Das Karriereportal für Wissenschaft & Forschung von In Kooperation mit DIE ZEIT Forschung und Lehre

Wedig von Heyden über Reformen von oben


Das Gespräch führte Martin Spiewak

Der langjährige Generalsekretär des Wissenschaftsrats über depressive Professoren und streikende Universitäten.

Wedig von Heyden über Reformen von oben: Generalsekretär streikende Universitäten© WissenschaftsratWedig von Heyden
DIE ZEIT: Sie waren sieben Jahre lang Generalsekretär des wichtigsten wissenschaftspolitischen Beratungsgremiums. Niemals zuvor wurde das Hochschulsystem so stark umgebaut wie in der Zeit seit 2002. Was haben Sie über die Erneuerungsbereitschaft der Universitäten gelernt?

WEDIG VON HEYDEN: Ich habe gelernt, dass die deutschen Hochschulen weniger reformunfähig sind, als ich ursprünglich befürchtet hatte. Ob es die Exzellenzinitiative ist, die Umstellung auf neue Studienabschlüsse oder die Einführung der Bezahlung nach Leistung: Seit den neunziger Jahren stehen die Hochschulen unter einem enormen Druck. Sie müssen sich viel mehr als früher um Drittmittel bemühen, sich der permanenten Überprüfung ihrer Leistungen stellen. Sie sind ständig außer Atem. Trotzdem haben sie sich bewegt, weil sie erkannt haben, dass sie nicht mehr so weitermachen konnten wie vorher.

ZEIT: Es wäre doch korrekter zu sagen: Sie wurden bewegt. Die von ihnen aufgezählten Neuerungen haben sich ja nicht die Professoren selbst ausgedacht.

VON HEYDEN: Das stimmt, die Reform der deutschen Universität ist weitgehend eine Reform von oben. Sie kam in der Regel aus der Politik, mitunter aus den Hochschulspitzen. Auch der Wissenschaftsrat hat seine Rolle gespielt. Dass aus der Professorenschaft relativ wenige Anstöße kamen, führe ich auf eine gewisse Resignation zurück. Wer Wissenschaftspolitik über Jahrzehnte nur als Sparpolitik erlebt hat, dem brennt sich ein Misstrauen ein. Da hat sich über Jahrzehnte eine depressive Mentalität breitgemacht, die der Umsetzung notwendiger Neuerungen nicht förderlich war. Seit Mitte der siebziger Jahre haben wir unseren Hochschulen immer mehr Stu dierende anvertraut, ohne sie entsprechend auszustatten. Angesichts dieses anhaltenden Skandals denken viele Professoren und Professorinnen: Wenn der Staat eine Idee hat, kann es nur schlimmer werden - und leider haben sie mitunter recht.

ZEIT: Inwiefern?

VON HEYDEN: Ich erinnere nur an die vielen Pakte - Innovationspakte, Zukunftspakte, wie sie alle hießen -, in denen die Bundesländer ihren Hochschulen Finanzsicherheit versprochen haben, wenn diese gleichzeitig Veränderungen einleiten. Am Ende indes mussten die Universitäten häufig doch wieder mit weniger Geld auskommen. Da ist viel Vertrauen verspielt worden.

ZEIT: Sehen Sie hier die Ursachen für den Widerstand gegen die Bologna-Reform, die Umstellung der Abschlüsse auf Bachelor und Master?

VON HEYDEN: Unter anderem. Es gibt jedoch gleichzeitig noch immer eine große Zahl Professoren, die einem Universitätsideal des 19. Jahrhunderts anhängen und sich nicht auf die Bedingungen der modernen Massenuniversität einlassen möchten. Sie betrachten alle Studierenden weiter in erster Linie als potenzielle Doktorandinnen oder Habilitanden. Doch von denen, die sich in einer Universität einschreiben, suchen bis zu 90 Prozent nach dem Examen einen Beruf außerhalb von Wissenschaft und Forschung. Sie wollen Ärztin oder Lehrer werden, Anwalt oder Ingenieurin. Viele Professoren weigern sich bis heute, sich auf diese Studierenden einzustellen.

ZEIT: Muss man die Bologna-Reform nicht als gescheitert betrachten? Der Widerstand wächst in fast allen Disziplinen. Der Hochschulverband, die Standesvertretung der Professoren, fordert ein Moratorium.

