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Ulrike Gaul: Die Gewinnerin einer der ersten neun Humboldt-Professuren im Gespräch

Das Gespräch führte Stefanie Schramm

Ulrike Gaul hat in den USA Karriere gemacht. Demnächst kehrt die Biologin zurück - als Humboldt-Professorin nach München.

Ulrike Gaul: Die Gewinnerin einer der ersten neun Humboldt-Professuren im Gespräch© Johannes KroemerProf. Ulrike Gaul
DIE ZEIT: Haben Sie Ihre Sachen gepackt?

ULRIKE GAUL: Noch nicht, aber ich bin mittendrin, unseren Umzug zu organisieren. Am kompliziertesten ist es, die Fliegen nach Deutschland zu schaffen.

ZEIT: Die Fliegen?

GAUL: Drosophila melanogaster, unsere Versuchstiere. Da steckt jahrelange Forschungsarbeit drin, verschiedene Mutanten zu züchten. Die ziehen jetzt mit nach München. Und sie müssen im Flugzeug reisen. Eine Überfahrt mit dem Schiff halten die Fliegen nicht durch.

ZEIT: In den USA haben Sie doch Arbeitsbedingungen, von denen deutsche Forscher nur träumen. Warum kehren Sie jetzt, nach zwanzig Jahren, zurück?

GAUL: Die mit der Humboldt-Professur verbundenen Ziele reizen mich sehr: Zum einen soll die Wissenschaft in Deutschland internationaler werden, zum anderen sollen neue Forschungsgebiete entwickelt werden. Da kann ich einiges beitragen.

ZEIT: Was haben Sie vor?

GAUL: Ich möchte zum Beispiel eine Summer School für mein Fach, die Systembiologie, organisieren; da lade ich befreundete Wissenschaftler aus Amerika, Europa, Israel ein. So was gibt es an deutschen Unis noch nicht so häufig.

ZEIT: Was haben die Studenten davon?

GAUL: Das Tolle an dem Preis ist, dass man sehr gute Wissenschaftler mal nicht nur an die Forschungsinstitute holt, sondern an die Universitäten. Ich finde es enorm wichtig, dass die Studenten sehen, wie spannend Wissenschaft ist. In Deutschland kommen solche Kontakte oft zu spät zustande, wenn überhaupt.

ZEIT: Woran liegt das?

GAUL: Hier sind viele Spitzenleute an Forschungsinstituten tätig.

ZEIT: Wären Sie denn auch ohne den Humboldt- Preis zurückgekehrt?

GAUL: Die Ludwig-Maximilians-Universität war schon vorher auf mich zugekommen. Das ist in Deutschland ungewöhnlich. Die normalen Berufungsverfahren sind umständlich und langwierig.

ZEIT: Aber Sie hatten sich noch nicht entschieden?

GAUL: Ich wollte mich erst umschauen. Es gibt ja Gründe, warum ich damals weggegangen bin. Ich habe dann eine richtige Deutschlandtournee gemacht, durch bestimmt zwanzig Institute, und habe mit vielen Forschern gesprochen. Ich wollte wissen: Wie ist es jetzt wirklich?

ZEIT: Und wie ist es?

GAUL: Ich war positiv überrascht. Es hat sich viel getan; die Strukturen sind weniger hierarchisch, weniger bürokratisch, weniger rigide. Die Exzellenzinitiative hat Energien freigesetzt.

ZEIT: Hat Sie das überzeugt?

GAUL: Ja, das hat mich sehr angesprochen. Aber wir wollen am Genzentrum München einen neuen Forschungsschwerpunkt aufbauen. Da braucht man viele Geräte und neue Mitarbeiter. Das ist alles sehr teuer.

ZEIT: Ohne das Humboldt-Geld wäre es also nicht gegangen.

GAUL: (lacht) Nicht so leicht.

ZEIT: Fünf Millionen für fünf Jahre - ist das in Ihrer Liga international konkurrenzfähig?

GAUL: Absolut. Ich habe ja auch in den USA Angebote gehabt, und ich weiß, was man dort an Spitzeninstituten bekommt. Die Humboldt- Professur ist international attraktiv.

