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Von der großen Liebe zur Juniorprofessur

Von Julia Becker

Keine seitenstarke Habilitationsschrift, dafür mehr Lehre im Hörsaal: Die Juniorprofessur ist seit sieben Jahren eine Alternative zur Habilitation. Wie's geht, zeigen zwei Beispiele aus Aachen und Berlin.

Von der großen Liebe zur JuniorprofessurErika Abraham (38) ist Juniorprofessorin der Informatik an der RWTH Aachen
Ein verrücktes Abenteuer war es, mit dem Erika Abraham ihre wissenschaftliche Karriere in Deutschland begann. Sie war jung, hatte ihr Abitur mit 1,0 bestanden und vor allem: Sie war verliebt. In einen jungen Deutschen, der ein paar Monate ihre Heimat Ungarn besuchte. Als sich die gemeinsame Zeit dem Ende neigte, beschloss die damals 19-Jährige kurzerhand, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen zu ihrer großen Liebe nach Kiel zu ziehen.

"In dem Alter denkt man nicht so viel nach. Aber wenn ich heute zurückschaue, sträuben sich mir schon manchmal die Nackenhaare", lacht Abraham. Heute ist Abraham 38 Jahre alt, hat mit ihrem Mann zwei Kinder und ist seit Oktober Juniorprofessorin der Informatik an der Eliteuniversität RWTH Aachen.

Damit ist die Ungarin eine von derzeit rund 800 Juniorprofessoren deutschlandweit. Fünf bis sechs Jahre dauert diese Ausbildung. "Wenn ich in eine Professur übernommen werde, dauert die Juniorprofessur fünf Jahre, wenn nicht, sechs", erklärt Abraham. Anders als bei der Habilitation - dem alternativen Weg zur Lebensprofessur - müssen die jungen Wissenschaftler in dieser Zeit keine Habilitationsschrift anfertigen, dafür aber mehr an der Universität lehren, eigenständig Forschungsmittel akquirieren, Artikel in Fachzeitschriften veröffentlichen und international Kontakte pflegen. Nach drei Jahren erfolgt eine Zwischenevaluation, die darüber entscheidet, ob die Juniorprofessur auf die volle Laufzeit verlängert wird.

Entstehung und Entwicklung der Juniorprofessur

Die Juniorprofessur wurde 2002 vom Bundesministerium für Bildung im Rahmen der Neufassung des Hochschulrahmengesetzes eingeführt, um jungen, exzellenten Wissenschaftlern die Möglichkeit zu geben, auch ohne Habilitation an der Universität zu lehren und zu forschen.
Nach einem Urteil des Bundesverfassungsgerichts im Jahr 2004 musste die Förderung der Juniorprofessur durch den Bund jedoch eingestellt werden. Seither stagniert die Anzahl der Juniorprofessorenstellen, da diese nun ausschließlich von den Bundesländern bzw. Universitäten finanziert werden.

Pendeln zwischen Berlin, Stanford und Florenz

Ein Grund für die Einführung der Juniorprofessur im Jahr 2002 war, den Weg zur Lebensprofessur an internationale Vorbilder anzugleichen, um ein höheres Maß an Vergleichbarkeit zu schaffen. Deshalb hat sich auch der Schweizer Lars Börner für die Juniorprofessur entschieden. Er glaubt, dass er auf dem internationalen Arbeitsmarkt mehr Chancen mit einer Juniorprofessur hat: "Das Konzept ist sehr stark angelehnt an die Assistenzprofessur in den USA oder der Schweiz. Das erhöht die internationale Anerkennung der Juniorprofessur deutlich", erklärt Börner.

Der 36-Jährige ist mit Leib und Seele Wirtschaftshistoriker. "Es fasziniert mich zu erforschen, wie und warum sich in der Vergangenheit Gesellschaften entwickelt haben", schwärmt Börner. Um seinen Traum von einer Professur zu verwirklichen, hat er alle Chancen genutzt, die sich ihm boten: Während des Studiums hat sich Börner als Gastforscher an der Stanford University einen Namen gemacht und wurde Max-Weber-Fellow am European University Institute in Florenz. Jetzt ist er seit Oktober Juniorprofessor an der Freien Universität Berlin (FU), ausgezeichnet in der Exzellenzinitiative. Bis heute pflegt Börner Kontakte in die USA, nach Italien und in die Niederlanden.

Exzellente Noten - trotz außergewöhnlicher Umstände

Genau diese Flexibilität und Weitsicht ist an den Universitäten gefragt. Wer Studium und Promotion an einer Universität verbracht hat, hat kaum eine Chance auf eine Juniorprofessorenstelle. So ist Erika Abraham während ihrer Promotion zwischen Deutschland und den Niederlanden gependelt, weil sie dort an Forschungsprojekten mitarbeitete. Zweimal zog die junge Frau mit ihrer ganzen Familie um.

Neben dieser Flexibilität werden exzellente Noten in Studium und Promotion erwartet. Abraham schloss ihr Informatik-Diplom mit 1,0 ab - und das, obwohl sie in der letzten wichtigen Prüfung drei Wochen vor der Entbindung ihres ersten Kindes stand. "Der Professor war aufgeregter als ich, als ich mit dem kugelrunden Bauch vor ihm saß. Er sagte immer wieder, ich solle mich bloß nicht aufregen", erinnert sich die fröhliche Frau mit langem braunen Haar. Abraham ist gut darin, exzellent zu arbeiten, auch wenn die Umstände widrig sind.