VON HEYDEN: Das sind verfehlte Grabgesänge. Der Bachelor kommt, die Reform ist irreversibel, und sie ist richtig. Davon bin ich nach den sieben Jahren fester überzeugt als zuvor. Denn sie zwingt die Universitäten endlich zur Studienreform, auf die wir seit Jahrzehnten warten. Schon 1918 hatte der damalige für die Universitäten zuständige Staatssekretär in Preußen darauf hingewiesen, dass die Universitäten die Ausbildung ihrer Studenten nicht ernst nehmen würden und stattdessen lieber ihren Forschungsinteressen nachgingen.


ZEIT: Und daran hat sich nichts geändert?

VON HEYDEN: In jedem Fall zu wenig. Betrachten Sie doch unsere Staatsexamensberufe. Unsere Lehrerausbildung bereitet noch immer nicht auf die Realität in den Schulen vor. Das Ziel des Jurastudiums ist noch immer das Richteramt, obwohl die meisten Jurastudenten diesen Beruf niemals ergreifen werden. Und nach wie vor stimmen sich die Professoren zu wenig über ihre Veranstaltungen ab, eine wesentliche Ursache für unsere zu langen Studienzeiten. Vor Kurzem sagte mir eine Professorin empört, sie sei an die Universität gekommen, um Wissenschaft zu betreiben und nicht Berufsausbildung. Dass die moderne Hochschule beides verbinden muss, hat sie wie viele ihrer Kollegen nicht verstanden.

ZEIT: Haben Sie den Widerstand gegen die Bologna- Reform unterschätzt?

VON HEYDEN: Vielleicht haben wir die Bereitschaft in den Hochschulen überschätzt, sich auf die Bedürfnisse der Studierenden einzustellen. In guten amerikanischen Universitäten setzen sich die Professoren jedes Jahr zusammen und fragen sich, wie sie das Lehrangebot aktualisieren können, angesichts der Entwicklungen in der Forschung und auf dem Arbeitsmarkt. Jeder Hochschullehrer muss seine Kurse und Seminare dort genehmigen lassen mit allen Prüfungsanforderungen und Lektürevorgaben. Von so einer dauerhaften Verbesserungsbereitschaft sind wir weit entfernt.

ZEIT: Der Staat war nicht sehr hilfreich, diesen Mentalitätswandel zu befördern.

VON HEYDEN: Das stimmt. Die neuen Studiengänge benötigen kleinere Lerngruppen und damit mehr Personal und zusätzliche Räume. Der Wissenschaftsrat hat speziell für diese bessere Betreuung mindestens 15 Prozent zusätzliche Mittel geordert. Doch die Politik hat den Hochschulen das Geld nicht gegeben. Hier liegt eine der Hauptursachen für die Schwierigkeiten der Bachelorreform. Aber ich will nicht pessimistisch klingen. Dass man mehr für die Lehre tun muss, ist heute in den Köpfen angekommen. Und es gibt viele Fakultäten, die die Chancen der Studienreform auf kreative und sinnvolle Weise nutzen. Selbst bei den Juristen scheint sich etwas zu verändern.

ZEIT: Sind Sie ähnlich optimistisch, was die besseren Chancen für den wissenschaftlichen Nachwuchs angeht?

VON HEYDEN: Auf der einen Seite werden durch die Exzellenzinitiative Tausende neue Stellen geschaffen, haben sich die Möglichkeiten, gut betreut zu promovieren, deutlich verbessert. Auf der anderen Seite fehlt es bis heute nach wie vor an verlässlichen Karriereoptionen. Die Juniorprofessur sollte jungen Wissenschaftlern eine größere Unabhängigkeit und mehr berufliche Sicherheit geben. Zurzeit jedoch steht sie nirgendwo mehr auf der Agenda. Es gibt einige Universitäten, die sie eingeführt haben. Die meisten Hochschulen jedoch sind beim alten System der Habilitation geblieben. Ich bin skeptisch, ob sich die Juniorprofessur flächendeckend durchsetzt.

ZEIT: War es ein Fehler, zu fordern, man müsse die Habilitation abschaffen?

