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Überleben auf der Durststrecke - Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt


Interview: Alexandra Werdes

Hochschulabsolventen haben auch in der Krise Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Kolja Briedis vom Forschungsinstitut HIS erklärt, wie sie die am besten nutzen können.

Überleben auf der Durststrecke - Hochschulabsolventen auf dem Arbeitsmarkt© HIS GmbHKolja Briedis, HIS GmbH
KOLJA BRIEDIS: Das wäre sicher übertrieben. Natürlich hängen die Einstiegschancen auch immer wieder von konjunkturellen Schwankungen ab. Aber Berufsanfänger mit einer niedrigeren Qualifikation sind davon viel stärker betroffen als Hochschulabsolventen.

ZEIT: Trotzdem gehen dieselben Unternehmen, die vor Kurzem noch händeringend Fachkräfte gesucht haben, jetzt auf Kurzarbeit. Was bedeutet das für Hochschulabsolventen?

BRIEDIS: Das ist schwer zu sagen. Wir wissen einfach nicht, was in den nächsten Jahren passiert. In der Autoindustrie wurde Kurzarbeit in der Produktion angeordnet, aber ihre Etats für Forschung und Entwicklung wollen die Konzerne möglichst beibehalten. Die Beschäftigungschancen für Ingenieure müssen sich also gar nicht so dramatisch ändern. Erst recht, wenn man überlegt, dass da in Bezug auf grüne Auto-Technologie viel nachzuholen ist.

ZEIT: Welche Branchen trifft es denn?

BRIEDIS: Ich vermute, dass sich Wirtschaftswissenschaftler auf längere Suchzeiten und niedrigere Einstiegsgehälter einstellen müssen. Normalerweise können sie sich auf alle Branchen verteilen; wenn aber die gesamte wirtschaftliche Entwicklung rückläufig ist, wird auch für sie das Nadelöhr ein bisschen enger. Die Frage ist: Welche Ausweichmöglichkeiten habe ich - und das sind nicht immer die Katastrophenjobs.

ZEIT: Aber von der Vorstellung vom Traumjob muss man sich verabschieden?

BRIEDIS: Den Traumjob zum Berufseinstieg gibt's auch in normalen Zeiten eher selten. Und selbst während des Booms haben die Leute nicht immer nahtlos eine Stelle bekommen - auch nicht in nachgefragten Fachrichtungen.

ZEIT: Wie lange kann eine solche Durststrecke dauern?

BRIEDIS: Das ist je nach Fach verschieden: Bei Elektrotechnikern, Maschinenbauern, Wirtschaftsingenieuren und Informatikern haben in normalen Zeiten über 80 Prozent der Absolventen nach einem Jahr eine reguläre Stelle, bei den Pädagogen oder Sprach- und Kulturwissenschaftlern sind es nur 50 bis 60 Prozent. Als Ingenieur würde ich mir also nach einem Jahr Gedanken machen, als Geisteswissenschaftler steht man da noch längst nicht im Aus.

ZEIT: Wie kann ich die verbliebenen Chancen am besten nutzen?

BRIEDIS: Die Weichen für den Berufseinstieg werden oftmals schon während des Studiums gestellt - durch Praktika oder eine Abschlussarbeit, die ich in Zusammenarbeit mit einem Unternehmen geschrieben habe. Praxiskontakte bleiben die entscheidenden Türöffner.

DIE ZEIT: Und wenn ausgerechnet das Unternehmen, bei dem ich den Fuß schon in der Tür hatte, in die Krise gerät?

BRIEDIS: Wer mal in der Praxis dringesteckt hat, wird auch für andere Unternehmen interessant: Ich habe mein Profil geschärft und Kompetenzen erworben. Was ich in der Öffentlichkeitsarbeit von BMW gelernt habe, passt auch für die Presseabteilung von Beiersdorf.

ZEIT: Also schicke ich eine Initiativbewerbung nach der anderen los?

BRIEDIS: Das ist sicherlich nicht der Königsweg. Im Übrigen findet auch nur ein Drittel der Hochschulabsolventen die erste Stelle durch eine Bewerbung auf eine Anzeige. Da hilft es mehr, zunächst Jobs zu finden, die vielleicht noch nicht so ganz adäquat sind, aber in die richtige Richtung gehen. Übergangsjobs, die dazu dienen, mich finanziell über Wasser zu halten, die aber vor allem auch helfen, den Kontakt zu meinem Berufsfeld nicht zu verlieren. Eine Möglichkeit ist auch, sich selbstständig zu machen und Werkverträge abzuschließen, wenn es keine feste Stelle gibt.

ZEIT: Selbstständigkeit aus der Not heraus?

BRIEDIS: Das gibt es immer wieder, und teilweise funktioniert das recht gut. Viele geben die Selbstständigkeit aber auch wieder auf, wenn sich die Chance für den Absprung bietet.

ZEIT: Bringt es etwas, weiter zu studieren?

BRIEDIS: Zu schauen, was man an der Hochschule noch machen kann, ist auf jeden Fall eine Option. An den Fachhochschulen springen die Leute eher noch mal auf einen weiterführenden Studiengang auf, an Universitäten geht das häufiger in Richtung Promotion.

ZEIT: Kann es hilfreich sein, an den viel gerühmten Zusatzqualifikationen zu feilen?

BRIEDIS: Das finde ich eher schwierig. EDV-Kenntnisse zum Beispiel sind zwar immer gut: sich mit Buchhaltungsprogrammen vertraut machen, die in vielen Unternehmen gängig sind - mit Konstruktionssoftware, wenn ich Ingenieur bin, oder mit Datenbanksoftware, wenn ich Geisteswissenschaftler bin. Man sollte dabei aber auf die berufliche Verwertbarkeit schielen.

ZEIT: Gibt es andere Möglichkeiten, den Leerlauf zu überbrücken?

BRIEDIS: Es gibt immer noch die Mär vom lückenlosen Lebenslauf. Aber ich glaube, jeder Personaler wird auch ein halbes Jahr Auslandsreise verzeihen. Wichtig ist, dass man begründen kann, wofür man die Wartezeit genutzt hat. Ehrenamtliches Engagement kann zeigen: Mir ist es wichtig, etwas Sinnvolles zu tun, auch wenn ich mich beruflich im Moment nicht verwirklichen kann. Das schätzen Arbeitgeber. Eine Überlegung könnte auch sein, die Familiengründung in eine solche Phase zu legen.

ZEIT: Kinderkriegen als Ausweg?

BRIEDIS: Ich würde das nicht als Ausweg empfehlen. Aber wenn man es sowieso vorhat und sich beruflich gerade nichts tut, ist der Zeitpunkt dafür gar nicht schlecht. Auch dann gilt aber: Was für Möglichkeiten habe ich, beruflich nebenher aktiv zu sein?

Aus DIE ZEIT :: 12.03.2009

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