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Wie funktioniert das "Leitmedium" Geld?

Von Jochen Hörisch

Die aktuelle Finanzkrise, die von der Finanzierung amerikanischer Immobilien ihren Ausgang nahm, hat Folgen für Politik, Wirtschaft und Gesellschaft auf der ganzen Welt. Geld hat sich abermals als ein "Leitmedium", dem keiner entrinnen kann, erwiesen.Warum ist das so? Was bedeutet das im Vergleich mit anderen Leitmedien?

Wie funktioniert das "Leitmedium" Geld?© H-Gall - iStockphoto.com
Es gibt Redewendungen, die durch inflationären Gebrauch entwertet sind und dennoch ihre Gültigkeit behalten. Der knappe Spruch "Geld regiert die Welt" gehört zweifellos dazu. Das macht die aktuelle Banken- und Finanzsystemkrise überdeutlich. Ihr kann sich kaum jemand entziehen. Denn Geld ist für fast alle Menschen und Institutionen (inclusive kapitalismuskritischer Organisationen wie attac) weltweit ein nicht vermeidbares Medium. Geld ist wie sein liebstes Reimwort 'Welt', um systemtheoretisch zu formulieren, wohl kritisierbar, aber nicht negierbar.

Man kann und sollte die gebrechliche Einrichtung der Welt kritisieren und sich die Welt schöner wünschen als sie ist; wegdenken und negieren kann man sie nicht. Man kann (hochplausibel) die Köpfe schütteln über all die neoliberalen Theoretiker und Praktiker, Manager und Banker, Publizisten und Politiker, die sich nicht zum ersten Mal mit ihrem fundamentalistischen Glauben an die reine Macht des Marktes, der alles so herrlich regieret, unsterblich blamiert haben; das Problem des weltweiten Vertrauensverlustes in das Banken- und Finanzsystem ist damit nicht gelöst. Auf das Geld, dessen man sich nicht mehr so sicher sein kann wie zuvor, sind "alle" (wenn auch in unterschiedlichen Graden und Kontexten) trotz dieser Unsicherheit, also trotz des massiven Kreditverlustes, den das Medium Geld selbst erlitten hat, weiterhin angewiesen. Denn Geld fungiert weltweit als ein nicht negierbares Leitmedium.

Der Begriff 'Leitmedium' ist ebenso verbreitet wie definitorisch ungeklärt. Leitmedium als Massenmedium Aus medienhistorischer Perspektive wird häufig etwa so argumentiert, dass das Buch das Leitmedium der Neuzeit gewesen sei, während es dann im modernen neunzehnten Jahrhundert von Zeitungen und Zeitschriften und im zwanzigsten Jahrhundert von Radio, Fernsehen und Internet aus dieser Schlüsselposition verdrängt worden sei. Man findet aber auch Begriffsbestimmungen wie die, dass Leitmedien dann gegeben sind, wenn es ihnen gelingt, agenda-setting zu betreiben, also die Themen festzulegen, über die "alle" reden. Zumindest alle, die sich in einer bestimmten Sphäre bewegen. Solche Definitionsversuche sind wenig erhellend und hilfreich. Dagegen bietet sich eine strenge Definition des Begriffs 'Leitmedium' an.

Als Leitmedium soll im Folgenden schlicht das Massenmedium bezeichnet werden, das zu einer bestimmten Zeit (häufig auch in einer lang andauernden Epoche) in einem bestimmten Raum (das können mehrere Großräume zugleich sein) teilnahmepflichtig bzw. nur um den Preis scharfer Sanktionen vermeidbar ist. Das lässt sich schnell illustrieren. Man muss heute in Ländern wie Deutschland kein Opern- oder Tageszeitungsabonnement haben, man ist auch nicht verpflichtet, den Spiegel zu lesen oder regelmäßig CNN zu sehen.

Aber es herrscht in Deutschland und vielen anderen westlichen Ländern seit gut zweihundert Jahren Schulpflicht. Was nichts anderes heißt als dies: Eltern gehen für sich und ihre Kinder erhebliche Risiken ein, sie setzen sich weitreichenden Sanktionen aus, wenn sie ihre Kinder nicht in Schulen alphabetisieren lassen. Schrift und Druck überhaupt sind insofern (noch) ein Leitmedium u.a. in der westlichen Welt um das Jahr 2000. Wer erwachsen, aber illiterat ist, wird keinen Zugang zu den Sphären und Funktionssystemen finden, die eigentlich zählen. Ob alphabetisierte Köpfe viel oder wenig lesen und was sie lesen, ist eine zweitrangige Frage. Denn Lektüren sind heute weitgehend freigestellt. Man kann, muss aber nicht die Bibel, Goethes Werke, Heideggers Tiefsinn oder Donald Ducks Abenteuer zur Kenntnis nehmen. Wer sich jedoch dem Leitmedium Schrift und Druck verschließt bzw. wer von ihm als Analphabet ausgeschlossen ist, erfährt in bestimmten Epochen und Großräumen tatsächlich eine Exkommunikation.

