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Vergabekriterien erweitern? Über die Probleme der medizinischen Ausbildung in Deutschland


Von Bernhard Marschall

Aus der Ärzteschwemme ist zwischenzeitlich ein Ärztemangel geworden, und die Sorge, dass Deutschland international zurückfällt, wächst. Damit wächst auch der Druck auf die Hochschulen und die Kritik an der medizinischen Ausbildung. Muss der Zugang zur medizinischen Ausbildung, der nach wie vor vom NC, der Wartezeitenregelung und dem Kapazitätsrecht beherrscht wird, verändert bzw. erweitert werden? Oder liegen die Probleme tiefer?

Vergabekriterien erweitern? Über die Probleme der medizinischen Ausbildung in Deutschland© .marqs - Photocase.comParadoxon in der Medizin: Ärztemangel trotz Bewerberandrang
Die Anforderungen an die Medizinischen Fakultäten in der akademischen Lehre sind vielfältig und anspruchsvoll: Sie sollen die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung sicherstellen, indem sie ausreichend qualifizierte Fachkräfte bereitstellen; gleichzeitig sollen sie die Innovationskraft des Landes durch die Gewinnung, Ausweisung und Förderung exzellenter Nachwuchswissenschaftler sicherstellen.

Obwohl noch nie so viele Ärzte in Deutschland tätig waren wie heute, hat die Vision eines drohenden Ärztemangels den lange Zeit gängigen Begriff der "Ärzteschwemme" aus der öffentlichen Diskussion verdrängt. Die Gründe hierfür sind zahlreich: Sowohl der demographische Wandel der Bevölkerung als auch das stetig wachsende Spektrum medizinischer Behandlungsoptionen bedingen eine steigende Nachfrage nach ärztlichen Leistungen. Dem steht zwar eine (noch) gleichbleibende, ja sogar leicht steigende Zahl an Ärzten gegenüber. Jedoch bedingen der Trend zu Arbeitszeitverkürzung - nicht zuletzt gestärkt durch entsprechende Urteile des Europäischen Gerichtshofes - als auch die Feminisierung der ärztlichen Profession eine Reduktion der pro Arzt/Ärztin zu erwartenden Lebensarbeitszeit.

Eine Erhöhung der Ausbildungskapazitäten wäre teuer: Bei einem anzunehmenden Kostennormwert für einen Studienplatz der Medizin von rd. 170 000 Euro ist der zusätzliche Bedarf kaum finanzierbar. Daher dürfen die Hochschulen für die temporäre Erhöhung der Studienanfängerzahlen um zehn Prozent zur Abfederung der doppelten Abiturjahrgänge wohl nur mit einem Bruchteil dieser Summe rechnen. Die explizite Ausklammerung der Medizin aus dem Hochschulpakt 2020 - wie noch bis zur Mitte des Jahres 2009 propagiert - war angesichts einer Vielzahl an offenen Arztstellen - ca. 5000 im vergangenen Jahr - nicht haltbar.

Ungebrochene Attraktivität

Vor diesem Hintergrund scheint es fast paradox, dass die Nachfrage nach einem Studienplatz der Medizin ungebrochen ist. In den vergangenen zehn Jahren stieg die Zahl der Bewerber fast stetig an, allein zwischen den Wintersemestern 2008/09 und 2009/10 um rund sechs Prozent. Bei nahezu gleichbleibenden Ausbildungskapazitäten führte dies zu einer Relation von 4,4 Bewerbern pro Studienplatz. Unter den ZVS regulierten Studiengängen ist dies jedoch bei weitem kein Spitzenwert: In derselben Statistik wird beispielsweise für den Studiengang der Psychologie ein Verhältnis von 11,8:1 ausgewiesen. Allein die Bedeutung für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung fokussiert das öffentliche Interesse auf die Engpässe in der Medizin und den daraus resultierenden Numerus clausus Wert. Wer am Studienstandort Münster außerhalb der so genannten "Vorab-Quoten" einen Studienplatz ergattern wollte, der musste im Wintersemester 2009/2010 immerhin einen Abiturdurchschnitt von 1,1 oder mindestens zehn Semestern Wartezeit nachweisen.


