jetzt brauchen wir also Evaluationsagenturen. Die Engländer machen's ja auch so (dass die Engländer gar nicht das machen, was sie sagen, verraten sie natürlich keinem). Und überhaupt, wir müssen es so machen wie die Engländer. Die haben ja schließlich Oxford und Cambridge. Ja, haben sie. Aber die haben auch die dazugehörige Klassengesellschaft, die sich über Jahrhunderte ihre Kaderschmieden aufgebaut hat, die entsprechenden sozialen Schichtungen und die daraus folgenden Unterschiede in den Qualitäten der Schulen. Und sie haben auch Manchester und Liverpool, wo die Schüler mancherorts mit stichsicheren Westen in den Unterricht kommen, weil sie Angst vor einer Messerstecherei haben.

Eine ernsthafte Frage an meine deutschen Kollegen in den Hochschulen und in den Verwaltungen: meint Ihr das wirklich ernst, dass man in Deutschland das englische System so weit wie möglich kopieren soll (manchmal meine ich das aus Verlautbarungen herauszuhören)? Glaubt Ihr immer noch, das Gras sei grüner auf der anderen Seite? Margaret Thatcher hat bei aller Größe aus meiner Sicht einige schwere Fehler gemacht.

Kommerzialisierung der Bildung

Ein größerer Fehler war die Kommerzialisierung der höheren Bildung. Sie hat dazu geführt, dass Universitäten bis auf einige Ausnahmen geleitet werden wie Würstchenbuden oder Schuhfabriken. Es gibt Dinge, die kann der Markt nicht garantieren. Dazu gehören Gerechtigkeit, Gleichberechtigung, gute Bildung und die Freiheit von Lehre und Forschung sowie ihre materielle Sicherung. Diese gehören zu den Kernaufgaben des Staates. Sie können nicht an eine selbsternannte Managerkaste delegiert werden oder an obskure Evaluationskommissionen. Geld kann und darf kein Argument sein. Wie man gerade sieht, ist Geld noch virtueller als gute Bildung. Es verschwindet nämlich einfach im Nichts, wenn es dumm kommt. Was man im Kopf hat, behält man mindestens, solange man diesen nicht verliert. Die Engländer waren Weltmeister im Generieren von Geld in virtuellen tertiären und quartären Zirkeln von Dienstleistungen, etwa von Qualitätssicherungsevaluationen oder Finanzdienstleistungen.

Dies funktioniert nur, solange alle in der kollektiven Hypnose dessen verharren, wie wichtig, bedeutsam und wertvoll das alles sei. Wir beginnen langsam aufzuwachen. In Deutschland sind die Weichen noch nicht alle in eine Richtung gestellt und die Gleiskörper hinter den Zügen noch nicht abgebaut, so dass es kein Zurück mehr gäbe. Interessanterweise habe ich hier in England und auch bei meinen relativ häufigen Kontakten in die Vereinigten Staaten noch niemand getroffen, der auf Anhieb verstanden hat, warum in Deutschland diese Hochschulreformwut um sich gegriffen hat, und wer es einmal verstanden hat, findet es töricht. Bei uns in Northampton gibt es ein Pub, in das wurde irgendwann im 17. Jahrhundert ein Treppenhaus aus Fotheringhay Castle eingebaut, wo Mary Stuart ihre letzten Lebenswochen verbracht hat. Angeblich geistert an einsamen Abenden eine schwarze Frauengestalt durch das Treppenhaus. So ähnlich kommt mir manchmal das deutsche Hochschulwesen vor. Frau Bulmahn geistert noch immer durch die Landschaft. Die von ihr angestoßenen Prozesse der Kommerzialisierung von Bildung, der chronischen Entzündung des Bildungswesen - evaluitis bulmahnnia deformans -, der vermeintlich wohltuenden Hierarchisierung der Hochschulen, Professoren und Studiengänge, sie alle spuken noch munter durch die Landschaft.

In England kann man echten Spuk und seine Auswirkungen besichtigen. Manchmal, wenn man genau hinsieht, kommt einem dabei das Grausen.

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Über den Autor
Harald Walach ist Research professor for Psychology an der University of Northampton/England. Er ist Präsident der international Society for Complementary Medicine Research.

Aus Forschung und Lehre :: März 2009

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