Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Vertrackte Routine: Was tun, wenn das Schreiben stockt?

Von Otto Kruse

Schreiben ist eine unberechenbare Sache. Selten geht es so schnell wie gewünscht, selten so gut wie geplant, und manchmal geht sogar überhaupt nichts mehr. Schreibblockaden oder Schreibkrisen lähmen dann Gehirn und Hand. Wodurch fließt das Schreiben und wann stockt es?

Vertrackte Routine: Was tun, wenn das Schreiben stockt?© S.P. Rayner - iStockphoto.com
Nicht wenige Karrieren von talentierten Forschern scheitern am Schreiben. Grund dafür sind weniger individuelle Probleme als vielmehr eine grandiose Unterbewertung der Bedeutung des Schreibens, die in der europäischen Wissenschaft allgemein vorherrscht. Sie verhindert, dass das Schreiben Teil der wissenschaftlichen Ausbildung wird und überlässt es jeder einzelnen Person, das wissenschaftliche Schreiben neu zu erfinden.

Die meisten Wissenschaftler kennen natürlich auch den umgekehrten Fall, das Flow-Erlebnis, wenn das Schreiben in Fluss kommt, und dann mit einem enormen mentalen Energieschub interessante Gedanken aufs Papier sprudeln. Wenn sich aber statt Energie nur Müdigkeit und Unlust breitmacht, was dann?

Schreiben und Denken

Schreiben ist eine konzentrierte Form des Denkens, und zwar eines Denkens, das in Interaktion mit dem Papier (oder Bildschirm) geschieht. Teilergebnisse des Denkens werden schon einmal auf dem Papier deponiert, um das Kurzzeitgedächtnis von ihnen zu entlasten. Neues Material für den Schreibprozess wird aus dem Gedächtnis, aber mehr noch aus externen Speichern abgerufen und kann damit auf riesige Wissensressourcen zurückgreifen. Meist gilt es auch, eigene Forschungsergebnisse einzubinden und das lokal gewonnene, eigene Wissen mit dem global bereits vorhandenen Wissen in Beziehung zu setzen. Wissenschaftliches Schreiben ist Wissenskonstruktion, in der neue Erkenntnisse punktgenau in vorhandene Muster kollektiver Realitätsdeutung eingepasst werden müssen.

Dass ein Kopf bei dieser komplexen Aufgabe gelegentlich streikt, ist verständlich. Und so ist es nicht verwunderlich, dass die Schreibblockade zum Schreiben gehört wie der Wanderstiefel zum Bergsteigen. "Blockade" bedeutet nämlich zunächst nur, dass man während des Schreibens immer wieder innehalten und nachdenken muss, wie es weitergeht. Deshalb nennen Schreibforscher diese Blockaden auch "schwangere Pausen". In ihnen entwickelt sich etwas. Die Kunst des wissenschaftlichen Schreibens besteht darin, diese vielen kleinen Schwangerschaften bei der Herstellung eines Textes zur Erkenntnisgewinnung zu nutzen. "Heuristisches Schreiben" nennt die Schreibforschung das.

Die Schreibblockade wird erst dann zum Problem, wenn sie zu lang wird. Wenn man partout keine Lösungen mehr findet, setzt, um mit Gabriela Ruhmann zu sprechen, der Schreibschmerz ein, eine unangenehme Empfindung, die uns die Beschäftigung mit dem Schreiben verleidet. Die Gedanken verknoten sich. Wir beginnen, die Arbeit am Text zu meiden, bis gar nichts mehr geht. Dann sprechen wir von "Schreibkrise".

Konstellationen für Schreibkrisen

Sich in der Tiefe verlieren: Dissertationen sind oft überfrachtet mit Erwartungen und Selbstanforderungen. Die anfängliche Begeisterung, den Dingen auf den Grund gehen zu können, führt oft zu Tiefenrausch oder Uferlosigkeit. Der Blick für das Machbare und für die erforderlichen Qualitätsmaßstäbe geht verloren. Die Arbeit wird zunächst richtungslos, dann entsteht Leerlauf. Dann ist plötzlich alles andere wichtiger als die Dissertation. Eine Neubesinnung auf das Konzept (oder gar eine Neuausrichtung) ist angebracht.

Zu Vieles auf einmal wollen: Wenn man den Fokus eines Textes nicht genau festlegt, dann vermischen sich manchmal mehrere Aspekte des Themas bei der Darstellung. Jede Aussage muss vielfach relativiert und auf Hintergrundfaktoren bezogen werden. Die Sätze werden lang und länger, die Sprache schwerfälliger. Hier heißt es, zurück zum ersten Feld zu gehen: Was will ich sagen? Wem will ich es sagen? Was sind meine fünf Kernaussagen? Was darf ich voraussetzen? Was gehört in den nächsten Artikel?

Der erste Forschungsartikel: Die knappe, fokussierte und überstrukturierte Form des Forschungsartikels ist anfangs schwer zu bewältigen. Die Vorgaben des IMRADSchemas (Abstract, Introduction, Method, Results, and Discussion) sind zu weitmaschig, um mehr als eine grobe Orientierung zu bieten. Hier muss man einfach wissen, wie dieses Genre in der eigenen Disziplin funktioniert.

