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Wirtschaft mit Gefühl

Von Uwe Jean Heuser

Im amerikanischen Yale entwirft der Ökonom Robert Shiller ein Menschenbild, das humaner ist als das vom Homo oeconomicus. Den heutigen Kollaps des globalen Finanzwesens hat der visionäre Realist schon vor Jahren vorausgesagt.

Wirtschaft mit Gefühl: Homo oeconomicus shiller© Yale UniversityProf. Robert Shiller
Als Robert Shiller 20 Jahre alt ist, weiß er immer noch nicht, was er werden soll. Physiker? Chemiker? Psychologe? Ökonom? Der schweigsame Student im dritten Jahr an der Universität von Michigan kann am besten nachdenken, wenn er wandert. Immer weiter werden seine Wege. Irgendwann fangen seine Füße an zu schmerzen, und der Schmerz hört nicht mehr auf. Shiller geht zum Arzt. Der erkennt das Problem sofort wieder: Dieselbe Fußverletzung haben Soldaten nach Gewaltmärschen.

Das ist Robert James Shiller pur: Er denkt nach bis zur Schmerzgrenze, interessiert sich für alles, kritisiert alles. Einen wie ihn muss der enge Kanon jeder Wissenschaft zum Widerspruch herausfordern. Er wurde schließlich Volkswirt und sagt, warum: »Wenn man Mathematik liebt und nah an den Menschen sein will, so wie ich, geht man in die Ökonomie.«

Er hat gut gewählt damals in Michigan. Shiller nahm das Fach, dessen Grenzen dringend erweitert werden mussten. Denn die Zeichen, dass es sich die Ökonomen mit ihren Modellen einer rationalen Idealwelt zu einfach machten, mehrten sich. Schließlich öffnete sich die »freudlose Wissenschaft«, wie sie lange genannt wurde, den Psychologen, die darlegten, dass die Menschen weder so rational noch so eigensüchtig handeln wie gedacht. Den Hirnforschern, die zeigten, dass emotionale Entscheidungen tief in unserem Kopf verankert sind.

Heute haben auch Ökonomen eine Chance, die ihre Wissenschaft von innen heraus verändern wollen. Es ist von atemberaubender Ungleichzeitigkeit: Während das globale Finanzwesen kollabiert und die Marktwirtschaft in die große Krise gerät, entwickeln Wirtschaftsforscher ein neues Denken. Und wie John Maynard Keynes erklärte, bestimmt dieses Denken mit einiger Verzögerung die reale Wirtschaft: Ökonomen seien extrem einflussreich, meinte der britische Wirtschaftswissenschaftler. »Die Welt wird in der Tat durch nicht viel anderes beherrscht. Praktiker, die sich ganz frei von intellektuellen Einflüssen glauben, sind gewöhnlich die Sklaven irgendeines verblichenen Ökonomen.«

Aber ist Robert Shiller wirklich ein Revolutionär? Der Professor von der ehrwürdigen Yale-Universität in Neuengland wirkt nicht so. Im Gegenteil: Scheu ist der schmale Mann im grauen Anzug mit dem vollen grauen, an der Seite gescheitelten Haar und den klassischen Gesichtszügen der Ostküsten-Aristokratie. Oft neigt er den Kopf nach unten oder lächelt verlegen. Tatsächlich ist Shiller ein ungewöhnlicher Revolutionär. Der notorische Grenzgänger beherrscht die alte Theorie genauso wie die neue Verhaltensanalyse, und er weiß: »Eine Seite wird immer überverkauft - auch in der Wissenschaft.« Also will er beides, einerseits die eleganten Modelle von früher weiterentwickeln und andererseits ein neues Gedankengebäude auf Basis des tatsächlichen menschlichen Handelns errichten. Schon sieht er das Risiko, dass die lieben Kollegen es auch mit der Verhaltensforschung übertreiben - und langweilt sich, weil er sich in den eigenen Vorlesungen zum Thema wiederholt.

Sein Vorbild ist kein Umstürzler wie Keynes, der englische Kämpfer wider den Liberalismus. Er liebt Adam Smith, den schottischen Urvater aller Ökonomen, der sowohl den Segen der Märkte beschrieb wie auch ihre Tendenz, sich selbst zu zerstören. Vor allem bewundert er ihn dafür, dass er kaum Vorläufer hatte und deshalb alles selbst entwickeln musste. Heute ist es Shiller, der nicht bloß kritisieren, sondern auch etwas aufbauen will. Der dafür sorgen möchte, dass Märkte Anbietern und Nachfragern nutzen und nicht im Kollaps enden.

