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Unterschätztes Phänomen

 

Aktuelle Zahlen zu der Plagiatbereitschaft von Studenten lassen nichts Gutes ahnen. Wenn der (Zeit-) Druck wächst, kommt so mancher Student auf dumme Gedanken. Wie schwierig ist es, Plagiaten auf die Schliche zu kommen? Wie lässt sich die Plagiatbereitschaft eindämmen?

Unterschätztes Phänomen: Plagiate und Kopien© CraigPJ - stock.xchng
Reformen wollen Gutes, können aber Schlechtes begünstigen. Plagiate sind schlecht, weil sie Lernen verhindern und das Vertrauen in Hochschulabschlüsse schmälern. Viele Lehrende teilen die Befürchtung, dass die BA-/MA-Reform die Leistungsanforderungen für Studenten erhöht und sich dadurch ein enormer Zeitdruck beim Sammeln von Creditpoints einstellt. Zeitdruck, so weiß man aus der Forschung zu Plagiaten in schriftlichen Arbeiten, bringt so manch einen Studenten auf dumme Gedanken. Nicht alle, aber zu viele, meinen Kollegen. Dabei unterschätzen sie die Verbreitung von Plagiaten ihrer Studenten häufig.

Studien zu Plagiaten vermuten hinter jeder fünften Arbeit ein Plagiat. Die Bereitschaft, ein Plagiat anzufertigen ist noch viel höher. Eine aktuelle Studie spricht von 90 Prozent betrugsbereiten Studenten. Erhöht sich der Druck, möglichst schnell den Weg
zum Examen zu gehen, könnte diese Bereitschaft in echten
Betrug umschlagen.

Dabei würden viele Studenten sogar fremde Zitate und Gedanken gezielt umformulieren und aufwendig aus anderen Sprachen übersetzen. Besonders beliebt sind Papers von Freunden und Bekannten, aber auch eigene ältere Arbeiten. Vollplagiate, d.h. die Änderung von zwei Wörtern - dem Namen - stellen aber eher die Ausnahme dar. All das macht es den Lehrenden nicht leicht, Plagiate aufzuspüren.

Probleme der Plagiatsoftware

Zudem sind die vorhandenen Hilfsmittel wie beispielsweise Plagiatsoftware noch nicht in der Lage, für eine lückenlose Aufklärung zu sorgen. Zwar beginnt der Markt an Anti-Plagiat-Software aufgrund der gestiegenen Nachfrage unübersichtlich zu werden. Tests dieser Software zeigen aber, dass Plagiate oft nicht erkannt werden. Dies liegt nicht nur daran, dass gut umgeschriebene Arbeiten nicht enttarnt werden und Übersetzungen bislang nicht handhabbar sind, sondern auch daran, dass viel Geschriebenes nicht für den Online-Abgleich verfügbar ist (z.B. kommerzielle Zeitschriftendatenbanken, gedruckte Quellen, aber auch Arbeiten aus dem sozialen Umfeld der Delinquenten). Der beliebteste Tauschplatz "hausarbeiten. de" mit 80.000 verfügbaren Arbeiten unterstützt Lehrende jedoch bei der Plagiatsuche. Auf Wunsch werden hierzu auch Exemplare kostenpflichtiger Arbeiten zugesandt.

Zwar machen immer mehr Lehrende die Plagiatprüfung zur Bedingung für die Leistungsscheinvergabe, allerdings sind einige Prüfprogramme nicht bedenkenlos einsetzbar. Der Rechtsstreit um das automatische Abspeichern von Hausarbeiten in Datenbanken à la "turnitin.com" ist noch nicht ausgefochten. Schließlich machen die Betreiber Profit mit dem mehr oder weniger geistigen Eigentum der Studenten und damit deren Urheberrechten. Trotz der Probleme der Software schreckt ihr Einsatz ab. Einige Plagiate lassen sich sehr leicht erkennen. Dies entlastet Lehrende jedoch nicht, die negativ getesteten Arbeiten aufmerksam zu lesen und verdächtige Stellen mittels einiger Begriffe in Suchmaschinen einzugeben.

Wie stark wird kontrolliert?

Die Mehrheit der Lehrenden sieht in Plagiaten ein Übel. Die wenigsten bekämpfen sie jedoch aktiv und professionell. Das ist nicht verwunderlich. Die Suche nach Plagiaten dankt ihnen niemand, schon gar nicht die Plagiatoren. Es gibt Indizien dafür, dass Lehrende dann weniger nach Plagiaten suchen, wenn sie einen Imageschaden durch das Bekanntwerden von Plagiatfällen erwarten. Neben diesem Imageschaden kostet eine gründliche Plagiatsuche und die anschließende Dokumentation enttarnter Plagiate sehr viel Zeit. Diese investieren Lehrende lieber ins Publizieren. So erhöhen sie nicht nur ihre Stellensicherheit, sondern das wichtige Renommee der Fachöffentlichkeit.