Schreiben in Englisch: Nicht nur aufgrund der geringeren sprachlichen Fertigkeiten in der Fremdsprache ist dies ein Problem, sondern auch wegen der verringerten Fähigkeit, in dieser Sprache zu denken und die für das Denken in Englisch unverzichtbaren Idiome der englischen Wissenschaftssprache einsetzen zu können. Ein Kurs in Fach- oder Wissenschaftsenglisch ist sinnvoll.

Neue Genres: Jedes Genre folgt anderen Gesetzen und wer glaubt, neue Anforderungen mit dem zuletzt Gelernten bewältigen zu können, wird durch Nachsitzen bestraft. Erst informieren, dann planen, dann schreiben, ist das Lösungsrezept.

Heruntertransformieren: Versuchen Wissenschaftler sich an populärwissenschaftlichen Darstellungen, werden von ihnen die größten Umlernanstrengungen verlangt. Wissen muss anders organisiert, vereinfacht und entdifferenziert werden. Statt nach allen Seiten abgesicherten Behauptungen werden plakative Generalisierungen verlangt, was vielen physisches Unbehagen verursacht. Die Dienste professioneller Wissenschaftsjournalisten sind hier hilfreich.

Didaktisieren: Ebenfalls zu extrem verlängerten Schreiberfahrungen kann das Verfassen von Lehrbüchern führen. Der Wechsel von der Expertenkommunikation zu einer studentenzentrierten, didaktischen Darstellung verlangt neue rhetorische Muster, neue sprachliche Mittel und andere Strukturen. Schreibcoaching kann hier helfen.

Es ist vor allem das Umlernen, das das Schreiben schwer macht. Es gibt kein "wissenschaftliches Schreiben", das für alle Fälle gilt, und man kann es genauso viel oder wenig lernen, wie man etwa "Sport" lernen kann. Lernen kann man nur bestimmte Textgenres in bestimmten Disziplinen für definierte Adressaten.

Lösungen für Schreibprobleme

Will man Schreibprobleme lösen, muss man den Blick jedoch vom Inhalt lösen und ihn auf den Schreibprozess, die Sprache oder die Textform richten. Schreibblockaden hängen eher selten mit gedanklichen Problemen zusammen, öfter mit solchen der Sprache, der Textform oder des Vorgehens. Eine zu abstrakte oder zu komplexe Sprache, ein falsch verstandenes oder falsch gewähltes Genre oder ein Vorgehen, das vom Schreiber verlangt, auf Anhieb druckreife Texte herzustellen, sind Beispiele dafür.
Um das Schreiben wieder in Fluss zu bringen, kommen folgende Aktionen in Frage:

- Metatext einsetzen: Schreiben Sie in den Text, was Sie gerade tun wollen ("Ich versuche jetzt zu sagen, dass ..."). Wählen Sie eine andere Schriftfarbe für diese selbstkommentierenden Äußerungen und begleiten Sie Ihren eigenen Text damit.

- Sprache vereinfachen: Benutzen Sie für kritische Passagen, an denen Sie stecken bleiben, nur Hauptsätze, auch wenn das schmerzt. Das hilft, Gedanken zu entflechten und in die richtige Ordnung zu bringen.

- E-Mail schreiben: Schreiben Sie einer Ihnen wohlgesonnenen Person, was Sie zu tun versuchen und was dabei offensichtlich nicht geht. Entwickeln Sie ein alternatives Vorgehen, das erfolgversprechender ist. Sie müssen die E-Mail nicht abschicken.

- Genre inspizieren: Informieren Sie sich über das Genre, z.B. Forschungsartikel, Literaturbericht, Gutachten, Projektantrag usw., damit Sie die Textlogik besser verstehen und sie für die Darstellung nutzen können.

- Adressaten bestimmen: Schreiben Sie detailliert auf, wer die Adressaten Ihres Textes sind. Unterscheiden Sie die "realen" Adressaten und die, die Sie in Ihrem Kopf beim Schreiben konstruieren. Bringen Sie beide in Deckung miteinander!

- Sprecherabsicht festlegen: Was wollen Sie mit dem Text erreichen? Wie gut muss er sein? Was sind die minimalen Erfordernisse? Korrigieren Sie Ihre Ziele!

- Feedback einholen: Ein fremder Blick auf den eigenen Text ist immer hilfreich, auch schon in den Anfangsstadien der Textherstellung. Benennen Sie genau, für welche Aspekte Sie Feedback brauchen!

- Erzählen: Wenn Sie einer anderen Person erzählen, was Sie gerade tun wollen und was nicht funktioniert, müssen Sie Ihr Anliegen wieder zwangsläufig vereinfachen. Außerdem bringt die andere Person Sie auf neue Gedanken und weitet Ihren Blick. Wählen Sie jemanden dafür aus, der gut zuhören kann!


Über den Autor
Otto Kruse ist Professor im Departement für Angewandte Linguistik der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften ZHAW. Er leitet das Zentrum für Professionelles Schreiben an seiner Hochschule und ist spezialisiert auf Fragen der Schreibdidaktik und Schreibberatung.

Aus Forschung und Lehre :: Dezember 2008

Ausgewählte Artikel