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Zum Problem der europaweiten Gültigkeit von Leistungsnachweisen

Von Jan-Martin Wiarda

Die Idee europaweit gültiger Leistungsnachweise klingt so gut. Doch nach dem Auslandssemester kommt der Kampf mit der Bürokratie.

Zum Problem der europaweiten Gültigkeit von Leistungsnachweisen© HRKRüdiger Jütte, HRK
Wenn Rüdiger Jütte sich über den Stand der Studienreform informieren möchte, muss er nur in seinem Posteingang nachschauen. Derzeit findet er dort besonders viele E-Mails. Es sind die Hilferufe deutscher Studenten. Mit jeder Menge bestandener Klausuren und Hausarbeiten im Gepäck kehren sie zurück von ihrem Auslandsjahr in Edinburgh, Mailand oder Kopenhagen und fallen aus allen Wolken: Alles nichts wert in der Heimat. Die Gleichwertigkeit sei nicht gegeben, urteilen die Prüfungsausschüsse in gnadenlosem Amtsdeutsch. Aber es gibt doch Bologna!, schreiben die verzweifelten Studenten dann an Rüdiger Jütte, Referatsleiter für Äquivalenzen und Anerkennung bei der Hochschulrektorenkonferenz (HRK). Der kann oft nur die Achseln zucken: Die Sache mit der Äquivalenz sei eben leider doch komplizierter als die bloße Addition von Kreditpunkten. "Es gibt da keine letzte Sicherheit."

Die Studenten sind der Gunst ihrer Professoren ausgeliefert

Ein ernüchternder Satz, wenn man bedenkt, mit welchen Vorsätzen die Bologna-Reform an den Start gegan gen ist. Neben den neuen Abschlüssen Bachelor und Master galt das Versprechen akademischer Reisefreiheit als eine ihrer Zauberformeln. Ein Versprechen mit vier Buchstaben: ECTS. Die Abkürzung steht für European Credit Transfer System und soll eine gemeinsame europäische Währung für Stu dienleis tun gen sein. In ECTS-Kreditpunkten ausgedrückt, sollen sie vom Ausland problemlos an die hei mi sche Uni transferiert werden können. Doch die Realität sieht immer noch anders aus: Viel zu oft sind die rei sefreu di gen Studenten Bittsteller ohne Rechte, der Gunst ihrer Professoren ausgeliefert, die mit einer verweigerten Unterschrift ganze Stu dien pläne über den Haufen werfen. Und das Bitterste ist: Viele Rückkehrer ahnen nichts von den Problemen, sie haben auf die Bologna- Hochglanzbroschüren vertraut. Bernhard Kempen, Präsident der Professorenvereinigung Deutscher Hochschulverband (DHV), zürnt: "Durch ECTS werden systematisch falsche Hoffnungen geweckt."

Mit der Kritik am ECTS wachsen die Zweifel am einzigen Grundpfeiler des Bologna-Prozesses, der bislang vom Sturm verschont geblieben ist. So erreicht das bereits ernste Imageproblem der Hochschulreform eine neue Dimension - was umso ärgerlicher ist, weil längst erste Erfolge der Reform sichtbar werden und viele Schreckensmeldungen über Abbrecherquoten, Planungschaos und grenzenlosen Stress für die Bachelorstudenten übertrieben waren. Jetzt aber nehmen die Bologna-Kritiker auch die Idee der international einheitlichen Kreditpunkte aufs Korn, die als Inbegriff von Einfachheit und Transparenz galt.

