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Vorsicht, Werbung! Hochschulen werben mit Hilfe bei Karriereplanung

Von Jan-Martin Wiarda

Großspurige Karriereversprechen von Hochschulen können teuer werden.

Vorsicht, Werbung! Hochschulen werben mit Hilfe bei Karriereplanung© Monroe CollegeMonroe College, New York (Bronx)
Das Monroe College im New Yorker Stadtbezirk Bronx wird seine Website wohl überarbeiten müssen. Zurzeit wirbt dort noch das hauseigene Office of Career Advancement damit, es werde seinen Absolventen bei ihrer Jobsuche und Karriereplanung zur Seite stehen - »jederzeit, kostenlos und lebenslang«. Trina Thompson ist Monroe- Absolventin. Für sie klang das Versprechen wie eine Verheißung. Nur darum habe sie sich für das College entschieden und rund 70 000 Dollar Studiengebühren für ihr Bachelorstudium gezahlt, sagt sie. Die will sie jetzt zurückhaben. Plus 2000 Dollar Schmerzensgeld für die erlittene Frustration. Denn Trina Thompson ist seit ihrem Examen im April arbeitslos.

Die Klage, die sie gegen ihre ehemalige Hochschule bei einem New Yorker Bezirksgericht einreichte, hat in der US-Presse enormes Aufsehen erregt. Im Juli ist die Arbeitslosenquote in den Vereinigten Staaten zwar erstmals seit Mai 2008 leicht gefallen, doch sind immer noch 9,4 Prozent der Amerikaner auf Jobsuche, einer der höchsten Werte in den vergangenen 25 Jahren.

Unter den fast 15 Millionen Betroffenen befinden sich ungewöhnlich viele frischgebackene Uni-Absolventen - Menschen wie die 27 Jahre alte Trina Thompson, die sich für den Traum einer erfolgreichen Karriere verschuldet haben. Thompson wohnt bei ihrer Mutter, einer Aushilfslehrerin, die selbst am Existenzminimum lebt. Und jetzt ist auch noch die erste Rate für den College-Kredit fällig. Das Studium der Betriebswirtschaftslehre sollte für sie die Eintrittskarte in eine Welt des Wohlstands werden. Jetzt werde es zum Ticket in die Obdachlosigkeit, befürchtet ihre Mutter. Und das Monroe-College unternehme entgegen den großspurigen Versprechungen nicht die geringste Anstrengung, ihrer Tochter einen Job zu besorgen, sondern bevorzuge die Absolventen mit Spitzennoten, klagt sie. Dabei seien doch auch Trinas Noten ganz gut gewesen. Die Hochschule hingegen beteuert, selbstverständlich alles in ihrer Macht Stehende für ihre Studenten und Absolventen zu tun. Aber man könne den Arbeitsmarkt auch nicht ändern. Es ist ein schlagendes Argument. Entsprechend räumen Experten Thompsons Klage nur geringe Chancen auf Erfolg ein.

Angesichts der hohen Studiengebühren mag es so scheinen, als sei die Geschichte der Trina Thompson ein typisch amerikanisches Phänomen. Aber auch in Deutschland werden dieses Jahr Hunderttausende von Hochschulabsolventen auf einen Arbeitsmarkt treffen, dem die ärgste Krise noch bevorsteht. Gleichzeitig werben mehr und mehr hiesige Hochschulen, ganz besonders die privaten, mit den eindrucksvollen Berufserfolgsstatistiken ihrer Absolventen. Die Bologna-Hochschulreform hat mit der europäischen Version des Bachelors sogar einen Abschluss eingeführt, der nach der offiziellen Nomenklatur abwechselnd »berufsvorbereitend« oder sogar »berufsqualifzierend« sein soll.

Dass die Studenten in sechs Bundesländern mittlerweile selbst an staatlichen Hochschulen zur Kasse gebeten werden (verglichen mit den Gebühren in den Vereinigten Staaten allerdings in deutlich geringerem Maße), verschärft die Lage: Es fördert die Erwartungshaltung vieler Absolventen, dass ein Hochschulstudium sich auch ökonomisch lohnen und unmittelbar auszahlen müsse - ganz besonders bei denjenigen, die zur Finanzierung ein Studiendarlehen aufgenommen haben. Sollten sie dauerhaft arbeitslos bleiben, werden sie zwar kaum eine Klage auf Schadensersatz einreichen. Aber je länger die Rezession anhält, desto mehr arbeitslose Absolventen werden ihrer Alma Mater dann die Werbung für die neuen, »berufsvorbereitenden« Abschlüsse vorwerfen. Den Hochschulen und dem Studium droht auf längere Sicht ein gewaltiger Imageschaden. Entsprechend sollten die Hochschulen sich künftig vorsichtiger und ehrlicher verhalten, wenn sie mit Karriereversprechen um Studienanfänger werben.

In den USA hat sich die Debatte um die Klägerin Trina Thompson mittlerweile gedreht. Kolumnisten und Leser werfen ihr eine falsch verstandene Konsummentalität und mangelnde Eigeninitiative vor. »In unserer Firma stellen wir keine Leute mit solch einer Anspruchshaltung ein«, schreibt ein IT-Manager im Onlineforum der Tageszeitung New York Post. »Sorry, Trina. Und viel Glück bei Deiner Jobsuche. Da Dein Name jetzt überall im Internet verstreut steht, wirst du es ganz sicher brauchen.«

Aus DIE ZEIT :: 13.08.2009

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