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Wissenschaftsrat: Bologna-Reform nicht ausfinanziert

 

Der Ausbau der Studienkapazitäten und die Aufstockung des Lehrpersonals sind dringend notwendig.

Wissenschaftsrat: Bologna-Reform nicht ausfinanziert© WissenschaftsratDer Wissenschaftsrats-Vorsitzende Peter Strohschneider
Der Wissenschaftsrat hat wegen der dramatischen Situation der Lehre an den deutschen Hochschulen Alarm geschlagen. "Die Lehre ist strukturell unterfinanziert. Die Betreuungsrelationen sind häufig schlecht", sagte der WR-Vorsitzende Peter Strohschneider der Deutschen Presseagentur. Vor allem in den Geistes- und Sozialwissenschaften sei die Lage "indiskutabel". So komme in der Germanistik ein Professor auf 153 Studenten.

Diese Problematik werde mit den neuen Bachelor-Studiengängen, die mit kleineren Gruppen und erhöhter Korrektur- und Betreuungsarbeit mehr Personal erforderten, noch dramatischer. "Die Bologna-Reform ist nicht ausfinanziert", sagte Strohschneider. Dies sei eine "ernsthafte Gefahr" für die Reformen zur Angleichung des europäischen Hochschulraums.

Strohschneider forderte eine breite, flächendeckende Verbesserung in Studium und Lehre an den Hochschulen. Dafür müssten Studienkapazitäten ausgebaut und das Lehrpersonal aufgestockt werden. Strohschneider kündigte Empfehlungen des Wissenschaftsrates zur Verbessserung der "Lehrkultur" an Hochschulen und Instituten an. Alle einzelnen Bemühungen würden jedoch ins Leere laufen, wenn es nicht gleichzeitig gelänge, einen Bewusstseinswandel zu initiieren.

"Erst wenn die Professoren der Lehre den gleichen Stellenwert beimessen wie der Forschung, können wir von einem wirklichen Erfolg sprechen", betonte Strohschneider. Er begrüßte den geplanten gemeinsamen Lehrwettbewerb von Kultusministerkonferenz und Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft, die künftig Konzepte von Hochschulen zur Strategieentwicklung in Lehre und Studium auszeichnen wollen. Der Stifterverband werde sich je zur Hälfte an den Preisgeldern in Höhe von insgesamt zehn Millionen Euro beteiligen.

Die Kultusministerkonferenz erwartet "deutliche Impulse für die notwendige Aufwertung der Hochschullehre". Neben der Forschung solle in Zukunft auch die Lehre maßgeblich und gleichrangig zur Reputation eines Wissenschaftlers beitragen.


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Angsttriebe - Ein Kommentar von Felix Grigat

Wenig ist so populär wie der Ruf nach Reformen. Vor allem bei denen, die von ihnen in Brot gesetzt werden. Können doch Legionen von Planern und Funktionären endlich ihre technokratischen Kasuistiken ausfeilen, sekundiert von willfähriger Tabellen- Forschung.

Eine Kleinigkeit wird dabei gerne unterschlagen: die Kosten. So machte sich niemand die Mühe, die Kosten der Bologna- Reform zu überschlagen. Knapp zwei Jahre vor dem geplanten Abschluss im Jahre 2010 mehren sich nun die warnenden Stimmen, "Bologna" sei nicht "ausfinanziert".

Selbst die größten Bachelor- und Master-Enthusiasten wie der Wissenschaftsrat und die Hochschulrektorenkonferenz sprechen von einer "ernsthaften Gefahr" für das Gelingen der Reform. Denn bislang gibt es keinen Heller für das, was stets als der Kern des Bologna- Unternehmens bezeichnet wurde: die bessere Betreuungsrelation.

Die Zeche zahlen weder Politiker noch Funktionäre. Die Zeche zahlen Professoren und Studenten. Der vielgerühmte Lehrwettbewerb von KMK und Stifterverband ist da eher mit einem Angsttrieb zu vergleichen, den manche Pflanzen bei Stress- und Mangelerscheinungen entwickeln.

Aus Forschung und Lehre :: April 2008

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