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Wissenschaftsrat vertagt Lehrempfehlungen

 

Der Wissenschaftsrat will vermehrt den Bereich "Lehre" stärken. Deshalb fordert er insbesondere eine bessere Betreuung der Studenten und eine höhere Anzahl an Semesterwochenstunden seitens der Professoren.

Wissenschaftsrat vertagt Lehrempfehlungen© WissenschaftsratPeter Strohschneider, Vorsitzender des Wissenschaftsrates
Der Wissenschaftsrat hat seine mit Spannung erwarteten Empfehlungen zur Qualität der Lehre an den Hochschulen zum dritten Mal verschoben. Sie sollen nun im Juli veröffentlicht werden.

Der Vorsitzende des Wissenschaftsrates, Peter Strohschneider, trat dem Eindruck, es habe Konflikte gegeben, entgegen. Es sei ein "umfassender Konsens" erreicht worden. Jetzt müsse noch am Text geschliffen werden.

Berlins Wissenschaftssenator Jürgen Zöllner sagte allerdings gegenüber dem Berliner Tagesspiegel: Gegen die Forderung, das Lehrdeputat für Professoren zu erhöhen, habe es bei der Maisitzung in Rostock "eine Revolution" gegeben. Nach Ansicht der Zeitung richte sich der Widerstand gegen die "Professuren mit Schwerpunkt Lehre".

Nach Informationen des Tagesspiegels, dem ein Entwurf der Empfehlungen vorliegt, fordere der Wissenschaftsrat, dass Professoren mit Schwerpunkt Lehre an den Universitäten bis zu zwölf Semesterwochenstunden unterrichten statt der heute vorgeschriebenen acht bis neun Stunden. Die Länder müssten es den Hochschulen aber ermöglichen, die Lehrdeputate für alle Professuren je nach Zeitaufwand, Anzahl der Studenten und Veranstaltungsform flexibel festzusetzen.

Auch fordere der Wissenschaftsrat ein neues Kapazitätsrecht. Die aktuellen Betreuungsverhältinsse seien vor allem an den Universitäten schlecht. Im Durchschnitt würden 58 Studenten von einem Professor betreut, in den Wirtschaftswissenschaften seien es gar 93 Studenten.

Die Hochschulen fordert der Wissenschaftsrat zudem auf, die Lehre systematisch aufzuwerten, berichtet der Tagesspiegel. So solle die Berufung von Professoren "konsequenter an den Nachweis von Lehrkompetenz" gebunden sein. Auch müssten die Hochschulen ein flächendeckendes Angebot von Tutoren und Mentoren schaffen.

Insgesamt müssten die Studiengänge "studierbar" gemacht, also inhaltlich und zeitlich besser abgestimmt werden. Die Qualität der Lehre solle künftig messbar sein. Dazu müssten die Hochschulen neuartige "Bewertungsinstrumente" aufbauen.

Der Tagesspiegel zitiert aus den Empfehlungen auch Kritisches über die Hochschullehrer. So heiße es: "Die Lehre wird in der Selbstwahrnehmung zur 'Belastung', Freiräume für Forschung hingegen zur 'Belohnung'". "Eine offensichtliche Vernachlässigung der Lehre und der Studentenbetreuung" werde allenfalls in Ausnahmefällen bestraft. Wer sich dagegen in der Lehre stark engagiere, sei durch den Zulauf der dankbaren Studenten und viele Prüfungen noch mehr belastet. Der Wissenschaftsrat mahne eine "neues verbindliches Verhältnis zwischen Lehrenden und Lernenden" an, betone jedoch, dass die Defizite in der Lehre nicht mehr allein durch individuelle Anstrengungen kompensiert werden könnten.

Der Wissenschaftsrat fordert nach Auskunft der Zeitung jährlich 1,2 Milliarden Euro zusätzlich für die Hochschulen, um die Lehre zu verbessern. Von dem Geld solle demnach vorrangig neues Personal "mit dem Schwerpunkt Lehre" finanziert werden. Zudem sollten Hochschulen und Länder "Fortbildungseinrichtungen" und überregionale "disziplinäre Fachzentren" aufbauen, in denen Lehrende fortgebildet und didaktische Konzepte entwickelt werden.

Jan-Hendrik Olbertz, Wissenschaftsminister in Sachsen- Anhalt und Vorsitzender der Verwaltungskommission des Wissenschaftsrates, sagte gegenüber dem Tagesspiegel, die pauschale Forderung von 1,2 Milliarden Euro könne so nicht stehen bleiben. Sie eröffne den Finanzministern die Möglichkeit, "sie schnell vom Tisch zu wischen".

Zwar veranschlage der Wissenschaftsrat für zusätzliche Personal- und Sachmittel 670 Millionen Euro jährlich sowie für Beratungs-
und Betreuungsangebote 530 Millionen. Es sei aber nach Ansicht von Olbertz nicht plausibel, wie diese Beträge zustanden gekommen seien.

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"Sparrat?" Der Kommentar von Felix Grigat

Der Wissenschaftsrat hat seine Empfehlungen zur Qualität der Lehre wieder nicht veröffentlicht. Von Streit im Gremium, gar von Revolution ist die Rede. Die Forderung nach Lehrprofessuren und einer Erhöhung des Lehrdeputats scheint nicht allen Mitgliedern der Ratskommission einzuleuchten.

Das wäre gut so, geht es doch darum, die Universitäten vor dem Umbau in Lehrfabriken zu bewahren. Aber es geht auch um das Gremium selbst. Führt der Rat die Wissenschaft noch zu Recht in seinem Namen oder mutiert er zum Sparrat der Finanzminister?

Mit Lehrprofessuren und der Erhöhung des Lehrdeputats wird vielleicht die Quantität der Lehre preisgünstig gesteigert, nicht aber die Qualität. Die geplante forcierte Didaktisierung der Universität verbunden mit weiteren Kontrollen ("Bewertungsinstrumenten") trägt weiter dazu bei, die Wissenschaft aus der Universität zu vertreiben.

Dazu kommt die Abkehr von der Fach- hin zur Kompetenzorientierung bei der Neukonzeption der Studiengänge. Eine unheilvolle Allianz.

Autor: Felix Grigat
Felix Grigat, M.A., ist verantwortl. Redakteur von Forschung & Lehre.

Aus Forschung und Lehre :: Juni 2008

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