VON HEYDEN: Vielleicht hat dies zu viel Widerstand provoziert. Viele deutsche Professoren hängen nun einmal an der Habilitation, auch wenn es sie im Ausland fast nirgendwo gibt. Zudem ist die Mentalität in deutschen Universitäten immer noch hierarchisch geprägt. Das sagen uns bis heute alle Wissenschaftler, die eine Zeit lang in den USA verbracht haben, wo junge wie erfahrene Professoren viel gleichberechtigter sind.

ZEIT: Wenn man Ihnen so zuhört: Eine positive Bilanz der Reformen sieht anders aus.

VON HEYDEN: Gut Ding will Weile haben. Zudem haben wir bislang nur von den Schwierigkeiten gesprochen, nicht von den großen Erfolgen. Die Exzellenzinitiative hat den Hochschulen fast zwei Milliarden Euro zusätzlich beschert. Um exzellente Forschungsbedingungen zu finden, muss man heute nicht mehr an ein Max-Planck-Institut gehen oder ins Ausland abwandern. Gleichzeitig hat der Wettbewerb in der Hochschullandschaft die überfällige Differenzierung der Universitäten eingeleitet. Die Fiktion, alle seien gleich, ist überwunden, und unsere besten Universitäten sind weltweit wieder sichtbar.

ZEIT: Neun sogenannte Elitehochschulen haben wir jetzt, bei der nächsten Runde des Wettbewerbs werden eventuell weitere hinzukommen. Wie viele haben tatsächlich die Chance, zu den Besten der Welt aufzuschließen?

VON HEYDEN: Eine konkrete Zahl kann ich nicht nennen, aber man wird sie an einer Hand abzählen können. Zu mehr wird schon das Geld nicht reichen. Dabei bin ich insgesamt auch an diesem Punkt gemäßigt optimistisch. Bildung und Wissenschaft haben in den vergangenen Jahren stark an politischem Gewicht gewonnen. Auch wenn die Taten der Politik noch nicht auf der Höhe der Reden sind: Das Thema wird auf der Tagesordnung bleiben. Was für die Saudis das Öl ist, sind für uns Bildung, Wissenschaft und Forschung. Diese Botschaft ist angekommen.

ZEIT: Müsste die Wissenschaft ihre Interessen nicht lautstärker vertreten?

VON HEYDEN: Da haben Sie recht. Nur wie soll sie das tun? Darüber habe ich oft nachgedacht. Vor dem Bildungsgipfel im vergangenen Herbst haben wir überlegt, ob wir mit allen Wis senschafts organisationen eine gemeinsame Pressekonfe renz machen sollen. Wir haben es gelassen, weil die öffentliche Wirkung nicht groß gewesen wäre.

ZEIT: Und wenn alle Professoren und Studenten symbolisch in den Streik treten und den Wissenschaftsbetrieb für eine Zeit lang ruhen lassen?

VON HEYDEN: Wen soll das beeindrucken? Wenn die Müllabfuhr streikt oder die Ärzte nicht arbeiten, merkt das der Bürger. Doch interessiert es jemand, wenn eine Germanistin ihr Seminar oder ein Juraprofessor seine Vorlesung unterbricht? Ich bezweifle das.

ZEIT: Was wünschen Sie sich für die Zukunft?

VON HEYDEN: Dass Politik und Hochschulen der Lehre eine deutlich höhere Priorität einräumen. Zudem wünsche ich mir, dass die Universitäten nicht nur zu den Organisationszentren der Wissenschaft werden, sondern auch zum Mittelpunkt gesellschaftlicher und politischer Debatten über die Zukunft unseres Landes. Irgendwann müssen sie ja aufhören, über die eigenen Probleme zu reden, und sich anderen Themen zuwenden. Der eine oder andere Professor macht das gewiss, die Universität als Ganzes viel zu wenig.

Der Mensch und seine Idee
Mehr als 35 Jahre gestaltete Wedig von Heyden das deutsche Wissenschaftssystem mit - erst im Bundesforschungsministerium, zuletzt als Generalsekretär des einflussreichen Wissenschaftsrates. Nun geht der 65-jährige Jurist in den Ruhestand. Von Heyden verstand sich stets als Diener der Hochschulen. Dabei hatte er immer alle ihre Mitglieder im Blick: die Professoren mit ihrem Wunsch nach exzellenten Forschungsbedingungen ebenso wie die Studenten und ihr Recht auf eine gute Ausbildung.

Aus DIE ZEIT :: 05.02.2009

Ausgewählte Artikel