Das Grundprinzip des ECTS ist schnell erklärt: Ein dreijähriges Bachelorstudium besteht aus 180 ECTS-Punkten, 30 pro Semester. Jeder Punkt soll einer Arbeitsbelastung von 30 Stunden für den Studenten entsprechen. Für ein Vorlesungsmodul mit 4 Punkten müsste er also 120 Stunden arbeiten, für sein Studium 5400 Stunden. Theoretisch. Denn bislang fehlt eine europaweit einheitliche Regelung, wie sich studentische Arbeitsstunden überhaupt messen lassen - ohne dass die Eitelkeit der Professoren für Verzerrungen sorgt oder die Selbstüberschätzung der Studenten, die nach ihrem Arbeitsaufwand befragt werden. Hinzu kommt, dass etwa die Briten einen ECTS-Punkt schon für 20 Stunden hergeben, die Schweden für 26 bis 27 Stunden: Das ECTS täuscht eine riskante Pseudogenauigkeit vor. Denn zu viele Uni-Hopper glauben so, dass die Anerkennung ihrer Studienleistungen nur noch Formsache sei, und verzichten auf zusätzliche Absprachen. Ein Fehler, denn längst nicht alle Hochschulen, auch nicht die großen, haben detaillierte Abkommen miteinander, was die gegenseitige Anerkennung angeht. Wenn kein sogenanntes Learning Agreement zwischen Student, Gast- und Heimatuni geschlossen wurde, ist bei der Anrechnung selbst dann schnell Feierabend, wenn Inhalt und ECTS-Punktzahl der betreffenden Kurse übereinstimmen. Immerhin: Die heimischen Professoren können Gnade walten lassen. Doch der Vorteil gegenüber der Vor-ECTS-Ära ist gleich null.

Das äußerst erfolgreiche Erasmus-Austauschprogramm, das jedes Jahr fast 25.000 deutsche Studenten an Europas Hochschulen sorgenfrei studieren lässt, beweist, wie reibungslos Learning Agreements und feste Hochschulkooperationen funktionieren. Meistens zumindest. Denn selbst die können irgendwann nicht mehr helfen: dann nämlich, wenn beispielsweise ein Mathe-Grundkurs in Edinburgh von den Lernzielen her identisch ist mit dem Mathe- Grundkurs in Berlin, aber mit nur drei ECTSPunkten eingetragen ist - im Gegensatz zu vier in Berlin. Spätestens dann winken selbst die kooperativsten Prüfungsausschüsse ab. "Genau das ist die Stelle, wo die Pseudogenauigkeit von ECTS nicht nur nichts verbessert hat, sondern zu einer Verschlechterung geführt hat", sagt DHV-Präsident Kempen. "Früher konnten wir Professoren die Regelungslücken ausnutzen und einen Schein ausstellen. Diese Möglichkeit ist uns jetzt genommen."

Jede Hochschule hat ihre eigene Version der neuen Abschlüsse entwickelt

Noch größer wird die Verwirrung, wenn die Studenten die Hürde der generellen Anrechnung geschafft haben und die im Ausland erzielten Zensuren in die heimische Skala umrechnen lassen wollen. Um die unterschiedlichen Notensysteme kompatibel zu machen, greifen die ECTS-Schöpfer auf einen Leistungsvergleich zurück. Beispiel Mathekurs: Die Edinbur gher Uni gibt an, der deutsche Gast habe zu den bes ten zehn Prozent der Studenten gehört. Doch worauf bezieht sich die Angabe? Auf den Kurs, aufs Fach oder die Hochschule? Und allein auf dieses Studienjahr oder die letzten drei? Die EU will die vergangenen zwei Jahre zum Minimalstandard machen; wenn die Hochschulen erst mal alle Noten ihrer Studenten in ein Computersystem eingegeben hätten, sei dies ja außerordentlich leicht zu handhaben, heißt es. Doch Studenten fürchten um den Schutz ihrer Daten, Universitäten den Aufwand der Datensammlung. ECTS - außer viel Bürokratie nichts gewesen?

Volker Gehmlich ist einer der Väter des ECTS. Ihn ärgern all die Vorwürfe an das System, die jetzt erhoben werden. "Die Kreditpunkte waren immer als eine Orientierungsgröße gedacht, als Richtwerte für die rein quantitative Arbeitsbelastung der Studenten. Sie sollen eine Hilfe sein, mehr nicht." Entscheidend für eine Anrechnung sei die Qualität einer Lehrveranstaltung, dokumentiert durch Lernergebnisse. "Natürlich können die Hochschulen immer noch genauso selbstständig über die Anrechnung entscheiden wie vor ECTS", sagt der Osnabrücker BWL-Professor. Anderes habe auch nie jemand behauptet. "Professoren können sogar aus drei ausländischen vier heimische Credits machen, wenn sie wollen." Womöglich ist der Grund für das Imageproblem des ECTS tatsächlich ein Missverständnis. Als Orientierungshilfe im internationalen Austausch ist es unverzichtbar, zudem wäre der Umbau der Studiengänge ohne die Kreditpunkte undenkbar gewesen (siehe unten).

