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Wie deutsche und englische Universitäten voneinander lernen können

Von Sandra Richter

Britische Universitäten gelten in Deutschland als Maßstab aller Reformen. Das ist unsinnig.

Wie deutsche und englische Universitäten voneinander lernen können© herry - stock.xchng
Wenn die englische Philosophiestudentin Kate, 23, Deutschen ihr akademisches Traumziel erklärt, erntet sie verständnislose Blicke: "Wie, Deutschland?" - "Ja, Deutschland." Kates Wunsch klingt paradox. Wollen doch übereifrige Bildungsreformer in Deutschland einführen, was sie für das vorbildliche und effiziente Universitätssystem halten: das angloamerikanische. Doch seit ihrem Auslandsjahr sehnt sich Kate nach diesem eigenartigen Land, in dem man sich selbst im Denken orientieren muss. Sie will dort promovieren, sich gründlich und in aller Ruhe mit komplizierten Gedanken über den Untergang der Zivilisation befassen, mit Karl Poppers Attacken gegen totalitaristische Philosophien ebenso wie mit aktuellen Positionen zum viel beschworenen "Kampf der Kulturen".

Tatsächlich ist das Vereinigte Königreich das falsche Vorbild für Deutschlands Reformen. Seinen Universitäten geht es nicht besser als unseren: Großbritanniens Unis haben sich zu Ausbildungsfabriken entwickelt. Mit der Campus-Idylle hinter den efeuumrankten Mauern von Oxbridge teilen sie nicht mehr als die Kulisse. Den Takt der akademischen Maschine geben seit der Thatcher-Ära und verstärkt durch die Labour-Regierung drei Trends vor: erstens die wachsende Unterfinanzierung der Universitäten, zweitens das Pampering ("Windeln") der "Kunden", also der Gebühren zahlenden Studenten, die den Unis aus der finanziellen Misere helfen sollen, und drittens die bürokratische Qualitätskontrolle ihres Personals, micromanagement genannt. Großbritannien verscherbelt sein akademisches Tafelsilber, um sich auf den ersten Plätzen des akademischen Weltmarktes zu positionieren. Wir gehören zu den gutgläubigen Abnehmern auf dem Ramschmarkt für akademisches Prestige.

Das Gesundsparen der Thatcher-Ära geht weiter

Doch werden die britischen Universitäten wie die deutschen vor allem durch staatliche Zuwendungen finanziert, und sie ächzen unter Schuldenbergen. Obwohl die britischen Unis ihre Ausgaben erheblich abgespeckt haben, hält das in der Thatcher-Ära der achtziger Jahre begonnene Gesundsparen an. Wie ihre deutschen Kollegen schneiden britische Uni-Manager ihre ehrgeizigen akademischen Pläne deshalb auf die Interessen verschiedener Geldgeber zu: Sie werben mit eigenen Veranstaltungen für Spenden der Alumni, vermieten Hörsäle und Seminarräume, jagen nach Drittmitteln und Studiengebühren.

Das hochfliegende Ziel der britischen Regierung, 50 Prozent eines Jahrgangs mit einem Hochschulstudium zu beglücken, vergrößert das Jagdrevier erheblich: Studentenzahlen und Studiengebühren steigen schneller als in Deutschland. Zahlten europäische Studierende vor wenigen Jahren noch 1000 Euro für einen Bachelor, sind es jetzt schon über 4000. Overseas students, Asiaten und Amerikaner, müssen sogar mehr als den dreifachen Betrag hinblättern - und werden deshalb, die Eignung für das Studium vorausgesetzt, bevorzugt aufgenommen.

Außerdem dehnen britische Unis wie die deutschen ihr akademisches Jagdrevier durch neue Master- und Promotionsprogramme aus. Anders als in Deutschland zählt dabei aber vor allem ein Kriterium: die Vermarktbarkeit. Pra xisorien tier te Programme wie Asian oder European studies gehören zu den Rennern auf dem Markt der akademischen Angebote. Sie prägen eine schnelllebige Wissenschaftslandschaft, in der Wissen schnell veraltet.

Aus der hart arbeitenden Studierendenelite sind Kunden geworden, die neue Produkte und umfassenden Service einkaufen wollen. In bester Pampering-Manier werden die Kunden dabei vom Schnupperkurs bis zum Examen umsorgt.

