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Unternehmensberatungen übernehmen die Strategie des Zaren

Von Tina Rohowski

Wie Boston Consulting auch Mediziner und Politologen fürs Beratergeschäft gewinnen will.

Unternehmensberatungen übernehmen die Strategie des Zaren© Pressestelle BCGPartner and Managing Director, Leiter der Praxisgruppe Strategy Düsseldorf
Sechs Stunden sind nicht viel Zeit, wenn man einen maroden Telekommunikationskonzern retten soll. Also muss Eva-Maria Spreitzer schnell sprechen und immer neue Diagramme, Zeitpläne und Kostenkurven an die Wand werfen. Im schwarzen Hosenanzug, die blonden Haare zum strengen Zopf gebunden, steht sie im Licht des Projektors und redet über "aggressive Wettbewerber". Neben Spreitzer nicken ihre sechs Teammitglieder. Vor ihr sitzen Unternehmensberater der Boston Consulting Group (BCG).

Eva-Maria Spreitzer ist noch keine Unternehmensberaterin, aber sie kann sich vorstellen, eine zu werden: 2009 wird die 22-Jährige ihren Germanistik- Bachelor an der Uni Bamberg abschließen, nun nimmt sie an einer "Strategy School", einem von BCG ausgerichteten Wochenende in der Berliner Niederlassung, teil.

Sie und mehr als 60 andere Studenten, Doktoranden oder junge Berufstätige sollen an zwei Tagen verstehen, wie das Beratungsbusiness funktioniert - und sich vielleicht später als Consultants bewerben. Deshalb redet die Germanistikstudentin jetzt von "Preisstrukturen im Fixed- Voice-Markt", obwohl es sonst in ihren Uni-Referaten eher um Satzstrukturen geht. Etwa die Hälfte der Teilnehmer in Berlin hat keine BWL-Kenntnisse; darunter sind Mediziner, Politologen oder Luft- und Raumfahrttechniker. "Wir brauchen eine bunte Mischung für die Beraterteams", sagt Astrid Rauchfuß, Recruiting-Direktorin bei BCG.

Aber wie zeigt man den "Exoten", wie Nicht- BWLer hier heißen, worum es in der Branche geht? Am ersten Tag sitzen die möglichen neuen Berater im Konferenzraum und schauen zu, wie Moskau brennt. Eine Szene aus Krieg und Frieden, der Verfilmung von Leo Tolstojs Roman, läuft auf einer Leinwand: Als Napoleon 1812 immer größere Teile Russlands erobert, setzen die russischen Generäle ihre eigene Hauptstadt in Brand. Die französischen Truppen können Moskau somit zwar einnehmen, doch Hunger und Kälte zwingen sie zur Umkehr.

Die erste Lektion für die potenziellen Consultants: "Wer Erfolg haben will, muss die Spielregeln der Branche verändern", sagt Kai Gruner, ein BCG-Berater, der den Einführungsvortrag hält. Auch für Unternehmen gebe es "Schlachten, Feinde, Angriffe und Konter". Berater müssten dann unter Druck Entscheidungen treffen, Risiken eingehen. Die russischen Generäle hätten sich "nicht in Details verloren". Schließlich sei es im Vaterländischen Krieg nicht um Moskau gegangen, sondern um das ganze Zarenreich. Einige im Saal lachen über diese Vergleiche, andere gucken ein wenig erschrocken.

Gruner mag solche Verweise auf andere Disziplinen. In seinem Vortrag stellt er Beratung als eine Mischung aus Militärkniffen, einem Fußballspiel und Darwins Evolutionstheorie dar. Für alle Teilnehmer der Strategie-Schule sei so etwas Bekanntes dabei. Den Rest schreiben sie in ihre Blöcke: erst die "Sieben Glaubenssätze von BCG", dann die "Drei Quellen guter Strategie", die "Sechs Schritte einer guten Analyse" und schließlich rund 50 "Tools" - also Werkzeuge, mit denen Consultants ihre Fälle lösen.