Hartes Berufungsverfahren und viel Arbeit

Wer in der ersten Bewerbungsrunde überzeugen kann, wird zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen. "Ich musste einen Fachvortrag halten und diesen im Anschluss vor der Kommission verteidigen. Danach habe ich noch meine Lehrideen vorgestellt", erzählt Lars Börner. Insgesamt hat das Vorstellungsgespräch etwas mehr als anderthalb Stunden gedauert: "Da war ich vorher schon ganz schön aufgeregt. Aber da ich ein sehr gutes Konzept hatte, lief es wirklich gut."

Von der großen Liebe zur Juniorprofessur Der Wirtschaftshistoriker Lars Börner (36) ist Juniorprofessor an der FU Berlin
Heute verbringt Börner seine Tage oft von morgens früh bis abends um 23 Uhr in der Universität. Erika Abraham verlässt wegen ihrer Kinder die Universität oft früher, nimmt sich die Arbeit aber mit nach Hause. Derzeit bringen die beiden Juniorprofessoren rund 50 Prozent ihrer Arbeitszeit für Lehre und administrative Tätigkeiten auf - mit der Zeit wird dieser Anteil jedoch geringer, da sich Lehrveranstaltungen wiederholen und Anträge für Forschungsmittel bereits gestellt wurden. Dadurch steigt der Anteil der Forschung, die die Juniorprofessoren neben der Lehre ebenfalls intensiv betreiben sollen.

Wenn die Freude am Fach zum Schlafmangel führt

Zeit für Hobbys bleibt den beiden Wissenschaftlern kaum. "Oft fehlt es mir sogar an Schlaf, weil ich, wenn ein ungelöstes Problem da ist, sofort nach der Lösung suchen muss", schmunzelt Erika Abraham, die an ihrem Fachbereich besonders die Verbindung aus mathematischer Theorie und ingenieurwissenschaftlicher Praxis liebt. Nur mit sehr viel Leidenschaft für sein Fach ist man in einer Juniorprofessur richtig aufgehoben, da sind sich beide Wissenschaftler einig.

Eine Garantie, nach der Juniorprofessur in eine feste Professur übernommen zu werden, gibt es nicht. Eine direkte Übernahme - genannt Tenure Track - ist laut einer CHE-Studie nur bei 8 Prozent der Juniorprofessoren garantiert. "Bei uns wird rund die Hälfte der Juniorprofessoren übernommen, da bin ich noch motivierter, meine Arbeit sehr gut zu machen", sagt Erika Abraham. Ob man übernommen wird, erfahren die Wissenschaftler meist im fünften Jahr der Juniorprofessur. "Diese Unsicherheit für die Zukunft ist für mich der größte Nachteil. Sollte ich keine Professur erhalten, bin ich für andere Stellen deutlich überqualifiziert", so die Ungarin.

Von rund 800 Juniorprofessoren

  • sind 28 Prozent Frauen
  • sind 54 Prozent Eltern
  • haben 8 Prozent eine Übernahmeoption in eine Lebensprofessur ohne erneute Bewerbung
  • schaffen 98 Prozent die Zwischenevaluation
  • würden sich 71 Prozent wieder für eine Juniorprofessur entscheiden
  • haben 94 Prozent die deutsche Staatsbürgerschaft
  • finden 60 Prozent die Zeit für Forschung sei zu gering
  • finden 62 Prozent den Aufwand für die Verwaltungsaufgaben zu hoch
  • überlegt rund die Hälfte, zusätzlich zur Juniorprofessur noch zu habilitieren


Quelle: CHE-Studie 05/2007

Manchmal gibt es Startgeld, oft müssen Mittel selbst akquiriert werden

Erika Abraham leitet eine eigene Forschungsgruppe mit dem Schwerpunkt "Theorie der hybriden Systeme". Abraham hat das Glück, dass die RWTH Aachen ihr neben ihrem Grundgehalt ein großzügiges Startgeld für den Aufbau einer solchen Gruppe zur Verfügung gestellt hat. Ein solches Forschungsstartgeld erhalten nicht alle Juniorprofessoren. Die meisten, wie Lars Börner, müssen ihre Forschungsmittel selbst akquirieren. Grundsätzlich erhalten Juniorprofessoren ein Gehalt entsprechend der Beamten-Besoldungsgruppe W1 - das entspricht einem Gehalt von rund 3660 Euro brutto.

Von ihrem Startgeld hat Abraham bereits zwei Doktoranden eingestellt. "Ich genieße die enge Gemeinschaft in Kombination mit dem hohen Anspruch, den ich an unsere Arbeit stelle", sagt Abraham, die nach ihrer Promotion zunächst in Forschungseinrichtungen gearbeitet hatte. "Dort fehlte mir aber das eigenständige Forschen und das Entdecken von neuen Dingen, wie ich sie nun in der Juniorprofessur habe", erklärt Abraham ihre Entscheidung für den Wechsel.

Entscheidung für Habilitation nach Juniorprofessur

Viele Wissenschaftler entscheiden sich, zusätzlich zur Juniorprofessur zu habilitieren. "Diese Option halte ich mir offen, denn das Ablegen einer Habilitation ist eine Ehre für jeden Wissenschaftler", erklärt Abraham und spricht damit aus, was laut CHE-Studie rund 50 Prozent der Juniorprofessoren denken. Die Habilitation gilt an vielen deutschen Universitäten, gerade in den Geistes- und Sozialwissenschaften, immer noch als wichtigstes Element auf dem Weg zur Lebensprofessur.

Quelle: academics

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