Doch wer ist schuld an dem Missverständnis, haben die Reformfans in ihrer Euphorie wirklich überzogene Erwartungen geweckt? Bernhard Kempen sagt, Bund, Länder und Hochschulrektoren hätten die Professoren mit ihrer Bologna-Rhetorik überflutet und dann bei der Umstellung allein gelassen. "So haben sich die Hochschulen zu Einzelkämpfern ent wickelt mit selten kompatiblen Versionen der Reform." Volker Gehmlich sieht das anders: "Das Problem ist, dass wir Deutschen keine Unsicherheit mögen. Viele Fachbereiche haben lieber starre Regeln bei der Anerkennung eingeführt, anstatt flexibel zu sein."

"Die ganze Debatte bringt nichts, wenn wir nicht an der Idee von Bologna festhalten", sagt Wilfried Müller, Rektor der Uni Bremen und Vizepräsident der HRK, die unter Bologna-Gegnern häufig das Feindbild schlechthin ist. "Erst durch ECTS ist das Bewusstsein entstanden, dass die Anerkennung kein Willkürakt der Professoren sein sollte. Jetzt müssen wir daran arbeiten, dass das System in der Praxis besser funktioniert." Und plötzlich ist der HRK-Vertreter ein Herz und eine Seele mit dem Professorengewerkschafter, dessen Verband vielen Hochschulrektoren als der notorische Bremser gilt: Kempen will eine europaweite Harmonisierung der Studienmodulgrößen, einen Abgleich der Inhalte und neue Kooperationsverbünde zwischen den Hochschulen. Eine Forderung, der auch der ECTS-Experte Gehmlich zustimmt. "Wenn wir eine gemeinsame Modulgröße hätten, wären wir viele Probleme los."

Vielleicht ist das die Chance in der Krise: Bologna- Fans und -Gegner sehen ein, dass sie im Interesse der Studenten aufeinander zugehen müssen. Sowenig das ECTS sein Versprechen bislang eingelöst haben mag, als Ideal unbegrenzter akademischer Reisefreiheit hat es nichts von seiner Strahlkraft eingebüßt.


Sauber abgerechnet
Das European Credit Transfer System (ECTS) entstand Ende der achtziger Jahre, fast ein Jahrzehnt bevor der Begriff "Bologna-Prozess" erfunden war. Die Punkte wurden von Professoren ersonnen, die Studenten die Anrechnung ihrer Auslandssemester erleichtern wollten. Zwischen den am Studentenaustauschprogramm Erasmus beteiligten Unis funktioniert das System auch bis heute weitgehend reibungslos: Sie bescheinigen ihren Studenten die erbrachten Studienleistungen in Kreditpunkten, die europaweit denselben Wert haben.

Erst durch die Hochschulreform wandelte sich das ECTS, was sich auch in seinem Namen bemerkbar machte: Offiziell steht ECTS jetzt für European Credit Transfer and Accumulation System. Es geht also nicht mehr nur um den Transfer von einer Hochschule an die andere, sondern seit sämtliche Abschlüsse auf Bachelor und Master umgestellt werden, ist das ECTS zur entscheidenden Rechnungseinheit für Studienleistungen schlechthin geworden: Für 30 Stunden Arbeit bekommt der Student einen Punkt. Eine große Chance und Herausforderung zugleich - wenn Fachbereiche ihre Studiengänge ECTS-tauglich machen, müssen sie ganz neu über die Strukturierung der Inhalte diskutieren: Wie viele ECTS-Punkte verdient ein Vorlesungsmodul? Ist es in der vorgesehenen Zeit tatsächlich zu schaffen, und wie viele Veranstaltungen sollte man in ein Semester packen? Kurzum: Die Kreditpunkte führen zu einer sinnvolleren Studienorganisation und, hoffentlich, einer besseren Studierbarkeit.

Doch seit bei der hochschulinternen ECTSPlanung nicht mehr der Auslandsaustausch im Vordergrund steht, leidet seine internationale Vergleichbarkeit. Das Problem ist endlich erkannt: Die Europäische Union entwirft neue Regeln für die Notenvergabe, das Bologna- Zentrum der Hochschulrektorenkonferenz arbeitet an praxisnahen Empfehlungen zur Anerkennung ausländischer ECTS-Punkte.

Aus DIE ZEIT :: 30.10.2008

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