ZEIT: Manche Preisträger zögern trotzdem, den Schritt nach Deutschland zu machen, auch weil nach den fünf Jahren Schluss ist mit der Förderung. Sie nicht?

GAUL: Ich sehe darin kein ernstes Problem. Wenn man so viel Vorschuss bekommt und damit gute Wissenschaft macht, wird man auch anderweitig Förderung erhalten. Die Humboldt-Professur ist ein Forschungspreis, keine Lebensversicherung. Den Nobelpreis bekommt man ja auch nur einmal. Irgendwann muss man halt wieder Anträge schreiben, wie alle anderen auch.

ZEIT: Auch die Forscher in den USA?

GAUL: Gerade dort. Was für ein Unfug, jetzt so zu tun, als müsste das System in Deutschland anders sein! Es war ja mal anders. Früher hat niemand gefragt: »Machst du überhaupt was mit dem Geld?« Dass Forschungsgelder leistungsbezogen vergeben werden, war eine wichtige Veränderung in der deutschen Wissenschaft.

ZEIT: Warum sind Sie damals weggegangen?

GAUL: Nach der Promotion muss man mal andere Luft schnuppern. Die Frage ist mehr, warum ich nicht eher zurückgekommen bin.

ZEIT: Und?

GAUL: Mir hat das Leben in den USA gut gefallen - der zupackende Optimismus, aber auch das Meritokratische: dass es darauf ankommt, was einer leistet. Ich hatte mehrere Angebote aus Deutschland, aber in jedem Fall wäre ich die einzige Frau am Institut gewesen. In Amerika war es für eine junge Frau leichter in der Forschung. Der Himmel war dort irgendwie höher.

ZEIT: Was genau hat es leichter gemacht?

GAUL: Mehr Führungspositionen waren von Frauen besetzt. In Tübingen, wo ich studiert habe, gab es keine einzige C4-Professorin in den Naturwissenschaften. Die Frauen, die weit kamen, hatten es schwer - das sah man ihnen auch an. In den USA haben sich die Dinge früher geändert. Es war einfach nicht cool, keine Frauen in der Fakultät zu haben.

ZEIT: Sie sind die einzige Frau unter den Humboldt- Preisträgern. Also alles beim Alten hier?

GAUL: Nein, den meisten ist bewusst, wie wichtig es ist, auch Frauen in Führungspositionen zu haben. Aber es stellen sich nach wie vor praktische Probleme, vor allem mit der Kinderbetreuung. In den USA hat mittlerweile jede Uni, die was auf sich hält, eine Kinderkrippe. Das macht einen enormen Unterschied. Wer will schon vor die Alternative gestellt werden: Kinder oder Wissenschaft?

ZEIT: Hat sich diese Frage für Sie so gestellt?

GAUL: Ja, ich habe mich damals für die Wissenschaft entschieden, zusammen mit meinem Mann. Ich bereue es nicht, aber es war doch sehr hart.

ZEIT: Weiß Ihr Mann schon, wo er in Deutschland arbeiten wird?

GAUL: Ja, bei uns. Er ist ausgebildeter Philosoph und macht jetzt die Systembiologie in unserem Labor. So was ist in den USA einfacher. Die Unis helfen dem Partner, einen Job am selben Ort zu finden. In Deutschland pendeln viele Forscherpaare, und das mit Familie. Der helle Wahnsinn!

ZEIT: Wie wollen Sie sich in München für Frauen in der Forschung engagieren?

GAUL: Im Rahmen der Exzellenzinitiative gibt es ein Förderprogramm an der LMU, woran ich mich beteiligen werde. Am wichtigsten ist dabei konkrete Mentorenarbeit.

ZEIT: Was heißt das?

GAUL: Na ja, dass man mit den Frauen über alles redet - über die Wissenschaft und darüber, wie man sich selbst präsentiert. Das geht besser, wenn man selbst eine Frau ist. Ich kann leichter sagen: »Hör mal, ich sehe da ein Problem.«

ZEIT: Welche Probleme sehen Sie denn?

GAUL: Junge Frauen sind oft unsicher und passen sich zu schnell an. Sie müssen lernen, un abhängiger zu werden. Oft reagieren sie auf Kritik zu empfindlich. Dann sage ich: »Guck doch erst mal, ob das überhaupt stimmt.«

ZEIT: Ging es Ihnen ähnlich, als Sie jünger waren?

