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Weiterbauen an Bologna - ein Plädoyer

Von Harro Müller-Michaels

Die Bologna-Reform ist auch nach Auffassung vieler ihrer Befürworter in eine Sackgasse geraten. Kann es überhaupt so wie bisher weitergehen? Wenn ja,welche Wege bieten sich an? Ein Vorschlag.

Weiterbauen an Bologna - ein Plädoyer© Andrew Lilley - iStockphoto.com
Zu den zahlreichen Gedenktagen des Jahres 2009 ist am 1. Dezember ein wichtiges Datum der Bildungsreform hinzugekommen: Es ist der Tag, an dem Wilhelm von Humboldt 1809 seinen "Bericht der Sektion des Kultus und des Unterrichts an den König" schickte. Das Gutachten enthält Befunde über den Zustand der Schulen und Hochschulen in Preußen sowie Vorschläge für die Neuordnung des gesamten Bildungswesens von den Elementarschulen bis zu den Universitäten. Die "einfachen Grundsätze" seiner Evaluationen bieten bis heute Anregungen für die Debatten über Studienstruktur, Inhalte von Lehre und Prüfungen sowie von gestuften Graduierungen.

Am Schnittpunkt zwischen Unterricht und Studium steht als notwendige Bedingung die Allgemeine Bildung, die von Humboldt in seinem Bericht klar definiert wird: Es komme nicht darauf an, "dass dieses oder jenes gelernt, sondern in dem Lernen das Gedächtnis geübt, der Verstand geschärft, das Urtheil berichtigt, das sittliche Gefühl verfeinert werde." Heute würden wir eher von Erwerb von Kenntnissen, methodischen Kompetenzen, Urteilsfähigkeit und Verantwortung als Kernelementen einer Allgemeinbildung sprechen, aber immer noch Bildung als vielseitige Orientierung im Denken und Urteilen verstehen. Die Empfehlung Humboldts bestand nun darin, die Allgemeinbildung als Voraussetzung jedes Studiums aus der Universität in die Oberstufe des Gymnasiums zu verlagern und die "Hochschulreife" durch das Abitur zu prüfen (Edikt von 1812). Der Erfolg dieses Modells einer klaren Differenzierung von allgemeiner und wissenschaftlicher Bildung war 200 Jahre lang unbestreitbar; Reformgegner preisen es bis heute.

Unter den Bedingungen der Qualifizierung einer wesentlich größeren Zahl von jungen Menschen durch eine Hochschulbildung aber lässt sich diese klare Aufgabenteilung nur noch eingeschränkt aufrechterhalten:

- Nicht mehr 5, sondern knapp 40 Prozent eines Jahrgangs (in einzelnen Städten sogar über 50 Prozent) erwerben die Berechtigung für ein Hochschulstudium.
- Gleichzeitig wird bundesweit die Schulzeit von 13 auf 12 Jahre verkürzt.
- Breite Forschungsaktivitäten generieren immer neues Wissen und fordern erweiterte Kompetenzen für ihre Aneignung und Weiterentwicklung.


Um die wesentlich größere Zahl an Studienanfängern in den Hochschulen, ihre geringeren wissenschaftspropädeutischen Kompetenzen und die höheren Ansprüche an das Studium zu sichern, müssen die Universitäten wieder selbst das Fundament für die Bildung durch die Wissenschaften schaffen. Nicht dass sie, wie in den meisten Colleges, das Fächerspektrum des Gymnasiums weiterführen sollten, sondern vielmehr, der Tradition der europäischen Universitäten folgend, das Allgemein-Bildende der Fachkulturen vermittelt, wie z.B. Erklären vs. Verstehen, Denken in Modellen, Bruch mit der Lebenswelt, methodische Konsequenz, Experimente, Trennung von Tatsachen- und Wertaussagen, Ethik der Forschung.

In der jüngeren Geschichte der deutschen Universitäten gibt es hinreichende Erfahrungen mit einer allgemeinen Bildung in den Fachkulturen vor den Spezialisierungen: Studium generale, Philosophikum, Physikum, Vordiplom etc. In den ersten zwei Jahren des Bachelor-Studiums müssen diese Elemente akademischer Bildung systematisch vermittelt werden. Konsequente Propädeutik wird zur Bedingung erfolgreichen Studiums in den gewählten Wissenschaften. Damit gewinnt die Lehre an den Hochschulen ihre dritte Aufgabe zurück:

- fundamentale Bildung,
- Teilhabe an der Forschung,
- Ausbildung für den Beruf.

Eine zweckfreie Forschung gegen die Berufsausbildung auszuspielen, wie es im Feuilleton gegenwärtig üblich geworden ist, wird der differenzierten Aufgabe der Universitäten nicht gerecht. Wiederum Humboldt war es, der die Philosophische Fakultät (als Verbund der artes liberales) von einer niederen zur vierten höheren Fakultät (neben Theologie, Jura und Medizin) erhoben hat, indem er ihr die Aufgabe der Lehrerausbildung zugewiesen hat (Edikt von 1810). Jeder Akademiker hat einen Beruf, auf den ihn der Umgang mit den Wissenschaften vorbereitet hat.

