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Was den Menschen zum Menschen macht: Sozialisation und Bildung

Von Peter Winterhoff-Spurk

Von den Universitäten erwarten Politik, Wirtschaft und Staat heute vor allem eine Ausbildung, die den Menschen auf Fertigkeiten begrenzt, die seiner beruflichen Qualifikation und den Interessen von Wirtschaft und Staat dienen. Ist aber Bildung und das, was den Menschen zum Menschen macht, nicht weitaus mehr?

Was den Menschen zum Menschen macht: Sozialisation und Bildung© Diane Diederich - iStockphoto.com

Bildungsvorstellungen

Was ist Bildung? "Wissen", so wie es der Bestseller "Bildung. Alles was man wissen muss" behauptet? Oder "Herzensbildung", also eher Gefühl und ausgeprägte Emotionale Intelligenz, nicht nur IQ sondern auch EQ? Oder ist Bildung mit dem französischen Soziologen Pierre Bourdieu ein "kulturelles Kapital"? Demnach besteht Bildung aus Wissen und Fertigkeiten, die durch Erziehungs- und Bildungsaktivitäten erworben werden und nicht kurzfristig weitergegeben werden können, wie z.B. Titel und Bildungsabschlüsse, aber auch die Lektüre nicht berufsbezogener Literatur und bestimmter Zeitungen, Theater-, Museums- und Galeriebesuche etc.

Bildung als Wissen, Herzensbildung oder kulturelles Kapital? Alles ein bisschen zu einseitig. Gehen wir einmal zurück zu Wilhelm von Humboldt: "Es gibt schlechterdings gewisse Kenntnisse, die allgemein sein müssen, und noch mehr eine gewisse Bildung der Gesinnungen und des Charakters, die keinem fehlen darf. Jeder ist offenbar nur dann ein guter Handwerker, Kaufmann, Soldat und Geschäftsmann, wenn er an sich und ohne Hinsicht auf seinen besonderen Beruf ein guter, anständiger und seinem Stande nach aufgeklärter Mensch und Bürger ist". Bildung der Gesinnung und des Charakters definiert er als "...die Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen". Erst auf dieser Grundlage erfolgt dann die Ausbildung zu einer spezifischen Profession.

"Das ist wohl recht schwer?" - Grenzarbeit

Im Humboldtschen Bildungsbegriff ist demnach beides enthalten: Wissen und Herzensbildung. Man kann also ganze Bücher auswendig kennen und dennoch nicht gebildet sein. Und man kann ein grundgütiger, warmherziger, anständiger, aber leider ebenfalls ungebildeter Mensch sein. Beides zusammen ist notwendig, um die angestrebte "Bildung der Gesinnungen und des Charakters" zu erreichen. Und selbst das ist nur eine notwendige, keine hinreichende Voraussetzung. Das Besondere an den Humboldtschen Ideen ist nämlich, dass sie auch etwas darüber sagen, wie man sich Wissen und Herzensbildung aneignen soll, also auch eine Sozialisationstheorie umfasst.

Der Mensch wird in seinem Bildungssystem dadurch zum Menschen, dass er von engagierten Lehrern je nach seinen Begabungen gezielt gefordert und gefördert wird. Mit anderen Worten: Man wird nicht gebildet, sondern man bildet sich. Insbesondere für die Universität entstand daraus das Konzept der Einheit von Forschung und Lehre. Humboldt schuf auch ein einheitliches Schulsystem: In der Elementarschule sollte allgemeine Bildung, in der Gelehrtenschule philosophisch grundierte, wissenschaftliche Bildung erworben werden. Letztere war die Voraussetzung für die höchste Form von Bildung, die zweckfreie und ergebnisoffene Beschäftigung vor allem mit Philologie, Philosophie und Geschichte an der Universität.

