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Warum stiften Menschen? Fragen an den Leiter des Centre for Philanthropy Studies in Basel

 

Das Centre for Philanthropy Studies in Basel erforscht, warum Menschen bereit sind, einen Teil ihres Vermögens dem Gemeinwohl zugute kommen lassen. Wie sich "Gemeinwohl" von "Philanthropie" unterscheidet, warum Stiftungen notwendig sind und was sie besser können als ein Unternehmen, erläutert der Leiter des Instituts in diesem Interview.

Warum stiften Menschen? Fragen an den Leiter des Centre for Philanthropy Studies in Basel© Forschung und LehreProfessor Georg von Schnurbein, Leiter des Centre for Philanthropy Studies (CEPS) der Universität Basel
Forschung & Lehre: 2008 wurde das Centre for Philanthropy Studies (CEPS) an der Universität Basel gegründet. Wie kam es zu dieser Gründung?

Georg von Schnurbein: Das CEPS geht auf eine Initiative von SwissFoundations, dem Verband der Schweizer Förderstiftungen zurück. Durch die Schaffung eines universitären Zentrums sollte die interdisziplinäre Analyse von Philanthropie und Stiftungswesen in der Schweiz gefördert werden. SwissFoundations hat vier Schweizer Universitäten eingeladen, sich um die Gründung eines solchen Zentrums zu bewerben. Im Gegenzug sicherten Mitglieder des Verbandes eine Anschubfinanzierung von 2,5 Mio. CHF für fünf Jahre zu. Aus diesem Wettbewerb ist die Universität Basel schliesslich als Sieger hervorgegangen. Den Ausschlag dazu gegeben haben einerseits die klar interdisziplinäre Ausrichtung und andererseits die inhaltliche Gestaltung, die den Schwerpunkt auf die Philanthropie legt. Nicht zuletzt ist Basel natürlich bekannt für seine philanthropische Tradition. Keine andere Stadt der Schweiz wird so sehr von seinen Stiftungen, Mäzenen und Gönnern geprägt wie Basel.

F&L: Warum Philanthropie und nicht "Gemeinnützigkeit" oder "Gemeinwohl"?

Georg von Schnurbein: Der Begriff ist ja im deutschsprachigen Raum eher unüblich und wird meist nur im Zusammenhang mit grosszügigen Geldgebern wie Bill Gates oder Dietmar Hopp gebraucht. Mir gefällt das angelsächsische Verständnis sehr viel besser. Dort umfasst Philanthropie jede freiwillige private Handlung für einen gemeinnützigen Zweck. Das reicht vom Stiften übers Spenden bis hin zum freiwilligen Engagement. Im Gegensatz zu geläufigeren Begriffen wie Gemeinnützigkeit oder Gemeinwohl erscheint mir ein Unterschied wesentlich: Philanthropie stellt den handelnden Menschen in den Mittelpunkt und geht damit zurück an den Ursprung der guten Tat. Über Gemeinwohl reden wir alle gern, aber wer dafür verantwortlich ist, wird selten geklärt. Philanthropie funktioniert nur, wenn sie von einer Person ausgeht. Das können Individuen sein, aber auch Unternehmen oder andere gesellschaftliche Akteure.

F&L: Muss man selber Philanthrop sein, um darüber zu forschen?

Georg von Schnurbein: Ich bin der Meinung, dass jeder Wissenschaftler grundsätzlich eine Ahnung von dem Feld haben sollte, in dem er forscht. Das Besondere in meinem Fall ist, dass es sich dabei nicht um einen Beruf oder eine spezifische Tätigkeit handelt. Als Wirtschaftswissenschaftler hat mich an dem Thema gereizt, dass man sich mit betriebwirtschaftlichen Theorien beschäftigt, wobei es am Ende um einen gesellschaftlichen Zweck statt um den finanziellen Erfolg geht.

F&L: Im Zentrum Ihrer Forschungstätigkeit steht die Gründung und Führung von Stiftungen. Was untersuchen Sie?

Georg von Schnurbein: Wir gehen Fragen nach, die sich für Stiftungen im Management- Alltag stellen. Dazu gehört die Problematik der Governance von Stiftungen, die ja keine Eigentümer oder Mitglieder mit Aufsichtsfunktion haben. Die Finanzkrise hat zwei andere Fragen in den Vordergrund gerückt. Einerseits die Frage nach der richtigen Anlagestrategie, da Stiftungen ja häufig nur von den Vermögenserträgen leben und andererseits die Frage, wie man mit der steigenden Zahl an Gesuchen umgehen soll. Wenn der Staat weniger Geld hat, richten sich noch mehr Destinatäre an die Stiftungen. Aber unsere Forschung geht über die Stiftungen hinaus. Wir wollen wissen, warum Stifter stiften und was Menschen in der Vergangenheit dazu bewegt hat, einen Teil ihres Vermögens der Gemeinnützigkeit zugute kommen zu lassen. Ausserdem interessieren uns neue Entwicklungen wie die Sozialunternehmen, hybride Organisationsformen und die Bildung von sozialem Kapital.
F&L: Was sind "hybride Organisationsformen"?

Georg von Schnurbein: Wie bei einem Hybridmotor verbinden hybride Organisationen die Vorteile von zwei Funktionsweisen. Einerseits die Werteorientierung der Nonprofit-Organisationen (NPO) und andererseits das Gewinnstreben von Unternehmen. Das Ergebnis sind Wirtschaftseinheiten, die weder NPO noch Unternehmen sind.

F&L: Wieviel unternehmerisches Know-How ist für eine Stiftungsgründung notwendig?