Ohne die Studenten mit einem Generalverdacht zu überziehen, könnte die Plagiatsuche - wie in einigen Ländern längst üblich - von zentralen professionalisierten Stellen übernommen werden. In dieser Gleichbehandlung aller lässt sich sogar eine Chance für mehr Gerechtigkeit sehen. Denn nicht nur zwischen Fachbereichen gibt es starke Unterschiede bei der Plagiatdefinition und Suche. Dies trifft auch auf die Betreuer zu. Gerade Plagiatoren, die oft Wiederholungstäter sind, wählen Betreuer, bei denen sie sich gute Chancen mit ihrem Plagiat ausrechnen. Zudem werden unterschiedlich harte Strafen verhängt.

Vorsorge statt Strafen

Juristisch und im Sinne der meisten Prüfungsordnungen lassen sich Plagiate als schriftliche Lüge einstufen, was mit einem Nichtbestehen der jeweiligen Leistung geahndet werden kann. Auch Exmatrikulationen wurden z.B. an der Uni Bielefeld schon mehrfach ausgesprochen. Lehrende verfügen also durchaus über ein Arsenal an harten Strafen. Auch hohe Geldstrafen von bis zu 50.000 Euro werden etwa an der Universität Münster angedroht. Für adäquate Bestrafungen in Relation zur Schwere des Betrugsversuches bieten Richtlinien vieler angelsächsischer Hochschulen gute Vorlagen. Hier gibt es beispielsweise zeitliche Verweise von der Uni oder die Sperre bei Auslandsstipendien. Auch ein Abzug bereits gesammelter Creditpoints stellt eine bessere Maßnahme dar als einfaches Nichtbestehen.

Aber: Vorsorge ist besser als Nachsorge. Aus den USA ist die Wirkung von Ehrenkodizes bekannt. Darin wird klar darlegt, welche Handlungen aus welchen Gründen nicht erlaubt sind und was Abweichlern droht. Studenten müssen sich dazu schriftlich zu moralischen Grundsätzen bekennen. Einerseits schafft dies Klarheit und erschwert Ausreden. Andererseits kann ein Unrechtsbewusstsein erzeugt werden, welches die Studenten - soviel ist bekannt - entschieden in ihrer Betrugsneigung hemmt (siehe Abbildung 1). Ein weiterer Befund aus der Forschung ist, dass die Fähigkeiten wissenschaftlichen Arbeitens bereits sehr früh und intensiv vermittelt werden müssen. Hierzu zählt auch ein gutes Zeitmanagement.

Wie lassen sich Plagiate eindämmen?

Damit die Abgabe einer Hausarbeit gerade zu Studienbeginn weniger ein Trial and Error-Spiel ist, sollte der Nutzen, den Studenten aus Hausarbeiten ziehen können, erhöht werden. Mit einer gründlichen Bewertung und einem persönlichen Feedback dürften sie nicht mehr nur als lästige Pflichtaufgabe wahrgenommen werden. Vorab sollten Studenten klare Richtlinien bekommen, wie eine gelungene Arbeit und der Weg dahin aussehen können. Gibt der Betreuer das Thema vor und schafft er es, die Studenten dafür zu begeistern, sinkt die Plagiatbereitschaft bekanntermaßen.

Aus der Forschung ist bekannt, dass Studenten in der Anonymität der Masse eher bereit sind, ein Plagiat anzufertigen (siehe Abbildung 2). Je kleiner der Kurs, desto besser kennt der Dozent seine Schützlinge und ihr Leistungspotential. Allerdings drängen nun die geburtenstarken Jahrgänge an die Hochschulen. Ohne eine Aufstockung der Lehrendenzahlen und eine qualifizierte Vorsorge sowie professionelle Kontrollen kann das Gefüge schnell aus den Fugen geraten und unerwünschte Folgen nach sich ziehen.

* Eine detailliertere Aufbereitung der Informationen ist in Buchform erhältlich: Sattler, Sebastian (2007): Plagiate in Hausarbeiten. Erklärungsmodelle mit Hilfe der Rational Choice Theorie. Hamburg.

Autor: Sebastian Sattler
Sebastian Sattler ist wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld. Seine Forschungsschwerpunkte sind wissenschaftliches Fehlverhalten, Familiensoziologie, Entscheidungs-, Journalismus- und Netzwerkforschung.

Aus Forschung und Lehre :: Mai 2008

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