Politisch hatte er dafür ein günstiges Zeitfenster erwischt: Das offenkundige politische und militärische Versagen des preußischen Adels in der Auseinandersetzung mit Napoleon erlaubte eine kurze Zeit lang eine neue Bildungspolitik, bevor sich wieder eine stärker ständische Bildungspolitik durchsetzte. Die Humboldtsche Bildungsidee und ihre institutionelle Realisierung standen von Anfang an unter dem Druck der gesellschaftlichen Verhältnisse. Zum einen strebten immer mehr Menschen nach sozialem Aufstieg durch Bildung. Auch die Arbeiterklasse hatte sich "Wissen ist Macht" auf ihre Fahnen geschrieben. Zum anderen begannen die Naturwissenschaften ihren Siegeszug und mit ihnen die industrielle Revolution. Die Folge: Das 'Brotstudium' trat in Konkurrenz zur Philosophie, der 'Brotgelehrte' zum 'philosophischen Kopf', die realistische zur humanistischen Bildung. Bildungsinhalte und Vermittlungskonzepte sind immer auch Ausdruck sozialer und ökonomischer Veränderungen.

Humboldt und der Bologna- Prozess

Und Humboldt heute, Bildung heute? Für die Hochschulen steht bei dieser Frage der Bologna-Prozess im Mittelpunkt. "Wunderbar", würde Wilhelm von Humboldt sagen, "vieles davon ist mit meinem Bildungsideal vereinbar: Mobilität, europäische Zusammenarbeit, Weltbürgertum." Aber ein genauer Blick in die Bologna-Protokolle würde ihn belehren: In Tat und Wahrheit ist es das Ende seiner Idee. Formen, Inhalte und Funktionen der Universität werden völlig neu bestimmt. Besonders deutlich wird das am Bachelor-Studium. "Mit dem Bachelor ist ein Studienabschluss eingeführt", erläutert das Bundesministerium für Bildung und Forschung, "der bereits nach drei bis vier Jahren zu einem berufsbefähigenden Abschluss führt, so dass früher als bisher ein Berufseinstieg möglich ist."


Humboldt? Die "... Anregung aller Kräfte des Menschen, damit diese sich über die Aneignung der Welt entfalten und zu einer sich selbst bestimmenden Individualität und Persönlichkeit führen" ist in diesem Modell eindeutig nicht mehr Funktion der Universität. Jetzt kommt zuerst - und für viele auch ausschließlich - die fachspezifische, berufsqualifizierende Ausbildung - Humboldt von den Füßen auf den Kopf gestellt.
In schöner Klarheit wird das im "Nationalen Bildungsbericht 2008" im Auftrag der KMK und des BMBF festgestellt: "Unter den Bedingungen wissensgesellschaftlicher Modernisierung wird die Hochschule mehr und mehr zu einer zentralen Institution beruflicher Qualifizierung." Wie weit die ökonomische Betrachtung von Bildung im 'Nationalen Bildungsbericht' gediehen ist, zeigt die Berechnung von sog. Bildungsrenditen: Dort ist zu lesen, dass der durchschnittliche Renditezuwachs eines Hochschulstudiums gegenüber einem Vollzeitbeschäftigten mit abgeschlossener dualer Berufsausbildung rund 46 Prozentpunkte beträgt.

Was sich schon zu Zeiten Humboldts andeutete, findet sich nun als dominantes Merkmal: Bildung wird konsequent in den Dienst des Wirtschaftslebens genommen. Ein besonders deutliches Beispiel dafür sind die sog. Stiftungsprofessuren des Stifterverbands für die deutsche Wissenschaft. Der Verband zahlt für fünf Jahre das Gehalt sowie 15 000 Euro an Sachmitteln - rund 200 Professuren hat er seit 1985 gefördert. Auf seiner Homepage liest man dazu ziemlich unverhüllt: "Stiftungslehrstühle sind ... nicht an Auftragsforschung gekoppelt. Doch ein förderndes Unternehmen kann durch den von ihm bestimmten Zuschnitt der Professur die für sich wichtigen Themen an der Hochschule verankern - und frühzeitig Nachwuchskräfte erkennen."
Humboldt würde zu alledem sagen: "Fängt man aber von dem besonderen Berufe an, so macht man (den Menschen) einseitig und er erlangt nie die Geschicklichkeit und die Freiheit, die notwendig ist, um auch in seinem Berufe allein nicht bloß mechanisch, was andere vor ihm getan, nachzuahmen, sondern selbst Erweiterungen und Verbesserungen vorzunehmen. Der Mensch verliert dadurch an Kraft und Selbständigkeit...".