Ihr Einsatz folgt schon am zweiten Tag: In Gruppen lösen die Teilnehmer vier "Cases", zwei BCG-Beater helfen dabei. Eva-Maria Spreitzer und sechs weitere Studenten sollen in ihrer Fallstudie einen Telekommunikationsriesen neu positionieren. Andere Teams beschäftigen sich mit einer fast insolventen Bank, die wieder Vertrauen aufbauen will, oder einer Bahngesellschaft, die eine Europa-Expansion plant. Im vierten Fall geht es um eine wohltätige Stiftung, die den Consultants aufträgt, 100 Millionen Dollar so sinnvoll wie möglich in den Kampf gegen Malaria zu investieren. Alle Teams sitzen in voll verglasten Büros. Auf den Tischen liegen
Mappen mit Marktdaten, Laptops und Schokoriegel.
Für Valerius Braun, der ebenfalls den Telefonkonzern retten soll, sind Zahlenkolonnen und Excel-Tabellen nichts Neues: Braun, 24, studiert Internationales Management an einer Privat-Uni und jongliert mit Begriffen wie "Cashcow" und "Cool Dog". Er und ein anderer BWLer stürzen sich gleich in die Rechnerei. Eva- Maria Spreitzer kümmert sich um den "Überblick über die Gesamtstrategie", wie sie sagt.

Etwa 50 Prozent der Berater im Unternehmen hätten BWL studiert, erzählt Recruiting- Direktorin Rauchfuß. Rund 20 Prozent seien Ingenieure, weitere 20 Prozent Naturwissenschaftler, zehn Prozent kämen aus den Geisteswissenschaften. Die Nicht-BWLer müssten vor dem ersten Projekt ein Training durchlaufen: zwei Wochen lang Bilanzierung, Konzernbewertung, Management. Besonders schwer sei es, Mediziner und Juristen für die Branche zu gewinnen. Sie hätten "ein festes Berufsbild" und betrachteten Beratung oft gar nicht als Option.

Ein Kinderarzt aus Baden-Württemberg traf vor ein paar Monaten bei seinem Klassentreffen auf die Consulting-Branche. Schulfreunde, die Berater geworden waren, empfahlen ihm, sich "das Ganze mal anzuschauen". Sein Klinikchef weiß nichts davon, deshalb will er seinen Namen nicht in der Zeitung lesen. In der Unternehmensberatung könnte er "vielleicht mehr bewegen", meint der 31-Jährige, als Arzt sei man oft "am Ende einer Kette". Am liebsten wolle er Pro-bono-Projekte wie den Malaria-Fall übernehmen. Die Berater erzählen jedoch am Wochenende immer wieder, dass jeder bei BCG "zunächst Generalist" sei und auch Fälle aus fremden Branchen, etwa dem Bankensektor, übernehme. Dem Kinderarzt wird es bei diesem Ausblick ein wenig mulmig: nach einem Kurzlehrgang die Finanzkrise verstehen? Daran glaube er nicht so recht.

Unter ihren Germanistik-Kommilitonen ist Eva-Maria Spreitzer die Einzige, die in die Unternehmensberatung möchte. Die anderen wollten "nichts mit Zahlen oder Wirtschaft zu tun haben", sagt sie. Nach der Teamphase führt Spreitzer durch die Präsentation ihrer Gruppe. Sie empfiehlt dem Kommunikationskonzern, ein "maßgeschneidertes Paket" anzubieten: "Festnetz, Mobilfunk, Inter net, Musik-Download und andere Content-Angebote aus einer Hand." Die echten Unternehmensberater im Publikum loben im Anschluss, wie schnell alle Teilnehmer die Kernprobleme ihrer "Cases" verstanden und sich eben nicht in Details verloren hätten. Aber sie sagen auch: Vieles schreibe sich auf dem Papier so leicht, sei jedoch "in der Realität ein quälend langer Prozess".

Ein paar Tage lang habe er sich alles durch den Kopf gehen lassen, sagt der Kinderarzt später, mit einigem Abstand zum BCG-Wochenendtrip. Ein Wechsel ins Consulting wäre für zwei, drei Jahre spannend, danach würde er sich fragen, welche langfristige Perspektive ihn im Job halten sollte. Eigentlich habe er im Krankenhaus doch "einen schönen und erfüllenden Beruf".

Aus DIE ZEIT :: 11.12.2008

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