Das Abendmahl als Leitmedium

Um schematisch weiter zu illustrieren: Man kann Geld kritisieren, man kann es aus links- oder rechtskonservativen Gründen für ein Teufelswerk halten und verfluchen, man kann dieses Leitmedium jedoch nicht bzw. nur um den Preis größter Selbstbeschädigungen vermeiden. Ob man viel oder wenig Geld hat, wofür man sein Geld ausgibt, ob Dollars oder Euros besser zur Weltleitwährung taugen - all dies sind nachgeordnete Fragestellungen.

Als Leitmedium des vorneuzeitlichen christlichen Abendlandes kann - drittes und ebenfalls nichtbeliebiges Beispiel - schließlich das Abendmahl bzw. die Eucharistie gelten. Dieses zentrale Sakrament des Christentums war über lange Zeiträume hinweg teilnahmepflichtig; wer, aus welchen Gründen auch immer, von ihm ausgeschlossen wurde, erlitt gravierende Nachteile, die schon zu Zeiten, die stark religiös geprägt waren, unter einem aufschlussreichen medientechnischen Begriff rubriziert wurden: Exkommunikation bedeutete Verlust des Seelenheils und, um zurückhaltend zu formulieren, handgreifliche irdische Probleme zuhauf.

Womit das Präfix 'Leit-' im Begriff 'Leitmedium' zügig geklärt wäre. Um Medien, um Massenmedien handelt es sich beim Abendmahl, beim Geld und bei der durch Drucktechnologie verbreiteten Schrift, weil sie alle, also nicht nur triviale Kriterien dafür erfüllen, was anspruchsvoll unter 'Medien' zu verstehen ist. Die genannten Leitmedien sind, um im Telegrammstil zu pointieren, u.a. (nach Marshall McLuhans berühmter Definition) Körperextensionen. Auch wer seine Sinne nicht bis in ferne, gar himmlische Gefilde ausdehnen kann, kann sakramental erfahren, kaufen und lesen, was es weit entfernt von ihm gibt. Medien sind Abwesenheitsüberbrücker. Der am Kreuz gestorbene Christus, der reiche Erblasser und der gestorbene Schriftsteller können noch die radikalste Form der Abwesenheit, den Tod, überwinden und als Abwesende in Brot und Wein, im testamentarisch verfügten Vermögen oder im bedeutenden Werk anwesend sein. Medien sind Unwahrscheinlichkeitsverstärker.

Dass Gott seinen Sohn für uns Sünder grausam sterben lässt, dass Schüler Goethe-Gedichte auswendig lernen müssen oder dass einer dem anderen seine wertvollen Güter überlässt, ist hochgradig unwahrscheinlich. Medien und insbesondere Leitmedien wie das Abendmahl, das Geld oder der Buchdruck sorgen dafür, dass diese Unwahrscheinlichkeiten eine deutlich höhere Durchsetzungschance erhalten. Medien sind Interaktionskoordinatoren. Unterschiedliche Individuen nehmen gemeinsam an der Kommunion teil, akzeptieren die gleiche Währung und lesen dieselbe (z.B. die Heilige) Schrift. Und Medien sind Sinnspeicher: im Abendmahl, im Geld und in Schriften wird Sinn archivierbar und zugänglich.

Konsensvermutungen

Nicht alle Massenmedien sind Leitmedien. Aber Leitmedien sind per se Massenmedien. Leitmedien zeichnen sich durch einen hohen Grad an Verbindlichkeit aus. Sie arbeiten anders als andere Massenmedien mit Konsenszumutungen. Sinn und Funktionsweise des Abendmahl-Sakraments sind im engeren Sinne theologisch-dogmatisch geregelt. Man riskiert religiöse Bürgerkriege, wenn man wie Luther, Zwingli und Calvin zu Hochzeiten des eucharistischen Leitmediums alternative Interpretationen von Brot und Wein vorschlägt; man würde noch heute Verstörung auslösen, wenn man während der Heiligen Messe über das rechte Verständnis von Brot und Wein diskutieren wollte. Nicht einmal frivole Achtundsechziger haben das getan. Ähnlich dogmatisch auf Konsens fokussiert ist das Leitmedium Geld. Geld ist ein gesetzliches Zahlungsmittel. Man sollte an der Kaufhauskasse nicht über Währungstheorien, über Probleme der Geld-Deckung oder über Georg Simmels Philosophie des Geldes diskutieren.

Leitmedien wollen nicht alternativ interpretiert, sondern allgemein akzeptiert, ja beglaubigt werden. Denn Leitmedien formieren Bedeutsamkeit in intersubjektiv verbindlicher Weise. Sie bieten geprägten Einheitssinn für alle: in dieser Hostie, in diesem Geldstück, in dieser Schrift ist Sinn Fleisch, Ding, Wert, Wort geworden, aufbewahrt und allgemein zugänglich. Es gibt (von Flugblättern bis Mobiltelephonen, von Opern bis Radiosendungen, von Tageszeitungen bis Internet- Blogs) zahlreiche Einzelmedien, darunter auch viele, die gleich mehrere der soeben angeführten nicht-trivialen Kriterien für das, was 'Medium' heißen soll, erfüllen. Es gibt bemerkenswert wenige Medien, die tatsächlich beanspruchen können, Leitmedien im Sinne von teilnahmepflichtigen Medien zu sein.