Verschulung heißt die Devise - wie in Deutschland seit der Einführung der Bachelor- und Masterstudiengänge. Dem Zufall überlässt man nichts: Die meisten Kurse stehen schon seit Jahrzehnten "in den Büchern", sind an zahlreichen Studentengenerationen erprobt. Essaythemen werden vorgegeben, Examina geübt. Ein verschultes System wie dieses gewährleistet, dass keiner durchfällt - und fördert den akademischen Durchschnitt.
Das Ergebnis ist ein stromlinienförmiger Pragmatismus: Der Bachelor dient der Karriere im nichtakademischen Bereich. Ein historischer Grund für diesen Pragmatismus liegt darin, dass "Bildung" in England ein Fremdwort ist. Zudem zählen vor allem die Institution und ihre Tradition; das Individuum hat in diesem Rahmen zu funktionieren. Eigeninitiative und forschungsnahes Lernen gehören zwar dazu, werden aber nur selten gefördert: etwa durch die wöchentliche einstündige Einzelbetreuung (tutorial), wie sie in Oxbridge noch üblich, aber mittlerweile umstritten ist.

Pampering und Konsummentalität gefährden die Zukunftspläne nicht nur der britischen Unis. Denn diese stehen bereits jetzt vor den Problemen, die auf uns noch zukommen: Wie lassen sich Studierende dazu motivieren, sich über den Bachelor hinaus für einen Master oder gar einen Ph.D. (Doktorgrad) anzustrengen? Und wie sollen sie das bezahlen? Wer viel Geld für einen Bachelortitel ausgegeben hat, überlegt sich, ob er noch einmal und noch mehr in einen akademischen Grad investieren soll, der ihm - ein Master in Wirtschaft oder Recht ausgenommen - nur in der akademischen Welt weiterhilft.

Fragen wie diese beschäftigen das britische Lehrpersonal, sofern es dazu noch Zeit findet: Das Bild vom britischen scholar, der halb Gentleman, halb Gelehrter ist, gehört der Vergangenheit an. Wie deutsche Wissenschaftler sind die britischen Lehrer Administratoren, Gutachter, Projektmanager und Publizisten in einer Person. Ihre Leistungen werden sorgsam und jährlich inneruniversitär kontrolliert. Gehalt und Position richten sich nach dem Ergebnis der Evaluation von Forschungs-, Lehr- und Verwaltungsleistungen.

Alle acht Jahre kommen die staatlich geleiteten Evaluationen von Forschung und Lehre (research beziehungsweise teaching assessment exercises) hinzu. Sie sind anders angelegt als die Begutachtungen im Rahmen der deutschen Exzellenzinitiative: Die exercises erstrecken sich auf alle britischen Institute, werden mit einem riesigen Aufwand an Zeit und Geld betrieben und verteilen nach einem Notenschlüssel erhebliche Summen öffentlicher Gelder. Zwar gewährleisten diese Übungen die Sichtbarkeit des leistungsstarken akademischen Nachwuchses und sorgen für Dynamik in der Weiterentwicklung von Forschung und Lehre, aber zugleich wächst die Kritik: Die exercises steuern Wissenschaft von oben, binden personelle Ressourcen und führen zu wissenschaftsfremden Sonderkonjunkturen, was Tagungen, Publikationen und Studienprogramme betrifft.

Deutsche und Engländer können voneinander lernen!

In internationalen Rankings hat das marktförmige englische System zwar aktuell die Nase vorn, aber eine kräftige Dosis Humboldt täte ihm gut. Umgekehrt kann das deutsche Uni-Wesen nur genesen, wenn es den Marktwert Humboldts neu bestimmt: Die Studierenden der Gegenwart sind vernetztes Denken im digitalen Nirwana gewöhnt - beste Voraussetzungen für eigenständige Experimente im Bereich von Natur, Technik und Geist!

Wir müssen voneinander lernen! Das beste aller Hochschulsysteme liegt irgendwo zwischen den Britischen Inseln und dem Kontinent, in einer gemeinsamen europäischen Zukunft: Anders als Deutsch lands Massenuniversitäten zeichnen sich die britischen noch durch kleine Kurse, flache Hierarchien und Schwundformen einer debattenfreudigen Kultur aus. Die Stärken deutscher Unis liegen im Zusammenspiel von Forschung und Lehre; sie heißen Bildung und Eigeninitiative - Werte, die aktuell leider nicht hoch im Kurs stehen, weil sie sich nicht herbeiregulieren lassen. Um sie nicht endgültig wegzureformieren, sollten wir von allzu perfektionistischen Evaluierungen Abstand nehmen, unsere Universitäten entschulen und die Eigenständigkeit der Fachhochschulen ebenso wie der Ausbildungs berufe fördern. Erst wenn wir die Stärken unseres viel gescholtenen Systems im Sinne einer europäischen Hochschulvision weiterentwickeln, hätten wir eine Chance, unser akademisches Tafelsilber für den globalen Wettbewerb um Wissen aufzupolieren.

Über die Autorin
Sandra Richter, 34, Professorin für Neuere Deutsche Literatur an der Universität Stuttgart, war bis 2007 Professor of German am King's College in London

Aus DIE ZEIT :: 19.06.2008

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