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Weder anspruchsvoller noch elitär


Von Gero Lenhardt, Robert D. Reisz und Manfred Stock

Private Hochschulen in Deutschland, USA, Chile und Rumänien. Die Hochschulsysteme weisen weltweit große Unterschiede auf und spiegeln stets auch die Gesellschaftsform der Länder wider. Wie entwickelten sich Privathochschulen unter den jeweiligen nationalen Besonderheiten und welche Bedeutung kommt ihnen zu? Ergebnisse einer vergleichenden Studie.

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Für die Entstehung von Hochschulen außerhalb des öffentlichen Hochschulbereichs war in Deutschland, den USA, Rumänien und Chile zunächst das Verhältnis zwischen Kirche und Staat bestimmend. Dieser Ursprung wirkt bis heute in der Hochschulstruktur nach.

Deutschland

In Deutschland, wo die Kirchen staatlich privilegiert und die öffentlichen Universitäten religiösen Belangen seit je zugänglich sind, war die Gründung privater Hochschulen nicht dringlich. Gering war auch das Interesse an säkularen privaten Hochschulen, denn die bürgerliche Kultur war schwach. Bis 1933 orientierte sich die zunehmende Bildungsnachfrage vor allem am staatlichen Beamtentum, am akademischen Amtsadel, wie der Bildungshistoriker Friedrich Paulsen schrieb. Folglich strebten die gebildeten Stände auch nach öffentlichen Hochschulen. Das öffentliche Hochschulwesen war flexibel und vereinnahmte die wenigen privaten Bildungseinrichtungen, zu deren Gründung die allmähliche Entwicklung der bürgerlichen Gesellschaft motiviert hatte. Nach dem Zweiten Weltkrieg sorgte das Bürgerrecht der Bildungsfreiheit dafür, dass sich die staatlichen Hochschulen dem wachsenden Bildungsinteresse öffneten und kräftig expandierten. So erklärt sich, dass gegenwärtig nur 4,9 Prozent der Studierenden nichtstaatliche Hochschulen besuchen.

USA

In den USA konnten die religiösen Bildungsinteressen der frommen Amerikaner nur von privaten Hochschulen gepflegt werden, denn Kirche und Staat sind hier seit je getrennt. Die Colleges der zahlreichen Religionsgemeinschaften kennzeichnen den Beginn der amerikanischen Hochschulgeschichte. Hochschulen rein wissenschaftlichen Charakters wurden erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vom Staat gegründet sowie von erfolgreichen Großunternehmern, die ihres Reichtums wegen von der religiös orientierten Öffentlichkeit bis zu einem gewissen Grad unabhängig waren. Erst jetzt wurde auch die Ausbildung der Juristen, Ärzte und Lehrer, die seit je im Zentrum der deutschen Universität stand, auch in den USA zu einer Sache der Hochschulen. So entstanden die research universities, die in staatlicher oder privater Trägerschaft bis heute nebeneinander existieren. Ungeachtet ihrer Trägerschaft stimmen private und öffentliche Hochschulen in Bildungsideen und institutionellen Strukturen heute weitgehend überein. Sie expandierten beide, wenn auch in unterschiedlichem Tempo. Betrug der Anteil der undergraduate students, die private Colleges besuchten, am Ende des 19. Jahrhunderts noch 80 Prozent, so macht er heute nur noch gut 20 Prozent aus. Zugenommen hat dagegen der Anteil der graduate students, die an privaten Hochschulen studieren. Er war ursprünglich sehr gering, dagegen ist heute fast jeder zweite graduate student an einer privaten Hochschule eingeschrieben.

Rumänien

In Rumänien gründeten die konkurrierenden Religionsgemeinschaften lange vor der Staatsgründung eigene Hochschulen. Die rumänisch-orthodoxe Kirche ließ die "Theologischen Institut" mit Universitätsrang entstehen. Die Jesuiten riefen drei katholische Hochschulen ins Leben und die protestantische Kirche eine. Nach 1990 errichteten Franziskaner und verschiedene neoprotestantische Religionsgemeinschaften eigene Hochschulen. Private Hochschulen außerhalb des kirchlichen Bereichs entstanden erst nach dem Ende der kommunistischen Diktatur. Sie waren eine Antwort auf die wachsende Nachfrage nach Bildung, der die staatlichen Hochschulen nur unzureichend nachkamen. Nachdem sich die öffentlichen Hochschulen dem wachsenden Bildungsinteresse nicht mehr verschlossen, nahm der Anteil der Studenten in privaten Hochschulen wieder ab.

Chile

In Chile wurden Kirche und Staat mit der nationalen Unabhängigkeit im Jahr 1818 getrennt. Der neue Staat ersetzte die königliche Universität der Kolonialzeit durch die nationale Universidad de Chile. Nichtstaatliche Hochschulen wurden zunächst von der katholischen Kirche gegründet, danach auch von Bürgern, die dem Freimaurertum nahe standen. Einen starken Anstoß erhielt die Expansion privater Hochschulen von der neoliberalen Hochschulpolitik unter der Pinochet-Diktatur in den 1980er Jahren. Private Hochschulen sollten nicht zuletzt ein politisches Gegenwicht zu den überkommenen bilden. Schon bald überforderte das stürmisch wachsende Bildungsinteresse die Aufnahmefähigkeit des unterfinanzierten öffentlichen Hochschulbereichs und ließ den privaten wachsen. Seitdem verläuft die Expansion des privaten und öffentlichen Hochschulbereichs parallel. Aber der Anteil der Studenten, die im öffentlichen Sektor studieren, übertrifft denjenigen im privaten deutlich.

