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Wer ist schuld daran?

Von Sebastian Litta

Julian Nida-Rümelin, Professor für Philosophie und ehemaliger Kulturstaatsminister, hatte vor zwei Wochen in der ZEIT zur Einigung im Bologna-Streit aufgerufen. Eine Erwiderung.

Wer ist schuld daran? Zur Tragik des Bologna-Prozesses© Randy Gibson - iStockphoto.com
Professor Julian Nida-Rümelin reiht sich mit seinem Artikel» in die lange Liste der Bologna-Wortmeldungen ein. Neu ist, dass er Vorschläge macht, die angeblich die Gräben zwischen Befürwortern und Kritikern überbrücken sollen. Tatsächlich plädiert er aber für eine Rückkehr zu alten Strukturen, statt einen wirklichen Schritt nach vorn aufzuzeigen. Seine Beobachtungen und Schlussfolgerungen illustrieren die vielen Gründe, warum Bologna in Deutschland zu scheitern droht. Sechs Beispiele aus seinem Text verdeutlichen die Tragik des Bologna-Prozesses, den jeder anders gewollt hat, der dann aber genau so gekommen ist, wie ihn niemand wollte:

1. Suche nach einem Sündenbock:

Nida-Rümelin schreibt über den Bologna-Prozess: »Er atmete den Geist von McKinsey und nicht den von Humboldt. « Kann es denn nicht sein, dass Professoren, Präsidenten und Studierende sich selbst eine Bologna-Suppe eingebrockt haben? Nida-Rümelin spricht über »fantasielose, hochgradig verschulte Studiengänge«. Wer hat diese denn eingerichtet? Doch die Fakultätskommissionen selbst, nicht die Ministerien und nicht irgendwelche Beratungsfirmen.

2. Falsch verstandene Beschwörung der Vergangenheit:

Der Geist von Humboldt ist der Geist einer Universität, die nur einer sehr kleinen, elitären Schicht offenstand. Reden wir über Hochschulbildung im 21. Jahrhundert, kann die ewige Humboldt-Nostalgie nur bedingt weiterhelfen.

3. Sich über Regeln von außen beschweren und gleichzeitig immer mehr Regeln einfordern:

Der Ruf nach europaweiten Vereinbarungen als einzige Lösung der Mobilitätsfrage ist falsch. Stattdessen sollten und können das die Prüfungsausschüsse der einzelnen Universitäten machen. Fragt man aber Prof. Otto Normalordinarius, ob sein Student, der ein Semester an der Uni von Kleinkleckersdorf verbracht hat, zwei Seminare anerkannt bekommen könnte, heißt es leider viel zu oft: »Nein, von dieser Uni erkenne ich nichts an« oder »Nein, Sie haben ja in der Vorlesung dort gar nicht mein Spezialthema XYZ behandelt«. Dafür brauchen wir keine europaweiten Regelungen. Das Mobilitätsproblem kann und soll jede Hochschule selbst lösen.

4. Bologna durch die Hintertür zur Farce machen:

Der Aufruf, den Bachelor vierjährig zu gestalten, ist zu begrüßen, wobei es aber unter anderem die deutschen Professoren waren, die sagten, dass drei Jahre ausreichen würden, da das deutsche Abitur doch mindestens so anspruchsvoll sei wie ein amerikanisches College. Nida- Rümelins Idee, damit das »Niveau der alten Diplom- und Magisterstudiengänge weitgehend« wiederherzustellen, ist nun aber schon fast ironisch. So wird kein Graben überbrückt, sondern eine konservative Abwicklung der Bologna- Reformen vorbereitet. Ein Bachelorstudiengang ist etwas anderes als ein kurzer oder besser strukturierter Magisterstudiengang!


5. Einseitige Bewertung der Berufsfähigkeit:

Die Behauptung, dass die Bachelorabsolventen »ihre Karriere als schlecht verdienende Halbkönner starten«, wird nicht mit Beweisen belegt. Worauf bezieht sich das »halb«? Auf den Vergleich zu den Abbrechern, die etwa in Philosophie-Magisterstudiengängen teilweise 60 Prozent ausmachen? Auch in den von Nida-Rümelin so gelobten USA verdienen Bachelorabsolventen deutlich weniger als Masterabsolventen, schließlich sind sie oft erst 22 Jahre alt. Wie viel verdient der deutsche Geschichts-Magisterstudent mit 22? Vielleicht 4000 Euro im Jahr als studentische Hilfskraft? Wie viel mehr Können hat er? Im Zweifelsfall weniger als ein Bachelorabsolvent, der bereits eine Abschlussarbeit geschrieben und mehrere Praktika absolviert hat. Letztlich fehlen uns eindeutige Zahlen. Es bringt aber nichts, Magisteräpfel mit Bachelorbirnen zu vergleichen.

6. Einfordern ist leichter als selber machen:

Die angemahnte »Rückbesinnung auf die Bildungsorientierung eines Studiums« klingt gut, ist aber letztlich eine Frage, die die deutschen Professoren schon jetzt selbst entscheiden können. Die privaten Hochschulen in Deutschland machen das seit Langem, auch öffentliche Universitäten gehen diesen Weg, etwa die Leuphana Universität, die mit diesem Konzept sehr erfolgreich Studenten aus ganz Deutschland anzieht. Andererseits greift diese Debatte zu kurz, da unser Bildungs- und Wirtschaftssystem nicht mal eben schnell, wie von Nida-Rümelin gefordert, auf die Ausbildung von Generalisten umgestellt werden kann. Wir brauchen in Deutschland auch weiter eine Balance aus Spezialistentum und generalistischen Fähigkeiten.

Professor Nida-Rümelin wird viel Zuspruch erhalten, da verschiedene Zielgruppen sich hier und da wiederfinden werden. Doch seine Thesen ergeben kein kohärentes Gesamtbild, sie machen keine Vorschläge, wie ein deutsches Hochschulsystem für das 21. Jahrhundert aussehen könnte, das sowohl exzellente Lehre und Forschung gewährleistet, es aber auch schafft, 40 Prozent eines Jahrgangs nicht nur an die Hochschulen zu bringen, sondern sie ein Studium abschließen zu lassen. Ein System, das weltweit geachtete Ingenieure hervorbringt, solide ausgebildete Geisteswissenschaftler, zugleich aber auch endlich türkischen und vietnamesischen Arbeiterkindern die gleichen Chancen auf Bildung gibt wie dem Professorensohn. Wenn wir uns weiterhin nur Rosinen herauspicken wollen, erhalten wir genau das, was wir jetzt haben: das Schlechteste aus dem alten System und dazu noch einmal schlecht umgesetzte Bachelorreformen. Einige Hochschulpräsidenten und Professoren haben längst erkannt, dass sie mit Bologna eine Chance haben, ihre Hochschule nach vorn zu bringen. Die Politik sollte diese Initiativen durch kluge Anreize fördern, nicht auf konservative Kompromisse hören.


Über den Autor
Sebastian Litta ist McCloy-Stipendiat und Student an der Kennedy School of Government in Harvard. Er hat für Mckinsey und die Leuphana Universität gearbeitet.


Aus DIE ZEIT :: 12.11.2009

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