Zugespitzt lässt sich behaupten, dass wissenschaftliche Ausbildung immer auch Qualifizierung für einen Beruf bedeuten muss, will sie nicht inkomplett bleiben. Konsequenter als die Universitäten Europas haben die US-Amerikas diese Funktionsdifferenzierung, ebenfalls im Anschluss an das zur Zeit der Aufklärung geltende "triennium academicum" (Herder), ausgebaut: general, graduate, professional education. Dabei werden die Aufgaben drei verschiedenen Institutionen zugewiesen: Colleges, Graduate and Professional Schools. Die meisten Probleme, die deutsche Universitäten nach "Bologna" haben, hängen damit zusammen, dass sie alle drei Aufgaben wissenschaftlicher Bildung nach wie vor in einer Institution in einem dreijährigen Studium zu realisieren versuchen. Wenn man etwa die Propädeutik mit der Bildung durch Wissenschaft und Forschung nach dem zweiten Studienjahr gleichsetzt, darf man sich über die unangemessenen Modularisierungen nicht wundern.

Um die Reform der Studiengänge, wie wir sie in Bochum lange vor Bologna eingeleitet haben, weiterzuentwickeln, bedarf es weniger, als der vielstimmig geforderte Rückbau der Reformen kosten würde.


1. Nachdem das 13. Schuljahr in allen Bundesländern gestrichen ist, entfällt das Argument, mit dem wir in den neunziger Jahren den dreijährigen Bachelor vor allem gegenüber Universitäten in Großbritannien und USA verteidigt haben. Das "College-Studium" sollte nunmehr im Regelfall auf vier Jahre erhöht werden, wobei schnellere Durchläufe von hochmotivierten Studierenden möglich bleiben müssen. Qualifiziertes Personal, zumindest für die ersten beiden Jahre, stünde mit den durch wissenschaftliche Arbeiten (in der Regel Dissertation) ausgewiesenen Lehrern der 13. Klassen bereits zur Verfügung.

2. Langzeitstudiengänge (Staatsexamen, Magister, Diplom) stehen nach wie vor nur einer Auswahl von Studierenden offen. Nach einer Statistik der OECD streben nur 11-12 Prozent einer Altersgruppe weltweit nach Abschlüssen der Langzeitstudiengänge. Der Regelabschluss für Akademiker sollte daher auch in Deutschland der Bachelor werden. Die Quote der Akademiker zu erhöhen, kann also nur bedeuten, die Zahl der Abschlüsse nach dem ersten Studienabschnitt (Bachelor) zu vergrößern. Nur ein kleiner Teil der Akademiker muss für die Lösung aktueller Probleme seines Berufs Forschungsmethoden anwenden können; nur sie brauchen den zweiten Abschluss (Master etc.).

3. Da der Staat wie im Fall der Staatsexamen schon lange eine Vorreiterrolle bei Qualifikationsanforderungen, Einstellungen und Besoldungen spielt, muss er nunmehr auch ein attraktives Angebot für Absolventen der BA/BS/BEd-Studierenden machen.

4. Nach der zweiten Stufe der Exzellenzinitiative sollte endlich die Ausschreibung einer "Exzellenz der Lehre" mit ebenfalls zwei Milliarden Euro erfolgen. Gefördert werden könnten dann zehn Hochschulen für die Profilierung des Bachelor-Studiums, das die Grundgedanken Humboldts mit den weltweiten Standards wissenschaftlicher Bildung und den Anforderungen der Welt des 21. Jahrhunderts an akademische Qualifikationen sowie bürgerschaftliches Engagement verbindet. Mit den Erfahrungen aus den Modellversuchen, auch den Einzelförderungen etwa des Stifterverbandes für die Wissenschaften, geht die Diskussion über die beste Studienreform weiter - ganz im Sinne Humboldts, der 1810 über die "Organisation der wissenschaftlichen Anstalten in Berlin" schrieb: Alles beruhe darauf, "die Wissenschaft als etwas noch nicht ganz Gefundenes und nie ganz Aufzufindendes zu betrachten und unablässig sie als solche zu suchen". Bauen wir also weiter an der "inneren und äußeren Organisation" der Universitäten im Geiste ihrer Erneuerer.


Über den Autor
Harro Müller-Michaels ist Professor em. für Germanistik und hat im Rektorat 1996 - 2000 maßgeblich an der Reform der Studiengänge an der Ruhr-Universität Bochum, lange vor dem Bologna-Beschluss, mitgewirkt.


Aus Forschung und Lehre :: Januar 2010

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