Diese offensichtliche Diskrepanz zwischen Bewerberandrang und Ärztemangel wird gelegentlich - zu Unrecht - den Hochschulen angelastet. Unter Ignoranz der hinlänglich bekannten (schlechten) Werte für die prognostische Valididät und Reliabilität alternativer Auswahlverfahren sowie der rein praktischen Limitationen, die sich aus der Vielzahl der Bewerber ergeben, steigt der Druck auf die Hochschulen, das Spektrum der zu berücksichtigenden Vergabekriterien zu erweitern. Eine vermeintlich passgenauere Auswahl der Bewerber soll eine höhere Zahl an klinisch tätig werdenden Absolventen bescheren, ohne dass hierbei aktuelle Entwicklungen im Gesundheitssystem als eigentliche Ursache etwaiger Abwanderungstendenzen in außerklinische Bereiche akzeptiert wird.

Explosion des medizinischen Fachwissens

Gemäß § 1 der Ärztlichen Approbationsordnung ist "der wissenschaftlich und praktisch in der Medizin ausgebildete Arzt, der zur eigenverantwortlichen und selbständigen ärztlichen Berufsausübung, zur Weiterbildung und zu ständiger Fortbildung befähigt ist", das Ziel der ärztlichen Ausbildung. Dabei beruht eine der wesentlichen Herausforderungen in den enormen Zuwachsraten des medizinischen Fachwissens. In fast 30 000 medizinischen Fachjournalen werden derzeit knapp drei Millionen neue Artikel pro Jahr publiziert. Damit sinkt die Halbwertszeit des medizinischen Fachwissens rapide: Gerade in dynamischen Fachbereichen mit einer hohen Forschungsleistung wird sie derzeit bei weniger als fünf Jahren beziffert. Dem gegenüber beträgt allein die gemäß § 1 Absatz 2 der Ärztlichen Approbationsordnung (ÄAppO) festgelegte Studiendauer sechs Jahre und drei Monate.

Daher muss dieser sich wandelnden Bedeutung des kognitiven Faktenwissens gegenüber der Fähigkeit zu einem komplexen Wissensmanagement Rechnung getragen werden. Übergeordnete Schlüsselkompetenzen wie Abstraktionsfähigkeit, Problemlösungsexpertise und die Qualifikation zur adäquaten Informationsverarbeitung rücken gegenüber einem sich schnell überholenden fachspezifischen Spezialwissen immer mehr in den Vordergrund.

Verändertes Autoritätsverständnis

Auch in der öffentlichen Wahrnehmung verliert das traditionelle Verständnis einer ärztlichen Handlungsautorität, die auf einem durch (wenige) repräsentative Meinungsführer definierten Standard basierte, zunehmend an Boden. Vielmehr wird eine Kombination aus individueller Erfahrung und systematischer Erforschung der zugänglichen Wissensbestände (externe Evidenz) erwartet. Gleichzeitig müssen jedoch gezielt die kommunikativen und sozialen Kompetenzen der angehenden Ärzte trainiert werden. Nur so kann eine zeitgemäße Expertise generiert werden, die auch zukünftig die nötige Autorität für Entscheidungsprozesse im medizinischen Handeln rechtfertigt.

Hierzu ist mehr denn je eine hohe Ausgangsqualifikation der Bewerber, aber auch eine Professionalisierung der Lehre sowie eine Bewahrung zumindest der institutionellen Einheit von Forschung und Lehre in den ausbildenden Einheiten dringend erforderlich. Aktuelle Tendenzen einer zunehmenden Beteiligung von bis dato außeruniversitären Einrichtungen der Krankenversorgung in der medizinischen Lehre mögen unter Umständen eine quantitative Entlastung auf dem Arbeitsmarkt befördern. Inwiefern aber allein ein Partnerschaftsabkommen mit einer im Ausland beheimateten Universität, wie z.B. zwischen den Asklepios Kliniken Hamburg und der Semmelweis Universität Budapest oder zwischen dem Klinikum Kassel und der Universität Southampton, dem qualitativen Anspruch einer gesamtuniversitären Ausbildung gerecht werden kann, muss kritisch hinterfragt werden.


Über den Autor
Dr. med. Bernhard Marschall ist Studiendekan der Medizinischen Fakultät und Facharzt für Chirurgie an der Universität Münster.


Aus Forschung und Lehre :: April 2010

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