»Ich bin ein Marktdesigner«, erklärt Shiller und irritiert schon mit dem Begriff viele Kollegen. Sie haben gelernt: Auf Märkten begegnen sich Anbieter und Nachfrager in freiem Austausch, und der Staat formuliert nur ein allgemeines Verbraucher- und Wettbewerbsrecht. Das reiche nicht auf allen Märkten, antwortet Shiller. Und er interessiert sich für die anderen, auf denen das freie Spiel zwischen Angebot und Nachfrage gar nicht erst in Gang kommt oder im Desaster endet.

Solche Märkte brauchen nicht bloß Grenzen des Gesetzes und des Anstands - sie brauchen Erfindungsreichtum. Mit Shiller glaubt eine neue Generation pragmatischer Forscher, Märkte seien nicht per se gut oder schlecht, die entscheidende Frage sei, ob sie funktionierten. Und daran arbeiten sie zum Beispiel, indem sie neue Auktionsmärkte im Internet schaffen. Auf solchen Märkten muss geregelt werden, wie geboten werden darf und wie ein Teilnehmer wann den Zuschlag gewinnt. Mithilfe von Spitzenökonomen experimentiert der Marktführer eBay so lange mit genauesten Vorgaben, bis ein stabiles Spiel von Angebot und Nachfrage entsteht.

Robert Shiller hat sich auf einen anderen regelbedürftigen Teil der Wirtschaft gestürzt: die Finanz- und Immobilienmärkte. Er hat so gut hingesehen, dass er sowohl den Crash der New Economy vor knapp zehn Jahren vorhersagte als auch den heutigen Kollaps. Beide Male konstatierte er in der heißen Phase des Booms einen »irrationalen Überschwang«, denn beide Male verloren die Anleger jedes Gefühl fürs Risiko. Während sie in normalen Zeiten Renditen von drei Prozent erwarteten, waren es nun 30. Die großen Gefühle verdrängten die Vernunft. Und solchen Phasen folgen der Crash, die Enttäuschung und die Übertreibung nach unten. Das zu verhindern ist sein Antrieb, der eines Erfinders, wie er sagt. Er führt ihn auf den Vater zurück, der diverse Patente errang, ohne aber als Unternehmer erfolgreich zu sein. »Ich bewundere Ingenieure und frage mich in Flugzeugen oder Zügen immer noch, wie diese Erfindungen möglich waren«, sagt der Sohn - und tüftelt selbst. So forderte er sein Land schon früh auf, Staatsanleihen herauszugeben, deren Zins mit der Inflation schwankt, damit sich die Bürger gegen das Risiko der Geldentwertung absichern konnten. Und tatsächlich brachte Bill Clintons Regierung dann solche Papiere heraus.

Schon in den achtziger Jahren sah Shiller auch, dass die Amerikaner gar kein Zahlenwerk besaßen, um den Verlauf ihrer Immobilienpreise über die Jahrzehnte zu verfolgen. Wie sollten sie dann erkennen, ob der Markt heiß lief? Mit dem Ökonomen Karl Case entwickelte er einen Index für die Preise von Einfamilienhäusern und vermarktete ihn geschickt. Sein Index ließ Shiller auch erkennen, dass sich die Häuserpreise im Boom zwischen den Jahren 2001 und 2007 schneller nach oben bewegten als je zuvor. Und auf Grundlage dieser unhaltbaren Preise erhielten die Käufer gewagte Hypothekenkredite, die dann in Wertpapieren verpackt und versteckt wurden, auf dass alle Welt bis hin zu deutschen Landesbankern mit ihnen spekulierte. Das konnte nicht gut gehen, und es ging dann schlecht. Da war Shiller schon einen Schritt weiter und schrieb, wie man solche Immobilienkrisen künftig vermeidet. Es wurde das Buch eines Homo Faber, man könnte auch sagen, ein Ausweis von Machbarkeitswahn. Obwohl neue Finanzprodukte die Krise erst auslösten, will er mit ihnen die Welt sicherer machen. So will er Hausbesitzer nicht bloß von Staats wegen mit allen erdenklichen Informationen und Warnungen versorgen, sondern ihnen auch einen Marktplatz schaffen, auf dem sie ihr Haus verbriefen können. Die Idee: Auf diese Weise können sie sich einen bestimmten Verkaufspreis sichern für die Zukunft und sich damit vor einem möglichen Preisverfall schützen. Ein Patent dafür hat Shiller schon, bald soll es solche Papiere an der Börse geben.