Anwendungsorientierung statt allgemeiner Bildung ist das Eine. Das Andere ist, auch schon zu Humboldts Zeiten erkennbar, die Öffnung der Universitäten für soziale Gruppen, denen sie bislang kaum zugänglich war. Wie seinerzeit der abolutistische Staat nicht ohne ein gebildetes Bürgertum auskam, so funktioniert jetzt die Wirtschaft nicht ohne gut ausgebildete Akademiker aus der Mittel- und Unterschicht. Auch wenn der Prozess das kulturelle Kapital der Bildungseliten entwertet, aus der Humboldtschen Perspektive einer allgemeinen Menschenbildung ist diese Öffnung ohne 'wenn' und 'aber' zu begrüßen. Leider gibt es einige 'wenns' und 'abers' hinsichtlich der Folgen: Bis heute sind die Universitäten dafür finanziell und personell nicht entsprechend ausgestattet: Allein die Betreuungsrelation beträgt heute - knapp zwei Millionen Studenten und 38 000 Professoren - 1:52. Bei den Geisteswissenschaften liegt sie bei über 100.

So ist eine allgemeine Menschenbildung nicht zu erreichen und so gesehen ist die Verschulung des Studiums im Bolognaprozess durchaus konsequent. Mit solchen Massen kann die Universität nur fertig werden, wenn sie Bildung neu definiert und sich als Studentenfabrik organisiert. Folgerichtig müssen zukünftig alle Studiengänge in sog. Modulhandbüchern nach Form und Inhalten beschrieben werden, andernfalls werden sie von den eigens eingerichteten Akkreditierungsagenturen nicht zertifiziert. Zwischen 10 000 und 15 000 Euro kostet das pro Studiengang.
Und wenn die Universität schon verschult wird, dann kann man die Professorengehälter eigentlich auch denen der Lehrer anpassen: Nach einer Untersuchung des Wirtschaftshistorikers Jan- Otmar Hesse erhielten die Professoren in der Weimarer Republik noch das Zehnfache des Durchschnittseinkommens als Besoldung, in der Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre noch das Fünffache, in den siebziger Jahren das Zweieinhalbfache und heute verdient eine W-2-Professor an der TU Dresden mit rund 3 700 Euro (Ostbezüge) nur noch das 1,6fache des durchschnittlichen Ostgehalts, und damit etwa so viel wie ein 41jähriger Oberstudienrat am hiesigen Bertolt-Brecht-Gymnasium.
Aber ich will auch die Professoren nicht vergessen. Mich hat in letzter Zeit oft irritiert, wie kritiklos Kollegen den Bologna-Prozess durchgeführt haben. Allzu häufig fühlte ich mich an dieses Bonmot erinnert: Wenn von der EU eine Neuerung kommt, fragen die Franzosen zuerst "Warum?", die Deutschen "Bis wann?". Inzwischen deutet sich aber auch ein Wandel im Meinungsklima an. Der Deutsche Hochschulverband sagt: "Der Bologna-Prozess in Deutschland ist nur noch zu retten, wenn massiv gegengesteuert wird. Mit einem bloßen Nachsteuern ist es nicht getan".


Die Interessen der Wirtschaft, der Wunsch kultureller Aufsteiger nach gehobenen und einkommensfördernden Bildungsabschlüssen und die politische Zurückhaltung vieler Hochschullehrer bilden hier eine mächtige Allianz. Über die Bildungspolitiker will ich gar nicht erst sprechen. Aber natürlich darf man auch die Frage stellen: Ist das wirklich so schlecht? Humboldts Bildungsreform ist 200 Jahre alt, jetzt muss doch einfach ein neues Bildungsideal her. Die Antwort ist erstmal eine Gegenfrage: Muss es das wirklich? Auch die Ideale der französischen Revolution oder die 'Virgina declaration of rights' der Vereinigten Staaten von Amerika sind so alt - und sie gelten bis heute.

Klar, was den Menschen zum Menschen macht, Bildung und Sozialisation, ist historischen Veränderungen unterworfen, gleichwohl bleiben doch auch einige Grundsätze über längere Zeiträume hin gültig.
Dazu zählt aus meiner Sicht ganz gewiss die Humboldtsche Idee von der allgemeinen Bildung und von deren Priorität gegenüber der beruflichen Ausbildung. Dafür sprechen zum einen schlichte Nützlichkeitserwägungen: Wie erwähnt, kann der allgemein gebildete Mensch sich besser an unterschiedliche Umwelten adaptieren als der zu früh spezialisierte. Auch zivilisationstheoretisch ist der gebildete Mensch in der Regel einer, der eine höhere Affektkontrolle hat. Das erleichtert - etwa bei den Aggressionen - das soziale Zusammenleben.