Georg von Schnurbein: Auch wenn die Stiftungsgründung ein vornehmlich rechtlicher Akt ist, halte ich die unternehmerische Komponente für mindestens genauso wichtig. Schliesslich werden bei der Stiftungsgründung Dinge festgelegt, die später kaum mehr geändert werden können. Deshalb sollte jeder Stifter vor der Gründung einen Businessplan erstellen und prüfen, ob das geplante Stiftungskapital auch ausreichend ist für den angestrebten Stiftungszweck. Es gibt viele Stiftungen, die an Geburtsfehlern leiden und deswegen ihr Potential nicht vollständig ausschöpfen können.

F&L: Stehen Wirtschaftlichkeit und Gemeinnützigkeit nicht im Widerspruch zueinander?

Georg von Schnurbein: Ich sehe da natürlich keinen Widerspruch - im Gegenteil! Wirtschaftlichkeit heisst für mich vor allem der effiziente Umgang mit knappen Ressourcen - und davon gibt es für NPO's genug. Wenn es durch unsere Arbeit gelingt, dass Spendengelder effizienter eingesetzt werden, dann ist das sehr viel wert. Selbstverständlich bestehen auch Gefahren, insbesondere dann, wenn die Wirtschaftlichkeit die eigentliche Mission der Organisation aushöhlt. Solche Organisationen werden aber langfristig nicht überleben. Denn die zentralen Ressourcen der NPO - Freiwillige und Spenden - gewinne ich nicht über Marketing-Aktionen, sondern über Werte.

F&L: Woran erkennt man eine erfolgreiche Stiftung?

Georg von Schnurbein: Erfolgreiche Stiftungen erkennt man an ihrer Transparenz. Wer gute Arbeit leistet, braucht nichts zu verbergen. Das mag jetzt etwas abgedroschen klingen, aber im Stiftungswesen ist die Verschwiegenheit immer noch weit verbreitet. Den Erfolg einer Stiftung zu messen ist sehr schwer, denn wir können ja nicht einfach den Finanzerfolg heranziehen. Manchmal stellen sich die Resultate von Stiftungsprojekten auch erst Jahrzehnte später ein, nehmen Sie als Beispiel ein Quartiererneuerungsprojekt: Das geförderte Stadtviertel wird sich nur langsam und in Abhängigkeit von vielen verschiedenen Faktoren verändern, so dass die Stiftungsziele vielleicht erst erreicht werden, wenn die Förderung schon ausgelaufen ist. Ich finde aber, dass Transparenz für Stiftungen wichtig ist. Stiftungen sind nicht gezwungen, mit jedem Projekt Erfolg zu haben, aber sie sollten ihre Erfahrungen kommunizieren, damit andere nicht die gleichen Fehler nochmals machen.

F&L: Was kann eine private Stiftungsinitiative besser als ein umsatzorientiertes Unternehmen?

Georg von Schnurbein: Stiftungen geniessen eine hohe Vertrauenswürdigkeit, da sie im Grunde kein Eigeninteresse haben. Deshalb können sie gut als Vermittler zwischen unterschiedlichen Partnern agieren. Die Eberhard von Kuenheim Stiftung z.B. hat die insolvente Glashütte Theresienthal im Bayrischen Wald wiederbelebt, indem sie sowohl staatliche wie private Akteure für diese Aufgabe begeistern konnte. Alle Beteiligten haben sich freiwillig engagiert. Hätte ein privater Investor die Firma retten wollen, wäre niemand zu einem freiwilligen Engagement bereit gewesen.
F&L: Stifter verstehen sich selbst gern als "Innovatoren in der Gesellschaft". Wie hoch ist der Anteil der Stifter, die wirklich gesellschaftspolitisch aktiv sind?

Georg von Schnurbein: Stifter sind häufig herausragende Persönlichkeiten mit Weitblick, die nicht nur im philanthropischen Engagement, sondern auch in ihren sonstigen Tätigkeiten Innovationskraft bewiesen haben. Die Stiftungen, die sie gründen, können diese Fähigkeit oftmals nicht aufrechterhalten, da sie zu sehr an tradierten Tätigkeiten und Vorgehen festhalten. In aller Regel sind deshalb junge - oder neu formierte - Stiftungen die innovativsten. Das liegt vor allem daran, dass Stiftungen den Mut und die Risikobereitschaft zur Innovation aus sich selbst heraus erzeugen müssen, da sie ja kaum einem externen Druck unterliegen. Ein Unternehmen ohne Innovationskraft wird früher oder später dem Marktdruck erliegen oder aufgekauft. In den letzten Jahren hat es aber viele Beispiele gegeben für Stiftungen, die etwas bewegt haben. Ein Beispiel ist die Gemeinnützige Hertie- Stiftung mit ihrem START-Programm für begabte Kinder mit Migrationshintergrund.

F&L: Die USA werden oft als Vorbild genannt - zurecht?

Georg von Schnurbein: Der amerikanische Stiftungssektor ist ein Vorbild, was die Verknüpfung von konkreten Veränderungen mit einem politischen Agenda Setting betrifft. Stiftungen in Europa verhalten sich - von wenigen Ausnahmen abgesehen - sehr unpolitisch. Dabei wären sie dank ihrer Unabhängigkeit bestens geeignet, um Druck auf die Politik auszuüben. Das wäre auch ökonomisch sinnvoll. Denn die Ausschüttungsquote der Stiftungen entspricht nur einem Bruchteil des staatlichen Sozial- und Kulturhaushalts. Wenn der Staat seine Politik ändert und das den Leistungsempfängern der Stiftung zugute kommt, dann hat das eine viel weitreichendere Wirkung als die direkte Unterstützung Einzelner.

Aus Forschung und Lehre :: August 2009

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