Der Mann, der das Irrationale betont, will den Markt durchrationalisieren. Ist das nicht gefährlich, Herr Professor - vor allem wenn sich Lobbyisten der Sache bemächtigen? »Schon, aber auch sonst begibt sich die Gesellschaft für den Fortschritt in Gefahr, wie bei der Kernkraft«, sagt er unbesorgt. »Bei der Verbriefung von Hypotheken etwa waren wir nicht gut genug und gingen es falsch an. Aber wir können das Problem lösen.« Was wird also Shillers Vermächtnis sein: dass er das menschliche Gefühl zurückholt in die wirtschaftliche Analyse? Oder dass er es mit seinen Innovationen wieder ausschaltet? So mancher Ökonom, der erforscht, wie uns Emotionen den Weg zum Wohlstand verbauen, versucht das Problem gleich zu lösen. Allen voran geht Shillers Mentor, Richard Thaler aus Chicago. Der Verhaltensökonom hat aus seiner Kenntnis der menschlichen Schwächen ein Verfahren entwickelt, wie Amerika seine Bürger mit kleinen Tricks dazu veranlasst, mehr fürs Alter vorzusorgen. »Libertären Paternalismus« nennt Thaler das: die Menschen mit geringfügigen Eingriffen zu ihrem Glück zwingen.

Nichts anderes schwebt Shiller vor. Erst einmal aber muss er die lieben Kollegen noch vom emotionalen Charakter des Wirtschaftlichen überzeugen. In Davos beim World Economic Forum war Shiller in diesem Winter der eine Starökonom, Nouriel Roubini aus New York der andere. Beide hatten die große Krise vorhergesagt. Hier der scheue Shiller, dort der offensive Roubini. Der erklärte mit Verve, wie die Menschheit sich an den Abgrund manövriert hat und warum das so kommen musste. Außerdem sagte er, um das zu erkennen, brauche man keine Emotionen und keine Verhaltenstheorien - sondern nur Fundamentaldaten. Im Verlauf des Treffens kontert Shiller. Die Psychologie sei entscheidend, denn die Fundamentaldaten seien unklar gewesen. So hätten Länder mit sehr unterschiedlichen Zinsraten eine gleich große Immobilienblase gehabt ... Nach und nach korrigiert er fast jede Aussage des Kontrahenten. Seine Botschaft: Mit Shiller, dem Wortschwamm, der schon als Kind jedes verfügbare Buch las und nebenbei von der Kassette Deutsch und Russisch lernte, legt man sich besser nicht an. Die Welt braucht ihn als Kämpfer für eine menschennähere Ökonomie. »Die Menschen kennen die tatsächlichen Zusammenhänge nicht und fällen trotzdem ihre Entscheidungen«, sagt Shiller eines späten Abends in Davos. Oft ignorierten sie neue Informationen sogar und machten schlicht weiter wie gehabt - bis die Masse umschwenke. Die Wirtschaftswissenschaft könne nur funktionieren, wenn sie solche Prozesse erkläre. Wenn sie wisse, wie Volkswirtschaften ins Chaos geraten. Recht hat er, sonst ist Ökonomie nur gut für ruhige Zeiten. Also hat er mit dem kalifornischen Ökonomen George Akerlof ein Buch über diese neue Theorie geschrieben: Animal Spirits. Es zeigt, wie sich die Emotionen und Empfindlichkeiten des Einzelnen zu Massenbewegungen hochschaukeln. Deren verheerenden Folgen müsse der Staat begegnen. Das freilich ist eine herkulische Aufgabe, weil die Politik im Boom versuchen muss, der allgemeinen Begeisterung entgegenzuwirken. Und das erfordert enorme Standfestigkeit.

Shiller wird an Lösungen arbeiten. »Ich bin ein Ingenieur, der dafür sorgen will, dass die Dinge funktionieren «, sagt er einfach. Die folgende Frage, wofür er den Nobelpreis erhalten könnte, bringt ihn nicht aus der Fassung. Er lächelt, und es wird klar: Das fragt er sich selbst manchmal. Dem Stockholmer Komitee kann man nur wünschen, dass sie den Shiller auszeichnet, der das wirtschaftliche Denken näher an den Menschen rückt. Denn davon werden die Praktiker der Zukunft, wie Keynes es so treffend sagte, am meisten haben.

Aus DIE ZEIT :: 02.04.2009

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