Lehre und Forschung

Die privaten Hochschulen sind in den vier untersuchten Ländern im Durchschnitt bedeutend kleiner als die öffentlichen, aber das bedeutet nicht, dass sie anspruchsvoller wären und Elitecharakter hätten. In den USA sind die privaten research universities den öffentlichen im Rang gleich, in den übrigen Ländern sind die privaten Hochschulen den öffentlichen an Ansehen und wissenschaftlicher Produktivität beträchtlich unterlegen. Die Lehre ist an den privaten und öffentlichen Hochschulen überall wissenschaftlichen Charakters. Das verlangen die Akkreditierungsverfahren, die zwischen öffentlichen und privaten Hochschulen nicht unterscheiden. Diese Verfahren sind auch wirksam. Initiativen zur privaten Hochschulgründung scheitern vor allem, weil sie den Akkreditierungserfordernissen nicht genügen. Davon weicht nur das Hochschulwesen in Chile ab, wo Akkreditierungsverfahren erst noch faktisch durchgesetzt werden müssen. Forschung ist in Deutschland, Rumänien und Chile die Domäne der staatlichen Einrichtungen. In Deutschland verweisen nur etwa ein Drittel der untersuchten 100 privaten und kirchlichen Hochschulen auf ihren Web-Seiten auf eigene Forschung. In Rumänien wird an privaten Hochschulen nur selten geforscht, wie die Statistik wissenschaftlicher Publikationen und die der staatlichen Forschungsförderung zeigen. Im privaten Sektor des chilenischen Hochschulwesens wird so gut wie gar nicht geforscht, wie aus der Statistik über die Anzahl und Verteilung der Forschungsprojekte hervorgeht. In den USA findet die Forschung an Hochschulen fast ausschließlich an den research universities statt. In der wichtigsten Prestigeeinstufung der Spitzenforschungsuniversitäten wurden im Jahr 2005 196 Forschungsuniversitäten bewertet, davon waren 57 privat und 139 öffentlich. Die Form der Trägerschaft, so zeigt sich, ist in den USA für die Zugehörigkeit zur Leistungsspitze in der Forschung nicht bestimmend.

Was befördert die Entwicklung von Privathochschulen?

Möglich sind zwei alternative Erklärungen: Die Vertreter der einen führen die Durchsetzung der Marktwirtschaft an, die der anderen die Durchsetzung der Demokratie. Für die kapitalismustheoretische Erklärung spricht, dass private Universitäten in den USA besonders verbreitet sind und in Deutschland, in Chile, in Rumänien und in anderen europäischen Ländern unter den politischen Vorzeichen eines marktradikalen Neoliberalismus unterstützt wurden. Marktund betriebswirtschaftlich organisierte Hochschulen, so das neoliberale Credo, setzten sich durch, weil sie die Nachfrage nach Bildung flexibler und effizienter bedienten. Sie motivierten zu höherer Leistung und ersetzten die standesgemäße Alimentierung der Professoren durch leistungsgerechte Einkommen. Dass Studenten den Hochschulen als Kunden gegenübertreten, steigere sowohl ihre persönliche Leistung wie die Leistung ihrer Hochschule.

Gegen diese Erklärung und indirekt für die demokratietheoretische spricht, dass der privatwirtschaftliche Betrieb von Hochschulen in keinem der vier untersuchten Länder als vorbildlich gilt. Die profitorientierten Hochschulen stehen in den USA und in Chile am Fuß der Hochschulhierarchie, diejenigen, die an der Spitze stehen, sind dagegen gemeinnützigen Charakters. In Rumänien sind private Hochschulen mit marktwirtschaftlicher Orientierung nicht einmal zugelassen, und in Deutschland sind die privaten Hochschulen den öffentlichen in Forschung und Lehre ohnehin unterlegen. Mit der kapitalismustheoretischen Erklärung schwer vereinbar ist auch die Tatsache, dass die privaten Universitäten - wie die staatlichen auch - eine wissenschaftlich universalistische Bildung vermitteln müssen. Alternativen zu Forschung und Lehre, die sich an den öffentlichen Hochschulen entwickelt haben, sind im privaten Hochschulbereich nicht entstanden. Für die demokratietheoretische Erklärung lässt sich auch ins Feld führen, dass private Hochschulen mit der gesellschaftlichen Demokratisierung expandieren wie das beispielsweise in Deutschland und Rumänien der Fall war. Die USA mit ihrem starken privaten Hochschulwesen sind nicht nur das Land des Kapitalismus, sondern auch das der Demokratie. Nur in Chile waren die neoliberalen Tendenzen in der Hochschulentwicklung mit der Einführung einer Diktatur verbunden.

Der Aufsatz fasst einige Ergebnisse der folgenden Studien zusammen: Fernández Darraz, Enrique/Lenhardt, Gero/ Reisz, Robert D./Stock, Manfred (2009): Private Hochschulen in Chile, Deutschland, Rumänien und den USA. Struktur und Entwicklung. Hof- Arbeitsbericht. 3/2009. Institut für Hochschulforschung Wittenberg. Lenhardt, Gero/Reisz, Robert D./Stock, Manfred (2008): Amerikanische "Elitehochschulen" - selective colleges and major research universities. In: Zeitschrift für Erziehungswissenschaft 11, 4: 559-576.


Über die Autoren
Dr. Gero Lenhardt ist freier Mitarbeiter am Institut für Hochschulforschung an der Martin-Luther-Universität Halle/Wittenberg (HoF)
Dr. Robert D. Reisz ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am HoF
Dr. Manfred Stock ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am HoF und Privatdozent am Institut für Soziologie der Freien Universität Berlin.


Aus Forschung und Lehre :: Oktober 2009

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