Und es gibt dramatisch wenige ontosemiologische Leitmedien. 'Ontosemiologie' ist ein kompliziert klingender Begriff. Er will aber ein ebenso einfaches wie weitreichendes Problem namhaft machen. Nämlich dieses: wie die Logik des Seins (Ontologie) und die des Sinns (Semiologie) zusammenfinden können, wie Kulturen es schaffen, plausibel zu machen, dass Sein sinnvoll und Sinn tatsächlich vorhanden und gegeben ist. Und die These dieses Essays lautet: ontosemiologische Leitmedien wie das Abendmahl oder das Geld versprechen "allen" nicht weniger als verlässliche Korrelationen von Sein und Sinn.

Die Bedrohung durch die Finanzkrise

Und eben dies ist der Grund, warum massive Börsen-, Banken- und Finanzkrisen wie die gegenwärtige Panik auslösen können. Sie bedrohen eben nicht "nur" die Realökonomie, sie erschüttern auch unseren Glauben an die elementare Verlässlichkeit von Zeichenordnungen überhaupt. Zahlen, wie sie auf Geldscheinen, Schecks, Überweisungsformularen, Kontoauszügen und Monitoren stehen, gelten in aller Regel als verlässlicher und berechenbarer als Buchstaben und Worte. Dennoch machen viele in diesen Tagen die Erfahrung, dass die Zahlen, die das Geld und die Welt der Finanzen bedeuten, nicht gedeckt sind.

Volkswirte lassen sich nur ungern von Geistes- und/ oder Kulturwissenschaftlern dreinreden. Das ist verständlich. Denn Kulturwissenschaftlern muss auffallen, dass die doch so berechenbar und rational scheinende Zahlensphäre der Finanzwirtschaft auf Voraussetzungen beruht, die entschieden religiös, weil beglaubigungsbedürftig sind. Es sind eben nicht "nur" wohlfeile Oberflächen-Analogien, die die Sphäre der Finanzen an die der Religion koppeln. Begriffe wie Schuldner und Gläubiger, Offenbarungseid und Erlös, Kredit und (Heilige bzw. Handels-) Messe sind unüberhörbar religiöser Herkunft. Sie verweisen darauf, welch entscheidende Rolle die Glaubensbereitschaft in der Finanz- wie in der Religionssphäre spielt. Ohne Gott- und Geldvertrauen geraten beide in tiefe Krisen. "In God we trust" ist bekanntlich auf den Geldscheinen der (in dieser Funktion künftig stark bedrohten) Weltleitwährung zu lesen.

Es gibt in beiden Sphären elementare Glaubensbekenntnisse, ohne die sie nicht funktionieren. Der tiefe Glauben an die "invisible hand" des Marktes, die alles so weise einrichtet wie Gottes unerforschlicher Ratschluss, gehört dazu. Wer sich in Finanz- und ökonomietheoretischen Kreisen die kecke Frage erlaubt, ob die unsichtbare Hand des Marktes deshalb unsichtbar ist und heißt, weil es sie nicht gibt, gilt sofort!als Ketzer - genau dies darf er so wenig in Frage stellen wie ein Theologe vor fünfhundert Jahren die Existenz Gottes.

Die Theodizee-Frage

Mit dem gegenwärtigen weltweiten, vom kultischen Zentrum kapitalistischer Religiosität, der Wallstreet, ausgegangenen Finanzbeben kommt die VWL nicht umhin, eine Frage zu stellen, die die Theologie seit mindestens 250 Jahren, nämlich seit dem Erdbeben von Lissabon im Jahre 1755, nicht mehr ausblenden konnte - die Theodizee- Frage. Wenn Gott allmächtig und gut ist - wie kann er dann zulassen, dass etwas so Böses passiert? Wenn die invisible hand des freien Marktes (und kein Markt war so liberalisiert wie der internationale Finanzmarkt der letzten beiden Jahrzehnte) letztlich alles recht fügt und ordnet - wie kann es dann solch üble ökonomische Verwerfungen geben, dass selbst fundamentalistische Liberale nach teuflischen Staatsinterventionen verlangen?

Offenbar kann man auch nach dem Erdbeben von Lissabon und späteren Katastrophen, die dieses Ereignis als harmlos erscheinen lassen, weiterhin an den grundgütigen Gott glauben; und ebenso kann man auch nach dem Erschlaffen der invisible hand an den funktionierenden Markt glauben. Man muss dann allerdings damit rechnen, dass man dran glauben muss.

Der kluge weibliche Kopf, der die Gretchenfrage stellt, wie der geliebte Wissenschaftler es mit der Religion habe, erkennt auch, dass Geld (bzw. in ihrer anachronistischen Diktion Gold) das neuzeitlich-moderne Leitmedium schlechthin ist, an dem "alles hängt" und von dem alles abhängt. Am Golde hängt, nach Golde drängt doch alles. Ach wir Armen.

Aus Forschung und Lehre :: November 2008

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