Schließlich braucht jedes demokratische Gemeinwesen hinreichend gebildete Bürger, um auf Dauer bestehen und funktionieren zu können. Zudem veraltet berufliches Expertenwissen vergleichsweise schnell. Für mich persönlich gibt es darüber hinaus auch christlich-humanistische Gründe.
Sie kennen ja das biblische Gleichnis von den Talenten (Matthäus 25, 20): "Herr, fünf Talente hast du mir übergeben, siehe, andere fünf Talente habe ich zu denselben gewonnen." Das Wort "Talent" verstehen wir heute als 'von Gott anvertraute Fähigkeiten'. Damit ist man nicht mehr ferne von Luther, für den humanistische Bildung und ein gutes Schulwesen notwendig waren, damit die Bibel richtig verstanden wird und das Gemeinwesen richtig funktioniert: "Nun liegt einer Stadt Gedeihen nicht alleine darin, dass man große Schätze sammle, feste Mauern, schöne Häuser, viel Büchsen und Harnisch zeuge; ... sondern das ist einer Stadt bestes und allerreichstes Gedeihen, Heil und Kraft, dass sie viel feiner, gelehrter, vernünftiger, ehrbarer, wohlerzogener Bürger hat ..."

Vorrang der allgemeinen vor der Berufsausbildung

Sowohl aus utilitaristischen wie aus ethischen Überlegungen heraus halte ich es nach allem für unabdingbar, den Humboldtschen Grundgedanken des zeitlichen und logischen Vorrangs einer allgemeinen Bildung gegenüber der berufsbezogenen Ausbildung nicht aufzugeben. Allerdings ist die Diskussion immer wieder neu darüber zu führen, welche Inhalte zur allgemeinen Bildung zu zählen sind. Dass es heute nicht mehr nur Philologie, Philosophie und Geschichte sein können, versteht sich von selbst. Die an den Universitäten zu beobachtende Umkehrung dieser Idee und die Ökonomisierung der Bildungsidee halte ich aus den skizzierten Gründen für eine ganz fatale Fehlentwicklung. Was jetzt im Bildungsbereich - und besonders an den Universitäten - geschieht, ist die Begrenzung des Menschen auf Fertigkeiten und Begabungen, die seiner beruflichen Qualifikation und darüber hinaus den Interessen der Wirtschaft und des Staates dienen. Den Preis dafür werden die nächsten Studierendengenerationen - und später wir alle - zahlen müssen. Was den Menschen zum Menschen macht, ist aber weitaus mehr, nämlich - so zum Schluss noch einmal Wilhelm von Humboldt - "...dass die wahre Vernunft des Menschen keinen anderen Zustand als einen solchen wünschen kann, in welchem nicht nur jeder Einzelne der ungebundensten Freiheit genießt, sich aus sich selbst, in seiner Eigentümlichkeit zu entwickeln, sondern in welchem auch die physische Natur keine andere Gestalt von Menschenhänden empfängt, als ihr jeder Einzelne nach dem Maß seines Bedürfnisses und seiner Neigung, nur beschränkt durch die Grenzen seiner Kraft und seines Rechtes selbst und willkürlich gibt."

Stark gekürzte Fassung eines Vortrages gehalten bei der Ringvorlesung 'Der Mensch ist das Maß aller Dinge' der Akademie für Palliativmedizin und Hospizarbeit Dresden in Kooperation mit dem Deutschen Hygiene-Museum Dresden, dem Zentrum für Weiterbildung der TU Dresden und der Dresdner Seniorenakademie am 13. Januar 2009. Die ungekürzte Fassung kann bei der Redaktion von Forschung & Lehre angefordert werden.

Über den Autor
Professor Peter Winterhoff-Spurk leitet die Arbeitseinheit Medien- und Organisationspsychologie an der Universität des Saarlandes.

Aus Forschung und Lehre :: Februar 2009

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