GAUL: Wenn ich ehrlich bin, nein. Ich habe auch erst lernen müssen, mit Kritik umzugehen, aber ich war immer davon überzeugt, dass ich Wissenschaftlerin werden will. Ich habe da nicht viel gezweifelt.

ZEIT: Woran lag das?

GAUL: Vielleicht daran, dass ich auf dem Land aufgewachsen bin, in Schwaben. Ich hatte keine große Clique, war viel mit mir allein. So gewöhnt man sich daran, seinen eigenen Kram zu machen und sich nicht so leicht beeinflussen lässt.

ZEIT: In München sollen Sie jetzt die Systembiologie aufbauen, die ist in Deutschland noch kaum vertreten. Worum geht es da?

GAUL: Wir wollen verstehen, wie Gene und Proteine in einem Organismus zusammenwirken, vor allem während der Entwicklung. Da müssen Tausende Gene an der richtigen Stelle zur richtigen Zeit ein- und wieder ausgeschaltet werden. Letztlich wollen wir wissen, wie aus der eindimensionalen DNA-Sequenz in einem vierdimensionalen Prozess - wenn man die Zeitdimension hinzunimmt - eine Fliege wird.

ZEIT: Als das Genom des Menschen sequenziert war, glaubten viele, man könne jetzt einfach im »Buch des Lebens« lesen. Nun ist doch alles komplizierter, sogar bei einer simplen Fliege?

GAUL: Allerdings, aber das wussten wir damals schon. (lacht) Heute kann man einzelne Gene gut lesen. Der größte Teil der DNA jedoch kodiert gar keine Proteine. Da stecken die Kontrollelemente drin, die steuern, wann welches Gen abgelesen wird. Diese Schaltstellen findet man nicht so einfach. Und genau daran arbeiten wir. Die Sequenzierung, in unserem Fall die des Fliegengenoms, war erst der Anfang.

ZEIT: Was sagt Ihre Forschung über den Menschen aus?

GAUL: Diese Steuerungsmechanismen sind beim Menschen nicht identisch - aber eben ähnlich. Wir lernen, wie Gene reguliert werden.

ZEIT: Wie könnte eine Anwendung aussehen?

GAUL: In der Stammzellforschung versucht man aus undifferenzierten Zellen spezialisierte zu machen, zum Beispiel Leberzellen, um jemandem mit Leberkrebs zu helfen. Im Prinzip muss man also nachbilden, was auch im Embryo geschieht. Bis zur Anwendung verstreicht natürlich noch viel Zeit, aber gerade in München arbeiten daran sehr gute Forscher, die unsere Ergebnisse nutzen könnten.

ZEIT: Welche Impulse erwarten Sie im Gegenzug für Ihre Forschung?

GAUL: München ist einer der vielfältigsten Wissenschaftsstandorte in Deutschland. Und für die Systembiologie braucht man Experten verschiedenster Fachrichtungen: Mathematiker, Molekularbiologen, Nanotechniker. Die Kollegen können uns helfen, unsere Vorhersagen über diese Steuerungsprozesse zu testen. Ich bin schon sehr gespannt auf die Zusammenarbeit.

ZEIT: Was werden Sie vermissen?

GAUL: Die Energie und das Chaos von New York. Andererseits ist München weniger stressig, die U-Bahnen fahren sogar im Takt. Und das Essen ist gut. Ich koche gern und hab schon befürchtet, dass ich keinen frischen Koriander kriege. Den gibt es aber auf dem Viktualienmarkt. Hab ich schon ausgecheckt.

Der Mensch und seine Idee
Ulrike Gaul hat in Tübingen Biochemie und Physik studiert. Nach ihrer Promotion ging sie nach Berkeley, dann an die Rockefeller University in New York. Im Frühjahr will sie ans Genzentrum der Ludwig-Maximilians- Universität München umziehen. Die Molekularbiologin hat eine der ersten neun Humboldt-Professuren gewonnen. Mit dem Preis will das Bundesforschungsministerium internationale Spitzenforscher nach Deutschland holen. Sie erhalten je fünf Millionen Euro, verteilt auf fünf Jahre.

Aus DIE ZEIT :: 19.02.2009

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